Montag, 2. Mai 2011

Die Bucht von Algeciras wird zur Kloake

Am Südzipfel Gibraltars, an der Meerenge von Gibraltar, stinkt es des öfteren nach faulen Eiern. Zwischen Gibraltar und dem spanischen Festland im Westen liegt die Bucht von Algeciras. Hier liegt ein Heer von Schiffen unterschiedlicher Größe, die untereinander mit einem Schlauch verbunden sind. Der Gestank rührt daher, dass diese Schiffe in der Bucht auf diese Weise mit Treibstoff versorgt werden. Gibraltar liefert diesen 20% preiswerter als die Spanier. Umweltinspektionen gibt es gut wie gar nicht. Also keine lästige Strafgelder und ähnliches, wenn man gegen Umweltauflagen verstößt. "Geld stinkt nicht" heisst es, aber hier kann man mal eine Ausnahme machen.

Es ist nun einmal so, dass irgendwelche Zwergstaaten gerne auf Kosten des Allgemeinwohls anderer Länder leben. Sei es nun Liechtenstein, Andorra oder Gibraltar. An diesen Orten sitzen die Jongleure der Gewinnmaximierung, die für den Profit einiger weniger arbeiten. Die Hafenbehörde von Gibraltar zählt die Vorteile auf: "Minimale Kosten wegen des steuerbefreiten Status innerhalb der europäischen Union, niedrige Hafengebühren, in der Nähe der großen Schiffahrtslinien und ein ständig von der Regierung überwachter Markt im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit". Und "die Schiffe werden normalerweise mit Treibstoff versorgt, während sie in der Bucht ankern".


Die Bucht von Algeciras ist hochgradig gefährdet und damit eine Zeitbombe. An ihr haben sich Raffinerien, chemische Industrie, ein Wärmekraftwerk und die britische U-Boot-Flotte häuslich gemacht. Die Bucht ist vor Gibraltar zum viertgrößten Umschlagplatz für das "Bunkering" aufgestiegen. Das "Bunkering" erfolgt durch Versorgung zwischen Schiffen. Mehr als 106.000 Schiffe queren jährlich die Meerenge von Gibraltar, davon 5.000 Öltankschiffe. Die Sprecherin der Umweltschutzbehörde der Provinz Cádiz erklärt die Situation: "Was wir hier haben. ist eine stille Flut von schwarzem Abwasser, die ständig eingeleitet werden und so die Situation der Verschmutzung zu einem Dauerzustand machen." Die Liste der havarierten Schiffe mit anschliessender Verseuchung des Meeres ist lang. Aber nicht nur diese Tatsachen belasten die Umwelt. Noch schwerer wiegen inzwischen die Öleinleitungen, die beim "Bunkern" entstehen und die Tatsache, dass viele Schiffe ihre Tanks in der Meerenge von den Treibstoffresten befreien und diese ins Wasser einleiten.

Für die spanischen Behörden ist es schwer, Umweltsünder festzustellen, da Gibraltar nicht kooperiert. Für die Spanier ist Gibraltar eine große schwimmende Tankstelle, die zwar gerne auf diese Weise das große Geschäft macht, aber für die Umweltschäden nicht aufkommen will. In den letzten 10 Jahren hat sich der Umsatz verfünffacht. Davon werden 2/3 des Umsatzes in Gibraltar gemacht, und 1/3 auf spanischer Seite. Gibraltar hat eine 3-Meilenzone mit eigenen Hoheitsrechten und auf diesem Streifen Meer spielt sich alles ab. Da die Bucht inzwischen zu eng wird, werden Schiffe in der Zwischenzeit auch schon in den Naturschutzgebieten des östlichen Teils des Felsens von Gibraltar gebunkert.

Die spanischen Orte an der Bucht müssen bereits mit hausgemachten Umweltschäden leben und bekommen nun auch noch ein steigendes Gefährdungspotential von seiten der schwimmenden Tankstelle. In der Hafenstadt San Roque liegt die Lebenswerwartung der lokalen Bevölkerung um 20% unter dem spanischen Durchschnitt. Bei der Kontrolle und gemeinsamen Aktionen gegen Umweltsünder gibt es keine Zusammenarbeit, weil Gibraltar jede spanische Einmischung als Gefährdung seiner Souveränität ansieht.

In Gibraltar gibt es eine Umweltschutzgruppe, die sich "The Environmental Safety Group" nennt. Sie ruft die Bevölkerung auf, sich zu melden, wenn der Gestank von den bunkernden Schiffen wieder einmal zu toll wird. Ansonsten gibt die Gruppe den Spaniern die Schuld an der hohen Umweltbelastung. Sie hat sich bei der EU beklagt, dass Spanien nichts gegen die hohe Luftverschmutzung in der Bucht tue. Die Gruppe schreibt auf ihrer Webseite: "Unser Plan ist es mehr Öffentlichkeitsarbeit zu machen, mit den grünen Abgeordneten im Europaparlament und im britischen Parlament Kontakt aufzunehmen und zu allen anderen Organisationen, die an einer Verminderung der Verschmutzung in unserer Umgebung interessiert sind. Eine Verschmutzung, die auf die Schwerindustrie in der Bucht, insbesondere die Öl-Raffinerien, zurückzuführen ist." Die Regierung von Gibraltar hat auch eine Umweltagentur. Wenn man nach deren Webseite geht, dann gibt es in dieser Region überhaupt keine Probleme.

Gibraltar gehört über Großbritannien zur Europäischen Union ebenso wie Spanien. Dennoch sind beide nicht in der Lage auf ihre nationalen Eifersüchteleien zu verzichten und im Interesse des Umweltschutzes gemeinsam und kompromisslos zu handeln.


Informationsquelle:
Gibraltar contamina y no paga · ELPAÍS.com