Direkt zum Hauptbereich

Saubere Beschützer oder rettet mich vor der Bürgerwehr!

Bloggerin Fernanda Dannemann vom Jornal do Brasil hat unter dem Titel "Ein Volk, das eine Miliz braucht, ist arm" eine Alltagsbeschreibung aus Rio de Janeiro geliefert, die sehr wirklichkeitsnah die Ängste der Bewohner dieser Stadt beschreibt. Diese Ängste führen dazu, dass die Cariocas wiederum zu Beschützern laufen, die die Spirale der Gewalt antreiben unter dem Vorwand ihnen zu helfen. Die Rede ist von Stadtmilizen oder Bürgerwehren, die sich den Bewohnern einzelner Viertel als Beschützer anbieten. Sie erzählt von einer Freundin, die mehrere Tage ins Krankenhaus musste. Ihre Wohnung befand sich in einem Viertel, in das die Polizei so gut wie gar nicht kam und wo es auch keine Polizeistation gab. Sie fürchtete sich schon sehr in eine Wohnung zurückzukehren, die einige Tage von ihr nicht bewohnt wurde. Nach ihrer Rückkehr nahm ein Nachbar Kontakt mit einem "Miliciano" auf, der auch mit seiner Bürgerwehr ein "Blick" auf ihre Wohnung werfen wollte.

Die "Milicianos", die Bürgerwehr, sind wiederum ein dunkles Kapitel in der Geschichte brasilianischer Großstädte. Mitglieder der Bürgerwehr sind oft Polizisten, die aus dem Dienst entfernt wurden, weil sie Verbrechen begangen hatten. In manchen Stadtteilen haben sie inzwischen die Drogenbanden abgelöst, bei denen viele Bürger ebenfalls "Schutz" gesucht hatten.

Die Bürgerwehr macht keine Umstände, wenn sie meint, einen Kriminellen erwischt zu haben. Vergewaltiger werden von ihnen sofort getötet, Dieben schlagen sie die Füße ab oder die Hände oder sie legen Feuer an seinen Köper. Ein Ehemann, der seine Frau schlägt, bekommt eine Tracht Prügel. Wenn er es noch einmal tut, wird er aus dem Viertel verbannt oder er wird erschossen. Mit solchen Taten verbreiten sie Angst, gewinnen aber auch die Bewunderung der Bewohner. Sie schaffen damit einen rechtsfreien Raum, in dem sie die Herren sind. Sie lassen Diebe und Drogensüchtige nicht in das Viertel. Gibt es einen Überfall sind sie vor der Polizei da. Die Bloggerin hörte, wie einer aus diesem Anlass bezüglich des festgehaltenen Diebes rief: "Gib ihm den Gnadenschuss!" und der Dieb hatte dann das Glück, dass die Polizei doch noch zuvor eintraf und ihr übergeben wurde.

Die Freundin von Fernanda Dannemann war bereits aus einem anderen Viertel geflüchtet. Dort wurde sie eine Nacht lang von Mitgliedern der Bürgerwehr vergewaltigt. Sie beklagt, dass es in diesen Vierteln keine Polizeistationen für Frauen gibt. In anderen Vierteln gibt es diese und sie erinnert sich sehr gut daran, dass sie dort sehr gut betreut wurde. "Sie halfen mir in das Auto zu steigen, um zu einer medizinischen Untersuchung über die Tat zu fahren. Ich erhielt psychologische Betreuung. Ich konnte die Banditen identifizieren, aber ich hatte nicht den Mut eine Anzeige zu machen, weil ich Angst vor Repressalien hatte. Wer wird mich beschützen, wenn sie wieder kommen? Das könnte ich nur machen, wenn ich auf der Polizeistation wohnen würde."

Jetzt ist sie resigniert. Trotzdem sie Opfer der "Milicianos" war, muss sie sich jetzt auf deren Schutz verlassen. "Es ist schade, ich wäre lieber zur Polizei gegangen, denn dann wäre ich niemandem etwas schuldig. Denn hier ist nichts umsonst. Du bist ihnen was schuldig und eines Tages, wenn sie dich um einen Gefallen bitten, kann ich nicht nein sagen. So oder so habe ich mein Ruhe verloren", beschreibt sie resigniert die Situation.

Informationsquelle: Jornal do Brasil, Blog Alma Lavada, Pobre do povo que precisa de milícia

Beliebte Beiträge

Es reicht!

Vor kurzem wurde in Sao Paulo Ricardo Silva Nascimento, ein Müllsammler, schwarzer Hautfarbe, kaltblütig durch die Militärpolizei erschossen, mit einem Schuss in den Körper und zwei in den Kopf, nur weil er es wagte in einem Restaurant in einem Stadtviertel der Mittelklasse nach Essen zu betteln. Diesselbe Polizei, die ihn tötete, manipulierte vor aller Öffentlichkeit die Beweise am Tatort, transportierte illegalerweise den Körper ab und löschte auf den Mobiltelefonen von denen, die die Tat filmten, den Beweis des Verbrechens.

Bewohner des Viertels sollen dabei der Militärpolizei zugejubelt haben.

