Freitag, 10. September 2010

Die Toten werden nicht mehr gezählt

Ein Blog wird nicht mehr berichten, es ist der Blog "PEbodycount" aus Recife, der im Kampf gegen die Mord-Kriminalität in Recife und Pernambuco eine aufklärende Arbeit geleistet hat. Ich habe schon mehrfach über ihn berichtet und auch Informationen aus diesem Blog weitergegeben. Nun hat der Blogger Joao Valadares mitgeteilt, dass der Blog eingestellt wird, weil keine öffentlichen Mittel mehr zur Unterstützung der Autoren durch das Land Pernambuco gezahlt werden.

Joao Valadares geht nochmals in einem Abschlussbeitrag auf die Ziele und das durch den Blog Erreichte ein. Ich gebe es nachstehend in Auszügen wieder:

"Wir glauben, dass wir unser Ziel erreicht haben. Wir sind aus einer beunruhigenden Situation geboren worden. Aus dem Gefühl, dass es möglich ist gemeinsame Auswege zu finden. Wir begannen unseren Marsch im Mai 2007, eine Woche bevor die Regierung unseres Staates den Pakt für das Leben lancierte.

Als erstes hatten wir den Pernambucanern zu  erklären, wieviele von uns jeden Tag durch Gewalt sterben. Zu zeigen, wo der Staat am meisten blutete, wo der Schnitt am größten und tiefsten war. Aber das genügte nicht. Wir wollten nicht nur Leichen zählen. Es war notwendig Geschichten zu erzählen, zu mobilisieren und die Wirklichkeit zu verändern. Das Leben zu erzählen, von denen, die töteten und denen die starben. Verantwortlichkeiten feststellen, auf Unstimmigkeiten hinweisen und Beifall klatschen, für etwas, das besser wurde. So haben wir es gemacht, indem wir einen anderen Journalismus betrieben haben, an den die Leute bisher nicht gewöhnt waren. Es war ein Journalismus der Nähe, des Beteiligtseins. Ein kämpferischer Journalismus, der Partei ergriff und die Fahne hochhielt. Wir wurden attackiert. Banditen-Journalismus war eine der Belobigungen, die wir erhielten.

Wir wurden angeklagt, das Bild des Staates zu beschmutzen. Viele haben nicht verstanden, dass der Blog eine Liebeserklärung an Pernambuco war. Wir haben Licht in den Schatten gebracht. Wir waren am Ort, wo die Toten waren. Wir haben den Todeszähler inmitten der Strasse aufgestellt, wir haben während eines Monats alle Orte, an denen ein Mensch getötet wurde, mit roter Farbe markiert. Wir haben das Thema in die Universitäten, Schulen und Kirchen gebracht. Wir haben Kreuze am Strand von Boa Viagem aufgestellt, gestalteten "ein Meer von Tränen" mit weiss dekorierten Ästen bei der Basilika do Carmo im Zentrum von Recife und wir haben Bäume gepflanzt, um 500 geopferte Leben zu symbolisieren.

Vor 4 Jahren gab es Pernambuco gemäss dem statistischen Amt 4.638 Menschen, die  in jenem  Jahr ermordet worden waren. Die 25 Länder der Europäischen Union, die insgesamt 459 Millionen Einwohner zählen (Anm. Pernambuco hat ca. 8 Millionen Einwohner) hatten im selben Zeitraum 6.697 Mordfälle zu beklagen. Das war unser Szenario. Daran haben wir gearbeitet. Die Vielzahl der Tötungen führte zu einer erschreckenden Monotonie, viele Jahre wurden unsere Toten einfach ignoriert. Vergessen. Aus diesem Klima des Vergessens entstand unser Blog.

Nach drei Jahren sehen wir ein Licht am Ende des Tunnels. Zwar noch schwach, aber es gibt wenigstens Hoffnung. Wir sind noch krank mit sehr hohem Fieber. Die Menge der Toten ist immer noch absurd, unakzeptabel. Aber zum ersten Mal gibt es eine Tendenz für ein Fallen der Zahlen. Als pernambucanische Journalisten werden wir die Veränderungen weiterhin begleiten. Wir werden genau aufpassen und weiter für einen Rückgang der Tötungen kämpfen."

Pernambuco braucht die Aufmerksamkeit solcher Journalisten. Ich wünsche den Autoren des Blog deshalb Mut und einen starken Willen, damit sie weiterhin für diese Veränderungen kämpfen können.

Siehe auch Blogbeitrag: Aufruf gegen den traurigen Alltag

Informationsquelle: PEbodycount, O fim do Pebodycount