Dienstag, 28. Juli 2009

Brasilia Teimosa mit Angstbomben geräumt

Zwischen dem Stadtteil Pina und dem Hafen von Recife liegt die Favela Brasilia Teimosa. Seit Besiedlung des Ortes hängt wie ein Damoklesschwert ihre drohende Räumung über den Bewohnern. Und das seit 1947, dem Jahr, in dem die Siedlung entstand. Es ist die älteste illegale Siedlung in Recife. Benannt wurde sie in Anlehnung an die damals in Entstehung begriffene Hauptstadt Brasilia und in Anspielung an die ständig drohende Vertreibung "Brasilia Teimosa" (Ängstliches Brasilia) genannt. Die Bewohner sind Fischer, Studenten, Hausfrauen und Händler. Es ist eine Favela, die nicht weit ausserhalb an den Grenzen der Stadt liegt, sondern mitten drin und das auch noch mit Strand. Der Ort wurde 1982 mit öffentlichen Mitteln urbanisiert, aber immer wieder erfolgten neue illegale Besetzungen. Heute zählt Brasilia Teimosa 19.155 Bewohner, auf einem Gebiet von 65,4 Hektar, das bedeutet eine Bevölkerungsdichte von 292,88 Bewohner/ha.

Heute morgen um 5 Uhr fielen in der Rua das Oficinas (Strasse der Werkstätten) die Angstbomben. Die Brasilianer nennen sie verschönernd "bombas de efeito moral" (Bomben mit moralischer Wirkung). Der Chemiker Renato Sheeny von der herstellenden Firma "Condor Indústria Química" definiert sie wie folgt: "Es sind Waffen, die benutzt werden, um tumultartige Situationen zu kontrollieren, ohne die Beteiligten zu töten oder zu verletzen. Das Prinzip besteht darin, die Menge durch den Angst-Effekt zu lähmen." Spezialtruppen der Polizei und die Stadtpolizei standen bereit, um gegebenenfalls einzugreifen. Traktoren und Lastwagen der Direktion für urbane Kontrolle von Recife (DIRCON) fingen sofort mit der Räumung an.

Die Betroffenen wurden aus dem Schlaf gerissen, per Bomben eingeschüchtert, ihre Behausungen zerstört und die Bewohner ihrer wenigen Habe beraubt. 67 Familien waren betroffen. Einige konnten noch ihre Matratzen und ein paar Haushaltsgeräte retten.

Was sagen die Bewohner? Die Hausfrau Marisa Farias de Castro wohnte seit 2 Monaten in der Siedlung, sie konnte nichts aus ihrem Haushalt retten. "Ich habe einen 20 Jahre alten behinderten Sohn, ich konnte keine Gegenstände retten. Ich habe mich entschieden meinen Sohn zu retten, damit er nicht attackiert wird. Ich habe keine Möglichkeit, eine Miete zu bezahlen und weiss nicht, wohin ich gehen soll." Die Hausfrau Edilza Silva berichtete: "Sie kamen und haben alles zerstört ohne vorher die Leute zu informieren. Wegen der Bomben waren wir alle völlig durcheinander. Zu dem Zeitpunkt schliefen ich, mein Mann, meine Tochter und eine Cousine. Mein Mann hat schon zwei Räumungen erlebt, jetzt wissen wir nicht mehr, wohin wir gehen sollen."

Die Räumung verlief friedlich. Nur gegen einen Lastwagen flog der Ziegel eines wütenden Bewohners. Weniger schön war, was sich auf der Strasse in Pina abspielte. Einige Bewohner sperrten die Hauptstrasse und verbrannten auf der Strasse Möbel. Es kam zu einem gigantischen Stau (congestionamento gigantesco), der Auswirkungen bis auf die grosse Verkehrsstrasse Avenida Conselheiro Aguiar hatte, die das Zentrum von Recife mit den südlichen Strandviertel wie Boa Viagem verbindet. Nachdem ein Fahrzeug mit Steinen beworfen wurde, brach Panik aus. Darauf griff die Spezialpolizei ein und die Feuerwehr löschte die brennenden Möbel.

Informationsquelle: Diario de Pernambuco, Famílias reclamam de desocupação em Brasília Teimosa
Wikipedia, Brasília Teimosa

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