Sonntag, 22. Mai 2011

Der Müll des Kapitalismus gegen die kommunistische Mangelwirtschaft

Eine Kleinstadt in Siebenbürgen soll mit deutscher und EU-Hilfe wieder lernen, dass auch Müll ein wichtiger Rohstoff ist. Es handelt sich um das Städtchen Agnita / Agnetheln, ein Ort mit 10.000 Einwohnern. Im Rahmen des Projekts "Die Umwelt baut Brücken" (Mediul clădeşte poduri), wird mit Unterstützung durch das Werner Heisenberg Gymnasium in Leverkusen von Schülern der Oberschule in Fogaras eine Untersuchung mit dem Titel "Neues Konzept für die Wiederverwertung der Abfälle in Agnita und der Mikroregion des Hârtibaciul-Tals (Harbachtal)" durchgeführt.

Agnetheln wurde ausgesucht, weil es in dieser Kleinstadt ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Mülltrennung gibt. Ein Grund zusammen mit dem Bürgermeister des Ortes zurückzublicken in eine Zeit, in der in Rumänien nichts weggeworfen wurde. Es war die Zeit vor der Revolution.

Die Geschichte der Wiederverwertung in Rumänien sieht nach Bürgermeister Radu Curcean so aus:

"Wir haben einen Wendepunkt in unserer Geschichte erlebt, den viele noch präsent haben... Früher wurde die Milchflasche täglich gewaschen und sie wurde benutzt bis sie zerbrochen ist. Eine Plastiktasche war sehr wertvoll und wurde demzufolge vielfach benutzt. Zum Einkaufen ging man mit einer Einkaufstasche aus Stoff. Für jeden Gegenstand sucht man einen Wiederverwendungszweck, da wir nicht in einer Konsumgesellschaft gelebt haben und nur wenig kaufen konnten. So mussten die Menschen erfinderisch sein und die Gegenstände des alltäglichen Lebens für verschiedene Zwecke nutzen. Heute ist alles mehrfach verpackt, im Zeitalter des Kommunismus gab es keine entwickelte Verpackungsindustrie. Vom Ausland wurde so gut wie nichts importiert. Viele weden sich noch daran erinnern, dass es damals Hauptziel war zu exportieren und möglichst wenig zu importieren.
Vor 1989 wurde großer Wert auf die Trennung eisenhaltiger Abfälle von nicht eisenhaltigen gelegt. Diese Wertstoffe wurden zerlegt. Spezielle Werktsätten brachen das Kupfer aus kaputten Motoren und aus den Elektrokabeln, sammelten sie und schickten sie in die Stahlfabriken. Papier und Verpackung wurden in den Zellulose-Fabriken wiederaufgearbeitet. Auf den Dörfern sammelte man Kleidung aus Wolle und gab sie in der Textilfabrik zu Weiterverarbeitung ab. Im Austausch bekam man dafür Behälter für den Haushaltsgebrauch.
Von daher gesehen kam man sagen, dass es eine Art Wiederverwertung gab, aber nicht weil man es der Umwelt zuliebe tat, sondern weil man etwas dafür bekam."

Und wie sieht es heute aus in Rumänien mit dem Müll und der Wiederverwertung? Der Westen hat den Kapitalismus, die Marktwirtschaft und tonnenweise Müll nach Rumänien gebracht. Flaschen sind jetzt aus Plastik und werden nicht mehr mehrfach benutzt, sondern einfach weggeworfen. Die Müllberge wuchsen ins unermessliche und gleichzeitig gab es keine Mülldeponien, die diesen Namen verdienten. Rund um die Städte und Orte wurde und wird der Müll auf freiem Feld abgeladen. Rumänien lernte die Schattenseiten der Konsumgesellschaft kennen und beginnt am Müll zu ersticken.

Jetzt versucht man mühsam, eine Abfallwirtschaftbewirtschaftung einzuführen. Mit eigenen Mitteln ist das nicht möglich, da dem Land dazu die finanziellen Kapazitäten fehlen. Es gibt jetzt EU-Programme, mit der die Einrichtung ordentlicher Müllkippen gefördert wird. Es gibt aber auch Geld, um wieder das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass man ein Großteil des Müll wieder benutzen kann.

Nochmals zurück zu Agnetheln. Hier wurde 2003 ein Pilotprojekt aus dem PHARE-Programm der EU zur Abfallbewirtschaftung eingerichtet. Ziel war es wiedervertbares Material auszusortieren und der Wiederverwertung zuzuführen. Gleichzeitig ging es darum ein System der Müllabfuhr zu organisieren und in einer Kampagne die Bevölkerung über das Projekt aufzuklären. Dazu gehörte auch die Ausbildung des für die Abfallbewirtschaftung zuständigen Personals.

Die Schüler in Fogarasch werden jetzt untersuchen, ob das Projekt voran kommt. Und sie werden dabei auch entdecken, wie wichtig die Wiederverwertung des Abfalls ist.

Siehe auch:
Umweltkatastrophe in Kronstadt
Statt Grünzonen Müllzonen

Informationsquelle:
Cum se recicla înainte de '89 | Romania Libera