Donnerstag, 24. Januar 2013

Warum Rumänien anders ist oder wie es die Europäer zur Verzweiflung treibt

Der Historiker Lucian Boia hat ein in Rumänien viel beachtetes Buch mit dem Titel “Was machen wir mit Rumänien?” geschrieben. Er erklärt die Geschichte von ihren Ursachen und Wirkungen für den rumänischen Raum und hat auf diese Weise schon mehrere rumänische “Mythen” entlarvt. Er hat den Journalisten von “Romania de la zer0” ein Interview gegeben, in dem er auf die Geschichte des Landes und seine derzeitige politische Situation eingeht.

Für Boia ist Rumänien sehr spät in West- und Zentraleuropa in Erscheinung getreten. Die ersten rumänischen Fürstentümer erschienen erst ab dem 14. Jahrhundert, während in Bulgarien bereits eine europäische Macht und Ungarn ein mächtiges Königreich war. Danach hatten das ottomanische, das habsburgische und russische Reich das Sagen, die rumänischen Fürstentümer Tara Romaneasca (Rumänisches Land) und Moldau existierten mit einer beschränkten Autonomie am Rande dieser Großmächte. “Wir sind verspätet am Schwanz Europas gestartet und dabei ist es bis heute geblieben”, ist seine klare Meinung. Auf sozialer Ebene gab es Herrscher (Bojaren) und Bauern, die in kleinen Städten lebten. Erst im 19. Jahrhundert begann die Zuwendung Rumäniens zum Westen. In kurzer Zeit wechselten die Kleider nach türkischer Art mit der Pariser Mode und die kyrillische Schrift wurde von einer Mischung von lateinischen und kyrillischen Buchstaben abgelöst.

Die Zeit zwischen den Weltkriegen, die als die “Goldene Epoche” bezeichnet wird, ist nach Boia ein Hirngespinst der nachrevolutionären Zeit von 1989 als man Rumänen suchte, die man als Gründer Rumäniens betrachten konnte. Diese “Goldene Epoche” war von erheblichen sozialen Unterschieden geprägt, lediglich bei den Intellektuellen war ein gewisser Aufschwung zu beobachten. Rumänien war zu der Zeit das europäische Land mit der höchsten Geburtenrate, der höchsten Sterberate und der höchsten Kindersterblichkeit. Typischer Zeichen der Unterentwicklung nach Boia. Nur 57% konnten lesen und von diesen haben 83% nur die Grundschule besucht.

Es gab auch keine politische Kultur. Lediglich bei einer kleinen Elite gab es ein solches Gefühl. Obwohl Rumänien kein Land mit starker kommunistischer Bewegung war, hat es sich gerade deswegen mit wenig Widerstand dem Kommunismus angepasst. Und viele glaubten auch, dass der Kommunismus ihnen mehr gute wie schlechte Sachen gebracht hat. Das kommunistische Regime wurde nur gestürzt, weil es in den 80er Jahren begann die Lebensmittel zu rationieren. “Viele erinnern sich nostalgisch an den Kommunismus der Jahre 60-70 als alle Rumänen auf dem gleichen, akzeptablen, Niveau lebten und es keine überwältigende sozialen Unterschiede gab und es demzufolge auch keine Frustrationen im Bezug auf den Reichtum anderer. Es gab keine Sorgen, was morgen passiert und keine Sorgen vor Arbeitslosigkeit”, schildert Boia die damalige Zeit und er ist der Meinung: “Wenn man sieht mit welcher Leichtigkeit sich das Volk von Ceausescu kommandieren ließ, dann finde ich es korrekt, wenn man sagt, wir haben den Diktator ertragen”.

Im Rumänien der kommunistischen Diktatur gab es keine Opposition wie in den andern Ostblockstaaten und auch in der Sowjetunion. Für Boia gab es keine Kultur des Widerstandes und er erklärt dies mit der rumänischen Geschichte, wo seit dem Mittelalter die Kultur des Untertanen, des dem Bojaren unterworfenen Bauern herrschte. Der Bojar, der wiederum an den Toren der ottomanischen Macht buckeln musste. So kam es auch, dass Rumänien unter der Ceausescu-Familie zur kommunistischen Dynastie wurde.

