Donnerstag, 30. Juni 2011

Deutscher Atomausstieg sorgt für Unruhe in Frankreich

akw stilisiertNachdem der Deutsche Bundestag den Atomausstieg endgültig zementiert hat, beginnt in Frankreich eine Diskussion, die von “weiter so mit Atom” bis “Aussteigen und zwar sofort” geht. Die französischen Atomprofiteure versuchen natürlich das alte Spielchen mit Kosten und Angst. Frau Lauvergeon von Nuklearkonzern Areva tut die Entscheidung etwas despektierlich als “politisch” ab. Womit sie sagen will, dass diese weder Hand noch Fuß hat. Deswegen hält sie das auch eher für eine Finte und erwartet, dass bis 2022 die Deutschen die Atomkraftwerke schmerzlich vermissen und noch einmal das Ruder herumreißen werden.

Hätte man von ihr anderes erwartet? Nein, denn für sie und ihre Industrie bedeutet ja schließlich die Nuklearenergie Geld und Macht. Das Risiko trägt ja eh der Staat und der wird ja auch für den jahrtausende strahlenden Müll bezahlen. Nun, die französische Regierung sitzt nun auch auf eine Ross, von dem sie nicht so schnell herunterkommt. Man hat sich eine Nuklearindustrie herangepäppelt, ohne die man meint, nicht mehr überleben zu können. Der Regierungschef, François Fillon, will die deutsche Entscheidung zwar respektieren, aber nicht zu seiner eigenen und damit auch der Frankreichs machen. Für ihn ist die Atomenergie immer noch die Energie der Zukunft.

Für den Industrieminister, Eric Besson, ist das ohnehin keine Frage, denn “Frankreich arbeitet seit einem halben Jahrhundert mit der Atomenergie und heute produziere diese 80% der Elektrizität in Frankreich. Und dann wiederholt er eine Aussage, die er bei jeder Gelegenheit herunterbetet: “Diese Wahl (für die Atomenergie) bleibt, weil Frankreich so eine starke energetische Unabhängigkeit erreicht hat: Frankreich verfügt deshalb über eine Elektrizität, die 40% billiger ist als der Durchschnitt anderer europäischer Länder. Zum Beispiel zahlen die deutschen Haushalte für ihre Elektrizität doppelt soviel”. Eine reichlich unverfrorene Behauptung und es bleibt abzuwarten, ob die Franzosen weiterhin darauf hereinfallen. Die drückende Last der Endlagerung wird der Steuerzahler neben den bereits geleisteten Subventionen zahlen müssen. Ein schwerwiegender Nuklearunfall ist in den Köpfen französischer Politiker immer noch nur in der Ukraine oder in Japan möglich. Die lachende Atomindustrie darf deshalb, ohne für Schäden im Ausmaß von Fukushima aufzukommen. weiterwursteln.

Bei den Sozialisten, bisher auch Befürworter der Nuklearlösung, ist aber Nachdenken eingekehrt. Sie sehen das deutsche Projekt des Ausstiegs mit Wohlwollen. Ihr Sprecher, Benoît Hamon, erklärt: “Der Ausgangspunkt ist unter Deutschen und Franzosen unterschiedlich. Wir sind viel abhängiger von der Atomenergie als die Deutschen. Wir müssen unsere Verspätung gegenüber Deutschland aufholen und in die erneuerbaren Energie investieren.” Die Genralsekretärin, Martine Aubry, ist da etwas präziser: “Es gibt ein Vorher und ein Nachher nach Fukushima. Ich persönlich glaube, dass wir aus der Atomenergie aussteigen sollten. Wir Sozialisten haben einen gemeinsamen Beschluss gefasst, aus der Abhängigkeit von Atom und Erdöl auszusteigen und wir denken, dass wir es nicht so wie der Präsident machen sollten, der tut wie wenn nichts gewesen wäre, sondern dass wir jetzt sofort ein Dialog mit den Experten, den Wissenschaftlern, anfangen sollten.”

Die französischen Grünen sind ohnehin der Meinung, dass man dem deutschen Beispiel folgen sollte. Der Kandidat als Präsidentschaftsanwärter der Grünen, Nicolas Hulot, hat die deutsche Entscheidung begrüßt. Daniel Cohn-Bendit fordert jetzt eine Öffnung zu einer breiten Debatte in Frankreich.

Die französischen Atomskeptiker werden zudem immer mehr. Die Bevölkerung verschließt immer weniger die Augen vor den Gefahren dieser Technik, die angesichts der gehäuften Masse an Atomkraftwerken in Frankreich die Wahrscheinlichkeit von schwerwiegenden Unfällen angesichts Tschernobyl und Fukushima steigen lässt. Insbesondere merkt man, dass aus dem Bereich der Atomindustrie Lügen und Vertuschungen an der Tagesordnung sind. Man weiß zwar inzwischen, wie riskant diese Technik ist, aber die Verantwortlichen wollen den immer schneller fahrenden Zug nicht mehr aufhalten. Eine verantwortungslose Politik starrt wie das Kaninchen auf die Schlange und hofft jeden Tag darauf , dass diese nicht zuschnappt.
Siehe auch:
Bald ein französisches Tschernobyl?
Stromlücke dank Atomkraftwerken?

Informationsquelle:
Sortie du nucléaire : la décision allemande provoque espoir et inquiétudes en France – Le Monde