Dienstag, 15. Januar 2013

Der Müll liegt in Rumänien nicht nur auf der Straße

Andrei Pleșu, geboren 1948 in Bukarest, ist ein rumänischer Philosoph, Kunsthistoriker und Politiker. Von 1997 bis 1999 war Andrei Pleșu Außenminister Rumäniens. Er ist Mitglied in verschiedenen wissenschaftlichen Akademien. Für seine politische und literarische Tätigkeit erhielt er zahlreiche Preise. Pleșu schreibt auch für die Zeitung “Adevarul”. Dort hat man ihn jetzt überreden können, einen Blog zu schreiben, obwohl Pleșu meinte, er gehöre einer Generation an, die “aus der Mode und daher für so etwas nicht geeignet sei”.

In seinem neuen Blogbeitrag nimmt er sich der rumänischen Medienwelt an. Und seine Meinung dazu ist vernichtend. Da sie zeigt, wo etwas schief läuft in diesem Land, gebe ich hiermit seine Zustandsbeschreibung, die den Titel “Rumänien in Kniebundhosen” trägt, teilweise wieder:

“Einige, auch seriöse Zeitung setzen in ihr Blatt auf den hinteren Seiten Rubriken wie “Unterhaltung” oder “Diverses”, mit Meldungen über Berühmtheiten des Sports, des Kinos oder der Politik. Bei uns aber hat der Prozentsatz der Tabloidisierung aller Zeitungen und aller Fernsehstationen eine besorgniserregende Quote erreicht. Das Phänomen ist das Symptom eines gefährlichen sozialen, moralischen und intellektuellen Abstiegs. Der gute Geschmack und die gute Wortwahl befinden sich im Koma. An einem guten Teil des Abends leben wir auf allen Fernsehkanälen von Fäkalien. Ganze Stunden und Tage werden wir trainiert, tief im Untergrund des Alltäglichen zu wühlen. Tod, Scheidung, Ehebruch, kleine erotische Eskapaden einiger gehirnlosen Frauen, Vergewaltigung, Verbrechen und Unfälle sind das tägliche Brot der Fernsehproduzenten und schlussendlich des rumänischen Fernsehzuschauers. Man kann buchstäblich sehen wie sie ihren Verstand verlieren. Der ganze Inventar der “Kultur” der Einheimischen scheint zu einer großen Müllhalde verkommen zu sein: Überschlagende Begeisterung für Nationalfeiertage und Beerdigungen, die exzentrischen Abenteuer der Oana Zavoreanu (Schlagersängerin und Schauspielerin). das Schlafzimmer des Paars Bahmuţeanu-Prigoană, Irinel-Monica und Andreea Marin (Fernsehsprecherin) mit Ştefan Bănică (TV-Entertainer), die überbordende Erotik der Polizei Olteniens, die Streitigkeiten innerhalb der Mafiabanden usw. “Das Spezifische” dieser Subjekte zieht natürlich auch eine entsprechende Einladung zu Talk-Shows nach sich: Leute wie Miron Cozma, C.V. Tudor, Condurăţeanu (Journalist), Dan Diaconescu und viele andere habe die politischen Talk-Shows auf einen neuen Tiefpunkt gebracht. Sie geben Geschwätz auf Stammtisch-Niveau von sich und wälzen sich in schwindelerregenden Sentimentalitäten. Abend für Abend spielen sich in verschiedenen Fernsehstudios in Duzbrüderschaft verbundene Mannschaften auf und ziehen uns die Haut vom Kopf, indem der eine versucht den anderen an Mittelmäßigkeit und Streitsucht zu übertrumpfen. Die Politiker benehmen sich mehrheitlich wie Metzger, so ist Gigi Becali zur Stimmer der Nation geworden. Der gute Geschmack, gute Erziehung, Maß, Urteilsvermögen liegen im Koma.”

Es wird Herr Plesu wenig trösten, wenn man ihm sagt, dass in vielen Ländern und nicht nur Rumänien das Niveau der Unterhaltung in den Medien erheblich gesunken ist. Auch in Spanien stöhnt man wegen der niedrigen Qualität der Fernsehprogramme. Dort nennt man das “Telebasura” (Fernsehmüll). Der Begriff hat einen eigenen Eintrag bei Wikipedia, wo Telebasura wie folgt definiert wird: “Fernsehen, das durch die Benutzung des Krankhaften, der Sensationalismus und der Skandale als Strategie versucht, das Publikum anzuziehen.” In beiden Ländern gibt es übrigens keinen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das jeweilige Staatsfernsehen ist ein Spielball der Politik und sind dadurch keine glaubhafte und seriöse Alternative zum Müll der vielen privaten Fernsehkanäle.

Siehe auch:
Rumänische Medien auf der Autobahn zur Hölle

Informationsquelle
România în chiloţi – Adevarul Blog Andrei Plesu