Samstag, 14. März 2009

Erzbischof von Recife: Abtreibung schlimmer wie Hitler's Judenverfolgung

Dom José Cardoso Sobrinho, Erzbischof von Recife / Pernambuco, steht zur Zeit im Mittelpunkt des Interesses, nachdem er im Fall der Abtreibung bei einem vergewaltigten 9-jährigen Mädchen die ausführenden Ärzte für exkommuniziert erklärt hat. Jetzt hat er der brasilianischen Zeitung "Veja" ein Interview gegeben, in welchem er versucht seine Aussagen zu erklären.

"Veja" schreibt, dass Cardoso Sobrinho eher ein Kirchenmann aus der zweiten Reihe der kirchlichen Würdenträger ist. Er ist 75 Jahre alt, klein von Gestalt und macht einen stolzen, eigensinnigen Eindruck.

Der Erzbischof sagt, dass er nichts bereut. Auch wenn es in Brasilien grosse Aufregung wegen seiner Äusserungen gegeben habe. Es sei nur ein Fehler gewesen, dass er auf die Exkommunikation, die nach kanonischem Recht automatisch erfolgte, nochmals extra hingewiesen hätte. Angesprochen auf die grosse Aufregung, die seine Äusserung auch bei Katholiken hervorgerufen hätte, meinte er, dass das Gesetz Gottes über Allem stehe, auch über den Gesetzen der Menschen. Er weist daraufhin, dass er dafür grosse Unterstützung durch die Kurie in Rom erfahren habe. Er habe einen Brief von Giovanni Battista Re, dem Chef der Glaubenskongregation erhalten, in welchem dieser ihn sehr gelobt habe.

Gefragt, warum der Vergewaltiger des 9-jährigen Mädchen nicht auch automatisch exkommuniziert worden sei, eiert er rum, erklärt, dass die Abtreibung ein unschuldiges Wesen betroffen habe, die Vergewaltigung zwar auch ein böses Vergehen sei, sich aber gegen einen Erwachsenen (adulto) richte. Das 9-jährige Mädchen wird damit mal schnell zur schuldigen Erwachsenen gemacht. Da er merkt, dass der Widerspruch doch etwas eklatant ist, fügt er hinzu: "Jede intelligente Person ist in der Lage, dies zu verstehen" (Qualquer pessoa inteligente é capaz de compreender isso).

Er wird dann auch gefragt, was denn die Kirche für das Mädchen getan hätte, um es von der Abtreibung abzubringen. Er weicht aus, das Mädchen habe nicht in seiner Dözese gewohnt, aber in der Nachbardiözese Pesqueira habe man ihr umfassende Hilfe angeboten. Er benutzt diesen Zusammenhang noch einmal, um darzustellen, dass man alle Hebel in Bewegung gesetzt habe, um die Abtreibung zu verhindern. "Veja" musste noch einmal nachhaken und fragen, was man denn dem Mädchen an tatkräftiger Hifle angeboten habe. Ja, natürlich hätte man dem Mädchen geholfen, es hätte sicher keinen Hunger leiden müssen (nem passava fome), es gäbe auch Obdachlosenunterkünfte, wo man sie hätte unterbringen können (Nós temos aí abrigos para os pobres). Dann weicht er wieder auf das Gesetz Gottes aus, das Vorrang habe.

Mit dem kleinen Mädchen hat er sich nicht getroffen. Gefragt, ob er ihren Namen kennt, muss er auch passen.

Angesprochen auf die heftigen Kritiken bezüglich seiner Person, will er die Schwere der Sünde der Abtreibung beschreiben und greift zu folgendem Beispiel: "In Brasilien gibt es 1 Million Abtreibungen jedes Jahr. Ich möchte daran erinnern, was im 2 Weltkrieg passiert ist. Hitler, der Diktator, wollte das jüdische Volk ausrotten und man sagt, dass es ihm gelungen ist 6 Millionen Juden zu töten. Wir können dieses Delikt nicht vergessen. Aber jetzt frage ich: Warum sollen wir schweigen, wenn es 50 Millionen Abtreibungen in der Welt gibt? Ich nenne das den stillen Holocaust (Eu chamo isso de o holocausto silencioso)."

Scheinbar handelt es sich bei diesem Vergleich um eine Sprachregelung aus dem Vatikan. Denn er ist bei katholischen Würdenträgern sehr beliebt.

Das Mädchen sei nicht exkommuniziert worden. Er wisse nicht, ob sie sich einer Schuld bewusst sei. Dann solle sie bereuen und beichten, damit ihr vergeben werde.

"Veja" fragt: "Und wenn sie das Mädchen vor sich hätten, was würden sie ihm sagen?". Antwort: "Ich würde ihr sagen, was passiert ist, ist passiert. In Zukunft musst du im Sinne der Religion leben wie die andern Kinder deines Alters: In die Kirche gehen und den Katechismus lernen. Er wäre gut, wenn die Kinderchen (criancinhas) so wären wie früher, als sie noch keinen Verstand hatten, aber schon das Vaterunser (Pai-Nosso) und das Ave-Maria beten konnten.

"Und was würden sie ihrem Vergewaltiger sagen?". Antwort: "Ich würde versuchen, ihn zu bekehren. Ich würde ihn fragen, ob er seinen Fehler erkennt und ihn bereut. Ich würde ihm sagen, er solle um die Verzeihung durch Gott bitten und würde mit ihm ein Gebet sprechen."

"Veja" hatte zu Beginn darauhingewiesen, dass es hier um den Streit in katholischen Kirche geht, ob sie für eine "Doktrin der Liebe oder für Liebe zur Doktrin steht". Es sieht so aus wie wenn sich der Erzbischof für die juristische Seite entschieden hat. Hoffentlich ist wenigstens für seinen Gott Liebe nicht nur ein leeres Wort!

Informationsquelle: Veja, Não reclamem ao bispo