Mittwoch, 7. Dezember 2011

Frankreich: Atomkraftwerke nicht kontrollierbar

Am Nikolaustag erlebte die französische Atomindustrie wieder einmal eine böse Überraschung. Allen Beteuerungen über die hundertprozentige Sicherheit ihrer Kraftwerke zum Trotz gelang es einem Team von Greenpeace innert kürzester Zeit auf das Gelände des AKW Nogent zu gelangen und die Kuppel zu besteigen. Somit war bewiesen worden, dass eben doch geschieht, was nicht geschehen darf. Nicht auszudenken, wenn tatsächlich jemand mit terroristischen Absichten versucht ein AKW anzugreifen. Greenpeace hatte die Aktion nur vorgenommen, um zu beweisen, dass es mit der immer wieder beteuerten absoluten Sicherheit nicht weit her ist.  Frankreich hat viele AKW’s und scheinbar ist es so, dass je mehr dieser Hochrisiko-Anlagen vorhanden sind umso zahlreicher die Nachlässigkeiten werden.

Aber damit nicht genug. Anfang Dezember verlangten 2 Abgeordnete, Mitglieder des Ausschusses für Energiefragen, von der Behörde für Nukleare Sicherheit (ASN) die Simulation eines Nuklearunfalls im Stil von Fukushima im AKW Paluel. 1 Abgeordneter erschien persönlich im AKW, um die Simulation zu begleiten. Der fiktive Alarm begann um 22 Uhr. Um 22:30 Uhr hatten die Verantwortlichen ein Problem: Sie konnten den Schlüssel für einen Schaltkasten zur elektrischen Versorgung nicht finden. Angeblich war er in “Auftrag gegeben” und deshalb nicht auffindbar. Gegen Mitternacht traf die Interventionsgruppe im Elektroraum des Reaktors Nr. 1 ein, um festzustellen, dass die Beschreibung in den Handbüchern nicht mit den Kennzeichnungen des Elektroschalters übereinstimmten. Daraufhin wollten sie sich um die elektrischen Schaltungen des Reaktors Nr, 3 kümmern, um festzustellen, dass der Raum nicht nummeriert war. Der Abgeordnete bemerkte: “Es war nicht klar, ob die Schlüssel schlecht beschriftet oder wir am falschen Ort waren, weil der Raum nicht nummeriert war. Das war wenig hilfreich”. ASN hielt danach fest: “Die Übung ergab zahlreiche Fehler……Lücken”.

In einem anderen Fall wollte der Senator Bruno Sido, Vizepräsident des OPECST (Parlamentsausschuss für Energiefragen), von den Betreibern des AKW Blayais eine Auskunft zu Notfallmaßnahmen haben. Seine Frage war: “Welches ist das Kriterium, welches zur Abschaltung von Wasserpumpen im Falle einer Überschwemmung führt?” Es brauchte eine halbe Stunde und die Hinzuziehung von 4 Personen, um eine solche Lage zu beurteilen. Die Techniker suchten im Handbuch unter dem Stichwort “Pumpe” eine Antwort auf die Frage, die sich allerdings unter dem Wort “Überschwemmung” versteckte. Die Frage war im Fall von Blayais sehr realitätsnah, denn dieses AKW stand 1999 am Rand einer Katastrophe. Die Behörden arbeiteten damals bereits an Plänen für die Evakuierung der Stadt Bordeaux.

Beim nächsten Unfall werden vermutlich die Summe von Nachlässigkeiten und vertuschten Sicherheitsproblemen den Ausschlag geben. Auch wenn die französischen Politiker wieder einmal eine Verschärfung der Sicherheitsvorschriften und deren Überwachung fordern. Die Überwachung darf aber nie soweit gehen, dass ein AKW in Frage gestellt wird. Schließlich ist die Atomenergie für Frankreichs Staatspräsidenten immer noch eine Schlüsselindustrie im Land, die nicht in Frage gestellt werden darf.

Siehe auch:
Pfusch bei AKW-Bau in Frankreich
Deutscher Atomausstieg sorgt für Unruhe in Frankreich
Bald ein französisches Tschernobyl?

Informationsquelle:
La passoire nucléaire – AgoraVox