Montag, 9. Mai 2011

Bald ein französisches Tschernobyl?

Diesen ketzerische Titel hat der französische Schriftsteller Eric Ouzounian im Jahr 2008 seinem Buch gegeben. Eric Ouzounian ist nicht irgendein Schriftsteller, sondern er sitzt an verantwortlicher Stelle im französischen Elektrizitätskonzern EDF. Und EDF ist der Betreiber der französischen Kernkraftwerke. Das Radioprogramm "France Culture" schildert, worum es in diesem Buch geht:

"Überschwemmungen, Brände, Erdbeben, Attentate ..... Heute kann jederzeit in einem französischen Atomkraftwerk eine Katastrophe passieren, besonders in den ältesten Meilern. Im Bezug auf die bevorstehende Privatisierung von EDF ist der Zustand des Nuklearparks alarmierend .....Haushaltskürzungen, inflationäre Zunahme der Zulieferbetriebe, immer mehr Personal mit niedrigem Ausbildungsstand, Unterwerfung der Sichertheitsbehörden unter die Interessen der Industrie: Die Überwachung des Nuklearparks sinkt von Tag zu Tag. Die Kernkraftwerke wurden überwiegend um 1980 gebaut und sollten eine Betriebsdauer von 30 Jahren haben. Je näher sie dem Ablaufdatum kommen, umso schlechter werden sie. Allein 1996 gab es 37 von der nationalen Sicherheitsbehörde registrierte Zwischenfälle. Trotzdem ist EDF entschlossen die Laufzeiten um weitere 10 Jahre zu verlängern.

Dieses Buch ist kein antinukleares Pamphlet. Es ist der Alarmruf eines hohen Verantwortungsträgers bei EDF, für den die aktuelle Lage zu gefährlich ist, um zu schweigen. Zur Unterstützung seiner Warnung beschreibt er einige schwerwiegende Unfälle, von denen einige in ihrer Tragweite unterschätzt wurden, gefährliche Praktiken, die auf Grund von Rentabilitätsüberlegungen eingeführt wurden und vor allem die Angst, die immer mehr das Personal in den Kernkraftwerken beherrscht. Ein erschütternder Bericht über EDF".

Damals hatten wir noch nicht die Erfahrung des 2. Tschernobyls, von Fukushima. Olivier Cabanel, ein französischer Anti-Atomaktivist schreibt zur Situation in Frankreich: "In Frankreich fährt der kleine Präsident fort, die Atomkraft blind zu verteidigen, obwohl die Bürger sich von mal zu mal heftiger dagegen wehren. Er tut dies auch trotz der Warnung, die ihm der Generaldirektor der IRSN (Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit) zukommen liess: "Wir müssen akzeptieren, dass wir auf völlig unvorstellbare Situationen vorbereitet sein müssen. Das was uns am meisten bedroht, ist nicht der Standardunfall, sondern eine Kette von Ereignissen, die sich daran anschliessen sei es durch natürliche Ursachen oder durch Bedienungsfehler. Niemand kann garantieren, dass es in Frankreich nie einen nuklearen Unfall geben wird."

Und noch ein Wort eines Franzosen zur französischen Atompolitik. Alain de Halleux, Regisseur von "Tchernobyl forever" erklärt in Arte TV unter anderem: "Der Abbau der 54 französischen Kernreaktoren kostet mindestens 300 Milliarden Euro. Ein enormer Schuldenberg für unsere Kinder! In den 70ern brauchte man für die Errichtung aller französischen Kernkraftwerke nur 10 Jahre – der Abbau dauert doppelt so lang. Der französische Präsident (warum eigentlich keine Präsidentin), der dies durchbringt, gälte sicher als der beste Präsident aller Zeiten" und "Unter Atom-Arbeitern heißt das Fessenheimer Kraftwerk „Kraftwerk des Todes“. Jetzt will die französische Regierung die Laufzeit der ältesten französischen Anlage noch verlängern! Während die meisten AKWs zwei Kuppeln besitzen, hat das Fessenheimer Kraftwerk nur eine einzige. Brütende Hitze macht im Sommer die Arbeit zur Hölle, so dass man die Kuppel mit Wasser besprüht. Die Radioaktivität ist dort höher als in anderen Anlagen - deshalb wurden kurzerhand die Sensoren an den Ausgängen weniger sensibel eingestellt, denn sonst könnte niemand mehr das Werk verlassen. Die Strahlendosimeter der Fessenheimer AKW-Arbeiter zeigen die große Menge an gefährlichen Alpha-Teilchen, die das Kraftwerk ausstößt, gar nicht erst an ..."

Es lohnt sich auch den Rest noch zu lesen!


Informationsquelle:
Ca fume à Fukushima! - Agoravox
Vers un Tchernobyl français ? : un responsable d'EDF brise la loi du silence, de Eric Ouzounian - France Culture
Tchernobyl forever: 10 Dinge, die ich weiß. Von Alain de Halleux - Arte TV