Freitag, 30. März 2012

Brasiliens unbewältigte neuere Vergangenheit

Am 1. April 1968 wurde der damalige Präsident Brasiliens, João Goulart, von den Generälen des Militärs mit tätiger Unterstützung eines Teils der brasilianischen Gesellschaft gestürzt. Danach beherrschten die Militärs viele Jahre das Land und erst Anfang der Jahre ab 1980 kam es zu einer vorsichtigen “Öffnung”, wobei die Militärs noch lange Zeit die Zivilisten unter Kontrolle hielten. Wie immer, wenn man einen Haufen Schandtaten begangen hat, erteilt man sich vor Übergabe der Macht per Amnestiegesetz die Freisprechung von allen Strafen. So auch das brasilianische Militär mit dem Amnestiegesetz von 1979.


Erst jetzt werden auch die Stimmen in Brasilien lauter, die eine Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Militärherrscht verlangen. Zudem wirken sich die von den Militärs geschaffenen Fakten noch bis in die heutigen Tage in wichtige Bereiche der brasilianischen Gesetzgebung aus. So zum Beispiel im Bildungssystem. Die Militärs hatten die Universitäten mit Polizeiterror zu folgsamen Ausbildungsanstalten umgemodelt. Eine emeritierte Professorin der Universität von Sao Paulo (USP) beschreibt wie die Schullehrpläne und die Orientierung der Universitätskurse umgewandelt wurde in eine Schnellausbildung für “gehorsame” Arbeitskräfte. Zudem wurden Fächer wie “moralische und bürgerliches Erziehung” für alle Stufen des Unterrichts eingeführt, auch in den naturwissenschaftlichen Fächern. Nach ihrer Meinung ist die Universität, wie sie Brasilianer jetzt haben, ein Produkt der Diktatur”.


Der Bereich der Kultur wurde durch die Zensur disziplinert. Der Filmschaffende Silvio Tendler, der die Gängelei durch die Zensur am eigenen Leib erfahren hat, beschreibt die Methoden: “Zeitungen mussten neu geschrieben werden, Witze umgedeutet, weil Dummköpfe bestimmten, was die Leute zu sagen hatten und was nicht.” Tendler bedauert die derzeitigen Schwierigkeiten in Brasilien, diese Geschichte aufzuarbeiten mit den Worten: “Brasilien ist eines der wenigen Länder, wo es keine Wahrheitskommission gab und die Folterer und Kanaillen in Freiheit leben können. Sie haben Verbrechen begangen und dabei blieb es.”

Seit November letzten Jahre gibt es in Brasilien eine “Wahrheitskommission” und ein “Gesetz zum Zugang zu Informationen”, mit dem von der Diktatur Verfolgte Einblick in die Akten verlangen können. Teile des Militärs versuchen nun mit frecher Arroganz zu verhindern, dass dabei etwas herauskommt. Sie erdreisten sich zu Sprüchen, wie denen, dass sie sich von einer ehemaligen aktiven Kämpferin gegen die Diktatur wie die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff nicht zur Verantwortung ziehen lassen. Schamlos ernennen sie den Gedenktag des Staatsstreichs zum “Tag der demokratischen Revolution vom 31. März 1968”. Einer ihrer Vertreter, General Rocha Paiva, erklärt: “Sie wollen jetzt diese Wahrheitskommission 30 Jahre nachdem das geschehen ist. Und das nur weil wir heute ehemalige Militante des bewaffneten Kampfes in wichtigen Stellungen der nationalen und internationalen Politik haben”. Kristallisationspunkt er Ewiggestrigen ist der Militärclub (Clube Militar) in Rio de Janeiro. Dort beabsichtigt man morgen zum Gedenktag des Umsturzes eine Gruppe Fallschirmspringer über dem Strand von Barra Tijuca abspringen zu lassen. Dabei soll das Flugzeug, dass die Springer in die Höhe bringt, eine riesige brasilianische Fahne hinter sich herziehen. Sollten sie glücklich am Boden ankommen, wird die Nationalhymne gesungen und zwei Fallschirmspringer haben die Aufgabe laut “Brasilien über alles” zu schreien.

Damit wird ein beliebter Trick aus der Diktatur aus der Kiste geholt: Übertriebener Nationalismus soll das Volk beeindrucken. Dabei war das Brasilien der Militärs immer nur das Brasilien der Reichen und Privilegierten.

Informationsquelle
Militares pró-64 intensificam ofensiva ideológica iniciada no governo Lula – BrasilAtual
Passados 48 anos do golpe contra João Goulart, resta algo de ditadura – BrasilAtual
Dilma sanciona Comissão da Verdade e Lei de Acesso à Informação – Estadao