Was Boia sehr stört ist der Mythos, dass es nach der Revolution eine Neugründung Rumäniens gab. Das hält er für eine glatte Lüge. Auch wenn man alle Hintergründe der Revolution immer noch nicht kenne, so war doch klar, dass die sofortige Auflösung der kommunistischen Partei nicht dazu geführt habe, dass es die alten Kommunisten nicht mehr gab. Die neuen Herrscher gehörten zur kommunistischen Elite, sie sind in dieser Epoche groß geworden. Boia erklärt dazu; “Wir sind völlig orientierungslos aus dem Kommunismus gekommen und der Versuch eine Verbindung mit dem Rumänien vor dem Kommunismus herzustellen, indem man die historischen Parteien wieder gegründet hat, war künstlich. Wenn wir die Parteien heute nehmen, dann sehen wir, dass ihre Programme sehr wage sind. Deshalb ist es keine Wunder, dass eine Partei, die sich dann sozialdemokratisch nannte, im Grunde eine Fortsetzung der alten kommunistischen Partei war. Aus ihr sind dann die ersten großen Reichen des postkommunistischen Rumänien hervor gegangen. Die politische Klasse war mit wenigen Ausnahmen beschäftigt, sich möglichst schnell zu bereichern. Ideologien spielten keine Rolle mehr, so konnte die Demokratische Partei, die derzeitige PDL über Nacht von einer Partei, die der sozialistischen Internationale angehörte, zu einer Rechtspartei werden.

Warum sich das rumänische Volk gegen diese schamlose Bereicherung der politischen Klasse nicht wehrt? Dazu meint Boia wären die Rumänen viel zu apathisch im Vergleich zu den westlichen Ländern, wo schon wesentlich geringere Veränderungen zu großen Demonstrationen führten. “Es gibt kein bürgerliches Gewissen. Der Kommunismus wollte eine Gesellschaft als Kollektiv, aber er hat stattdessen Menschen geschaffen die extreme Individualisten sind”. Auch das kürzliche Referendum zu Absetzung des Staatspräsidenten bezeichnet Boia als “rumänische Komödie”. Das war der Versuch ein Staatsstreich genauso wie auch der Staatspräsident Basescu ein Diktator sei. Dieser habe sich stetig neue Machtbefugnisse angemaßt, bei denen er zwar formal die Regeln eingehalten habe und diejenigen die ihn weg haben wollten, haben es geschafft in kurzer Zeit einiges auf den Kopf zu stellen. “Wenn es keine Regeln mehr gibt, wird von jeder Seite falsch gespielt. Was mir nicht mehr gefällt ist dieser der Erniedrigung kombiniert mit Gaunerei”, ist die Meinung von Boia.

Zu Ministerpräsident Ponta: “Ich muss immer noch darüber nachdenken wie Ponta nach Brüssel zitiert und mit den 11 Regeln konfrontiert wurde. Was glauben sie was passiert wäre, wenn das mit dem polnischen Ministerpräsident gemacht worden wäre? Dies ist ein schlechtes Zeichen für Rumänien und zeigt unsere Minderwertigkeitskomplexe. Nach unseren Maßstäben leidet Polen an Größenwahn, das ist aber immer noch besser wie unser Minderwertigkeitskomplex. Es gibt auch eine Episode, in der der britische Außenminister Ponta auf den Flughafen zitiert hat. So etwas ist doch unglaublich, wie kann ein Außenminister einen Ministerpräsidenten zu sich zitieren? Basescu hat mehr Persönlichkeit und gibt nicht so einfach nach, aber er hat andere Fehler. Es ist vor allem sein autoritäres Gehabe und die Begünstigungspolitik für Personen, die er in staatlichen Stellen untergebracht hat und sein oft primitives Gehabe, das mit seiner Stellung als Staatspräsident nicht vereinbar ist.”

Wie soll es nach Meinung von Boia mit Rumänien weitergehen? Er sieht auf jeden Fall kein Zukunftsprojekt im Land. “Es ist so, dass unsere Projekte vom Gang der Europäischen Union abhängig sind. Die EU ist aber im Moment in einer Krise, nicht nur einer finanziellen, sondern auch einer Zivilisations- und Identitätskrise. Die Karten werden neu verteilt, es gibt eine Wende in der Weltgeschichte. Eigentlich nur vergleichbar dem Sturz des römischen Reiches. Eine Welt geht, eine neue kommt. Wir sind vorrangig an das gebunden, was in der EU passiert und das ist ganz gut so. Während wir jetzt besser in Europa integriert sind wie in der Zeit vor dem Kommunismus, ist unsere Elite aber nur wenig in Europa vernetzt. Deshalb treiben die wird die Europäer zur Verzweiflung. Die westliche Welt basiert auf der Respektierung von Regeln, während die rumänische Welt diese Regeln für nicht so wichtig hält. Für uns sind die Regeln da, um sie zu umgehen oder für unseren Bedarf zurecht zu biegen.”
Informationsquelle
Lucian Boia: "O sa-i aducem la disperare pe europeni"- Romania de la zer0