Samstag, 10. April 2010

Rumänen gehen sich an die Gurgel

"Wir haben keinen Feind, aber wir leben ständig im Gefühl bedroht und attakiert zu werden", dies ist der Meinungskommentar von Petre Barbu, leitender Herausgeber der Zeitung "Adevarul". Er versucht hier dem Phänomen auf den Grund zu gehen, dass die Rumänen keine Geduld haben, ständig gestresst sind und meinen gegen Alles um sich schlagen zu müssen. Seine Ausführungen gebe ich nachstehend wieder.

"Am Fernsehen habe ich gewalttätige Bilder aus dem Strassenverkehr gesehen. Ein Explosion von Fäusten und Fusstritten. Fahrer, die schmerzhaft zuschlagen und Fahrer, die die Schläge stoisch einkassieren. Wir sind mitten im urbanen Krieg. Es fehlen nur noch die Maschinengewehre. Die Kämpfe im Strassenverkehr kann man nicht nur einfach unter "Verschiedenes" bringen, da dabei oft Blut fliesst und es Tote gibt. Verprügelt zu werden, weil man es sich erlaubt hat, die Strasse auf dem Fussgängerstreifen zu überqueren und an den Schlägen auch noch sterben, das ist das dramatische Schicksal des rumänischen Bürgers.

Die Konfliktsituation ist nicht nur typisch für unseren Verkehr. Den Konflikt gibt es in der ganzen rumänischen Gesellschaft. Nicht erst seit gestern oder seit dem vergangenen Monat. Die blutigen Ereignisse des Dezember 1989, die ihren Höhepunkt in der Exekution des Ehepaars Ceauşescu am heiligen Feiertag der Weihnachten hatten, liegt wie ein Fluch nach 20 Jahren über unseren sogenannten Demokratie: Târgu Mureş, Piaţa Universităţii (Universitätsplatz), Mineriaden ... Wir haben keinen Feind, aber wir leben ständig mit dem Gefühl, dass wir bedroht, angegriffen werden, dass die Welt uns ständig tadelt und dass die ausländischen Journalisten nur auf uns und unserem schönen Land rumhacken. Wir reagieren in dieser Frust-Situation, indem wir uns zu Hause gegenseitig das Leben schwer machen. Wir können nicht miteinander umgehen, wir haben keine Diplomatie des Dialogs, sondern wir lamentieren, dass wir unbedeutend sind, dass wir kein Glück haben und ständig im Unrecht sind. Wir leben mit der Streitsucht im Gehirn und der vorbereiteten Beleidigung im Mund. Der Beitritt zu EU und NATO hat uns bisher nicht geholfen, uns zu zivilisieren.

Wir sind von den Konflikten abhängig geworden, von den Streitereien und Prügeleien. Wir fühlen uns nicht gut, wenn wir nicht einen Schlag ins Genick bekommen haben oder wenn wir nicht jemandem eine Beleidigung beim Einstieg in den Autobus zugerufen haben. Uns interessiert nicht, was der Gegenüber sagt, Hauptsache er wird von unserem Wortschwall zugedeckt. Wenn uns dies nicht gelingt, hauen wir ihm noch eine auf die Augen, damit er endlich kapiert! Nur so spüren wir, dass wir leben. Schlägerei in den Schulen, Erniedrigungen in den Krankenhäusern, Beleidigung in der Stadtverwaltung, Streiterei in der Strassenbahn und auf den Märkten, Gewalt auf der Strasse und Brüllerei im Fernsehen. Das primitive Rumänien. "Unser goldenes Zeitalter", zu dem uns Ceauşescu führen wollte, wurde ersetzt durch das "steinerne Zeitalter". Es würde uns nicht überraschen, wenn ein Tyrannosaurus Rex auf der Strasse auftauchen und 4 oder 5 desorientierte Pensionäre von der Strasse wegschlürfen würde.

Wir verurteilen heftig die Gewalt und greifen sofort zu Massnahmen, aber nur dann, wenn wir sie im Fernsehen sehen. In Wirklichkeit nehmen wir die Gewalt, die sich gegen uns kehrt, hin. Die rumänische Gesellschaft braucht eine Therapie mit Diazepam. Aber woher dieses Psychopharmaka nehmen, wenn die Ärzte es uns nicht verschreiben? Diese Frage kommt mir plötzlich in den Sinn. Gebt mir Diazepam, sonst schlage ich sie nieder".

Barbu beschreibt sehr zutreffend den Geisteszustand der urbanen rumänischen Gesellschaft. Es ist ein treffender Beweis, dass Wohlstand und mehr Geld nicht zu mehr Glück führen. Ein Leben in Frieden, das müssen die Rumänen erst wieder einmal lernen.

Informationsquelle: Adevarul, România fără diazepam