Montag, 6. Februar 2012

Die Gewaltexplosion von Bahia und der brasilianische Karneval

Es reichte ein Streik von einem Teil der Militärpolizei um das schon länger vorhandene Gewaltpotential im brasilianischen Bundesstaat Bahia zur Explosion zu bringen. Die Militärpolizei ist in Brasilien so etwas wie anderswo die kasernierte Polizei. Sie ist mit Aufgaben der öffentlichen Sicherheit betraut und hat zum Teil traurige Berühmtheit erlangt, weil Mitglieder der Truppe oft in Skandale um Todeskommandos verwickelt waren und sind. Die Streikenden haben inzwischen das bahianische Abgeordnetenhaus besetzt. Etwa streikende 1.000 Militärpolizisten liefern sich derzeit eine Schlacht mit der Bundespolizei (Força Nacional de Segurança Pública) und der Armee, die im Begriff ist das Abgeordnetenhaus zu stürmen. Die Armee schießt zur Zeit (nur) mit Gummigeschossen und Pfeffer-Tränengas.

Während sich die Obrigkeit mit ihren Ordnungshütern rumschlägt, nützen Kriminelle jeder Art das Machtvakuum, um ihr Süppchen zu kochen. Seit dem Streikbeginn, dem 31. Januar wurden 96 Morde in Bahia verzeichnet, abgesehen von Plünderungen und Überfällen. Die Sicherheitslage in Salvador hat sich in den letzten Jahren stetig verschlechtert. Gehörte bisher São Paulo zu den gefährlichsten Städten Brasiliens ist die Stadt im Laufe der letzten Jahre von den Städten des brasilianischen Nordostens abgelöst worden. Kommentatoren meinen, dass das gute Resultat von São Paulo darauf zurück zu führen ist, dass dort inzwischen jeder, der nach Verbrecher aussieht, ins Gefängnis gesteckt wird. So verfügt São Paulo über eine hohe Gefängnispopulation, aber die Stadt soll sicherer geworden sein. Dass im Nordosten im Gegensatz dazu die Gewalt gestiegen ist, führen einige darauf zurück, dass hier gerade nicht energisch gegen die Kriminalität durchgegriffen wird. Der Gouverneur des Staates, Jacques Wagner, eine Mitglied der regierenden Arbeiterpartei PT, gilt hier vielen als Versager. Er ist ehemaliger Gewerkschafter und hat in seiner Aktionszeit lange auch Streiks mitorganisiert. Er kennt sich also mit solchen Aktionen aus. Jetzt will er aber klar Schiff machen: “Ich will die Militärpolizisten von einem Teil, der aus Kriminellen besteht, trennen. Die Führer sind Banditen, sie schieben Kinder vor”, erklärte er und bezog sich darauf, dass die Streikenden Kinder und Frauen bei der Besetzung des Abgeordnetenhauses dabei hatten.

Der Karneval steht vor der Tür und damit eines der größten Feste und Tourismusattraktionen von Salvador / Bahia. Gouverneur Wagner steht somit unter Druck. Er erklärte, dass die Sicherheit des “größten Festes der Welt” garantiert werde. Deshalb zählt er auf zwei Faktoren: Den Stolz der bahianischen Polizisten, die es in den letzten Jahren geschafft haben, die 6 km des Festumzuges so zu sichern, ohne dass ein Mord (!) passierte. Zweitens gibt es für alle Polizisten, die den Karneval sichern müssen, eine Gratifikation, nach Ansicht von Wagner so etwas wie ein 14. Monatsgehalt. Wenn das die streikenden Militärpolizisten nicht wanken lässt! Die Sicherung des bahianischen Karnevals ist nach Ansicht von Wagner die größte Militäraktion außerhalb von Kriegszeiten. Deswegen werde die Regierung auch 30 Millionen R$ (ca. 13,2 Millionen Euro) dafür investieren.

Erste Karnevalsvorbereitungen mussten aber wegen der Unsicherheit in Salvador abgesagt werden. Es gibt auch schon Touristen, die ihre Hotelbuchungen stornieren. Ein Tourist aus São Paulo erklärt: “Es gibt eine Art Domino-Effekt. Es gibt schon nicht mehr so viele Taxis, die nachts fahren. Es gibt weniger Leute auf der Straße. Viele sind verängstigt. Wenn das so weitergeht kehre ich nach São Paulo zurück oder ich fahre an einen anderen Strand im Nordosten”.

Siehe auch:
Salvador Bahia in Angst und Panik
Die Toten werden nicht mehr gezählt

Informationsquelle:
PMs repudiam ordem de Jaques Wagner de invadir AL – A Tarde
Jaques Wagner: Governador da Bahia garante segurança durante o carnaval de Salvador – Dialogos Politicos
A 12 dias do carnaval, violência afeta o turismo – Estadao