Sonntag, 11. Oktober 2009

Die Strasse gehört uns

Lateinamerikanische Jugendbanden kämpfen um die Macht in spanischen Städten wie Madrid, Barcelona und Valencia. Der Zeitung "El Pais" haben einige Bandenmitglieder von ihrem Leben erzählt.

Einer von ihnen ist Pablo, auch King Kong genannt. Er ist 18 Jahre alt und gehörte zur Bande "Los Trinitarios". Eine der Banden, die heute die Strassen der grossen spansichen Städte beherrschen. Seit Pablo die Bande verliess, lebt er seit mehr als einem Jahr in Todesgefahr. Er lebt eingeschlossen im Haus seiner Grosseltern in einem Viertel von Madrid, wo viele den Kopf senken, wenn eine Polizeipatrouille passiert. Pablo hat schon bald in der Schule gelernt, dass er Schutz brauchte, um sicher zu sein. Häufig wurde er von seinen Mitschülern ausgelacht. Er kennt seinen Vater nicht, das Leben war nicht gerade nett zu ihm. Er war ängstlich und in den Diskotheken zu tanzen fiel ihm schwer. Nach und nach kam er in die Bande der "Los Trinitarios" hinein. Er musste ein Probe ableisten. Er erinnert sich, dass er mit etwa 20 anderen Bandenmitgliedern im Stadtteil Elipa die Jugendlichen einer anderen Bande suchen musste. 5 davon fanden sie im Innern eines Autos und sie verfolgten sie mit Steinen und Ketten als sie fliehen wollten. Das war seine Feuertaufe. Später musste er einen Eid ablegen, bei dem Santiago Marrero, alias Juanchito, der sein direkter Chef war, und ein gewisser Tonitoca, Gründer der Gruppe in Spanien. Durch den Schwur wurde er zum "Soldaten". Er musste schwören "Vaterland oder Tod".

In seiner Strasse herrschten damals noch "Latin Kings y los Ñetas". 2005 bis 2006 kam es zu einem heftigen Bandenkrieg, bei dem ein Jugendlicher erstochen wurde. Die Polizei konnte das Phänomen nur kurzfristig durch Festnahmen und Ausweisungen der Bandenschefs eindämmen. Schon bald eroberten die noch jüngeren Mitglieder der Banden die Strasse zurück. Es reicht in die südlichen Stadtviertel von Madrid wie Usera, Latina oder Valleca zu gehen, um die Präsenz ihrer minderjährigen Nachfolger zu sehen. Durchgesetzt haben sich die Banden "Los Trinitarios" und die "Dominican Dont Play (DDP)". Beide Banden kommen aus der Dominikanischen Republik. Im Vegleich zu ihren Vorgängern haben sie ihre Taktik geändert. Sie sind nicht mehr tätowiert oder sehen wie Rapper aus. Die DDP ist in den Drogenhandel verstrickt und sie hassen die "Trinitarios". Sie zählen ca. 550 Mitglieder. Letztes Jahr wurden 58 von ihnen wegen Mordversuch festgenommen.

Tonitoca, der Führer der "Trinitarios" sitzt wegen mehrer Morde in einem Gefängnis von Santo Domingo. Seine rechte Hand war lange Zeit ein Jugendlicher namens Pascual, Chef der Gruppe in Getafe. Der studierte Morgens "Erneuerbare Energien" und mittags ging er mit seinen "Soldaten" auf Raubzüge. Bandenmitglieder erzählten, dass der Gründer Tonitoca inzwischen die Nase voll von der Bande habe. Er habe Angst, dass das Monster, das er geschaffen habe, ihn selbst verschlingen werde. Das haben ihm seine Bandenmitglieder nicht verziehen, die aus Rache planten seinen besten Freund, den Rock-Sänger Isaac Natanael, zu ermorden. Sie lauerten ihm an der Diskothek Azca in der Nähe des Santiago Bernabéu-Stadions auf und verfolgten ihn. Kurz bevor er einen Taxistand erreichte, erhielt er einen Kopfschuss. Er starb mit 17 Jahren. Der vermutliche Todesschütze soll ein Minderjähriger gewesen sein, dessen Aggressivität gefürchtet war.

Pablo hat sich davon verabschiedet. Seine Mutter sagt, dass auf der Strasse das Gesetz "20 gegen 1" herrsche. Wenn man zur Bande gehört, müsse man immer in der Gruppe gehen, wenn man allein gehe, sei man schon tot. Die Trinitarios fühlen sich als Dominikaner in der Diaspora, ihr Passwort ist "Amor de patria" (Liebe zum Vaterland). Den Namen haben sie sich in Anlehnung an die Gründer der Dominikanischen Republik gegeben. Pablo wurde angehalten, seine "Quote", seinen Beitrag zur Gruppe zu erfüllen. Er klaute was ihm in die Hände kam, sogar in der eigenen Familie. Er wollte in der Hierarchie der Bande aufsteigen, dafür musste man skrupellos sein. Irgendwann gab ihm die brutale Gewalttätigkeit der Bande zu denken. Irgendwann hörte er auf, zu den Treffen der Bande zu gehen. Dann erhielt er eine E-Mail mit dem Inhalt: "Wer bei den Trinitarios mitmacht, geht nicht raus. Wenigstens nicht lebendig". Für die Trinitarios gilt das Gesetz des Schweigens und der ewigen Treue.

Nach einer erneuten Morddrohung ging Pablo zur Polizei. Er und seine Familie stehen jetzt unter Polizeischutz.

Professor Carles Feixa von der Universität Lerida begleitet schon seit längerem die Entwicklung dieser Banden. Er meint, dass sich bei den Trinitarios von ihrer Herkunft her die lateinamerikanische und afroamerikanische Identität vermischen und ein sehr starkes nationales Empfinden. Das Fehlen von Alternativen macht sie zu Kanonenfutter und gewalttätige Banden. Aber es gebe positive Zeichen. So haben die "Latin Kings y los Ñetas" in Barcelona inzwischen Vereine gegründet und arbeiten mit den Einwanderorganisationen zusammen. Nach Ansicht von Feixa ist es besser in Sportplätze für die Jugendlichen zu investieren als in neue Gefängnisse. Von Ausweisungen hält er wenig und vom US-Strafsystem gar nichts: "Das Strafsystem für Jugendliche der Minoritäten in den USA ist eine Fabrik zur Schaffung von Verbrechern".

Die Geschichte dieser Jugendbanden begann in den Gefängnissen der USA und Lateinamerikas. Dort gründeten sie Gruppen für Gefangene, die in miserablen Zellen voll mit Ratten untergebracht waren und ständig erniedrigt wurden. Aber leider wurden sie zur Mafia, die mit Drogen handelte und mit Waffen.

Informationsquelle: El Pais, La calle es nuestra
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