Mittwoch, 1. Dezember 2010

Nach der Schlacht ist vor der Schlacht

Die Räumung der Favelas "Vila Cruzeiro" und "Complexo do Alemao" von Drogenbanden durch schwerbewaffnetes Militär und Polizei gibt Rio de Janeiro seit langem wieder einmal das Gefühl, dass die Stadt wieder sicherer wird. Es ist gelungen die Banden aus strategisch wichtigen Vierteln zu entfernen. Aber Rio de Janeiro hat noch einen schlimmeren Feind als die Drogenhändler, nämlich die Milizen (milicianos). Diese sind mächtiger als die Drogenhändler, denn kommandiert und organisiert werden sie von Militärs und Ex-Militärs, Polizisten und Ex-Polizisten. Diese haben die Favelas auf den Hügeln den kriminellen Banden abgenommen und kontrollieren inzwischen die Wasserversorgung, die Versorgung mit elektrischer Energie, das illegale Fernsehkabelnetz, den Verkauf von Gas zum kochen sowie Sicherheitsdienste und das Transportwesen.

Inzwischen sind sie in 96 Favelas die Herren über Leben und Tod. Am Anfang wurden sie noch als Kämpfer gegen die Kriminellen von den Bewohnern begrüsst, bald aber wendete sich das Blatt. Sie gingen dazu über, sich ihre Dienste entgelten zu lassen und Schutzgelder zu erpressen. Wer nicht mitmacht wird einfach umgelegt. Der Soziologe Glaucio Ary Soares erklärt es so: "Am Anfang gab es eine unerwartete Unterstützung für die Miliz. Nach und nach begannen aber die neuen Chefs der Favelas Händler und Bewohner zu erpressen, indem sie ihnen Dienste anboten, die sie, ob sie wollten oder nicht, annehmen und bezahlen mussten. Da haben sie dann gemerkt, dass an ihrer Situation sich nur die Herren geändert hatten".

Die Favelas, die von Drogenbanden kontrolliert wurden, wurden als vorrangiges Ziel ausgesucht, weil sie viel stärker der öffentlichen Ordnung schaden konnten. "Sie konnten die Stadt zum Stillstand bringen. Von 200 bis 2009 zündeten sie 800 Omnibusse in Rio an. Das brachte ein hochgradiges Gefühl der Unsicherheit. Die Milizen hat man nicht prioritär behandelt, weil sie weniger störten. Die terroristischen Attacken wurden von den Drogenbanden ausgeübt".

Den Milizen ist schwerer beizukommen. Sie haben Verbindung in alle staatlichen Institutionen. Sie arbeiten mit Kollegen aus der Polizei zusammen, wählten Abgeordnete. Um sie zu bekämpfen braucht Rio eine neue Strategie.

Der Direktor des "Zentrums für Studien zur Kiminalität und öffentlichen Sicherheit" (Centro de Estudos em Criminalidade e Segurança Pública) der Bundesuniversität von Minas Gerais, Claudio Beato, glaubt, dass der Kampf gegen die Milizen die zweite Etappe im Kampf gegen den Terror sein wird. Er werde zu einer Belastungsprobe für das Planungsvermögen der leitenden Sicherheitsorgane von Rio de Janeiro. Und dieses sei bisher sehr schwach ausgebildet. "Die Regierung reagiert nur, sie erkennt nicht, was als Nächstes kommt. Die Gewalt im Drogenhandel ist ein dringendes und sichtbares Problem. Die Milizen sind aber schwieriger zu bekämpfen. Sie befinden sich innerhalb der Polizei, sie haben eine Präsenz in der Politik", erklärte Claudio Beato.

Für den Wissenschaftler ist es klar, dass diese Gruppen auf wirtschaftlichem Gebiet bekämpft werden müssen mit Hilfe der Steuerbehörden und der Behördern zur Bekämpfung von Finanzverbrechen. Schwerpunkt  wäre Delikte wie Erpressung, illegale Ausnutzung öffentlicher Dienst und Glücksspiele.

Damit die Hoffnungen der "Cariocas" nicht eitler Wahn bleiben, müssen die Aktionslinien gegen die Drogenbanden mit denen gegen die Miliz gebündelt werden. Die Sicherheitsbehörden müssen die jetzt zurückgewonnen Favelas dauerhaft befrieden.

Siehe auch Blogbeiträge:
Saubere Beschützer oder rettet mich vor der Bürgerwehr!
Warum mir der Krieg in Rio Hoffnung gibt

Informationsquelle:
Depois dos traficantes, o desafio de acabar com as milícias - Brasil - Notícia - VEJA.com