In Brasilien erlebt man zur Zeit einen Rückfall in die alte Tradition der Sklavengesellschaft und der Unterdrückung einer Bevölkerung, die ausgebeutet wird und in tiefer Armut lebt. In der Zeit der Präsidentschaft von Lula da Silva gab es eine Politik für die Armen, ein Programm, das sich "Zero fome" (Kein Hunger) nannte und mit dem man den beschämenden Zustand eines reichen Lande…

Wenn in Spanien ein Ministerpräsident vor Gericht erscheinen muss

Mariano Rajoy, derzeitiger Ministerpräsident Spaniens, musste jetzt im Korruptionsskandal "Gürtel" vor Gericht als Zeuge aussagen. Die Vorwürfe gegen ihn sind umfangreich, aber bisher ist es ihm immer wieder gelungen, den naiven Unschuldigungen zu geben. Seltsam, was alles ohne sein Wissen bei der illegalen Finanzierung seiner Partei, der Partido Popular (PP) so gelaufen ist.

Es war also Zeit, dass er endlich vor einem ernsthaft arbeitenden Gericht mit den harten Fakten konfrontiert wird. Vor der "Audiencia Nacional" (vergleichbar etwa unserem Bundesgerichtshof) genoss er allerdings eine Sonderbehandlung. Der Journalist Ignacio Escolar beschreibt wie das bei Rajoy abgelaufen ist:

Die Zeugen, die vor der Audiencia Nacional aussagen, sitzen normalerweise auf einem Stuhl gegenüber den Richtern und antworten ohne den Beistand von Rechtsanwälten und sind zur Wahrheit verpflichtet. Rajoy war aber kein Zeuge wie sonst. Er sass an einem privilegierten Platz, rechts von der …

Erdogans willige rumänische Helfer

Nalan Oral ist eine türkische Menschenrechtsaktivistin. Sie ist in Belgien seit 2012 als politischer Flüchtling anerkannt. Anfang Juli wollte sie zusammen mit ihrer Familie  über Rumänien nach Bulgarien reisen, um dort Urlaub zu machen. An der rumänisch-ungarischen Grenze wurde sie am 8. Juli auf Grund eines  internationalen Haftbefehls von Interpol festgenommen und ins Gefängnis gesteckt, um sie dann später an die Türkei ausliefern zu können.

Nalan Oral hatte bereits 3 Jahre in der Türkei im Gefängnis gesessen. Ihr wurde Unterstützung des Terrorismus vorgeworfen. Sie ist kurdischer Herkunft und wurde zudem wegen Unterstützung der PKK angeklagt. Sie selbst erklärt, dass sie das Opfer einer Inszenierung war. Während sie im Gefängnis sass, behaupteten die türkischen Behörden in ihrem Haus Waffen gefunden zu haben. Deshalb wurde sie in der Türkei zu weiteren 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Berufungsgericht in Timişoara hat jetzt entschieden, dass Nalan Oral aus der Haft entlassen we…

Die Betontürme von Barcelona: Auch Betonschrott macht anhänglich

Wer von den höheren Positionen der Collserola auf Barcelona hinunterblickt, dessen Blick bleibt bald an 3 Türmen im Nordosten von Barcelona hängen. Diese drei Türme, die an der Mündung des Flusses Besós ins Meer liegen, gehörten zu einem konventionellen thermischen Kraftwerk, das in den 70er Jahren gebaut worden war. Seit 2011 ist dieses Kraftwerk stillgelegt. Es hatte zuvor kräftig zur Luftverschmutzung in Barcelona beigetragen. Es liegt nicht auf der Gemarkung der Stadt Barcelona, sondern der Vorortgemeinde Sant Adrià.

Drei Türme aus Beton dienten als Kamine über die die Abgase des Kraftwerks abgeleitet wurden. Beim Bau waren sie 90m hoch über den bereits 90m hohen Hochöfen gebaut worden, Es stellte sich heraus, dass in dieser Höhe die Abgase das Stadtklima beeinträchtigten und so wurden sie bis auf 200m erhöht. Sie übertrafen damit die Türme der Kathedrale Sagrada Familia, das Wahrzeichen von Barcelona. Man könnte sich vorstellen, dass ein solches hässliches Bauwerk als Verschande…

Die Probleme einer jungen Katalanin mit der Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien

Katalonien strebt ein Unabhängigkeitsreferendum im Herbst dieses Jahres an. Die Zentralregierung schwört, dass sie alles tun werde, um das Referendum zu verhindern. Den veranstaltenden katalanischen Politikern wird mit dem Verfassungsgericht und strafrechtlichen Konsequenzen gedroht. Die Stimmung zwischen den Befürwortern und Gegnern ist aufgeheizt. Dazwischen gibt es aber auch Personen, die sich nicht so richtig entscheiden können. Unter anderem auch eine junge Katalanin, deren Ausführungen ich hier gekürzt wiedergeben möchte:

Ich bin in Katalonien geboren, aufgewachsen und lebe hier. Wie viele andere Menschen ist mein Vater Katalane, aber meine Mutter kommt nicht aus Katalonien, sondern aus Andalusien. Es ist eine altbekannte Tatsache, dass in den 60er-Jahren viele Murcianer, Andalusier und Menschen aus der Extremadura auf der Suche nach Arbeit nach Katalonien gekommen sind. Denn diese prosperierende Region war auch immer eine gastfreundliche Region, die vielen Menschen die Möglichk…

Einen auf Blonde machen und mit Stöckelschuhen arbeiten, der neue spanische Feminismus

Cristina Cifuentes Cuencas (geboren 1964) ist eine spanische Politikerin, die der Regierungspartei PP angehört. Seit 2015 ist sie Präsidentin der autonomen Region Madrid und seit 2017 auch Präsidentin der PP-Sektion von Madrid.
Im August 2013 hatte sie einen schweren Motorradunfall, bei dem sie zwischen Leben und Tod schwebte.

Cifuentes gilt als eine Nachwuchshoffnung der von Korruptionsaffären geschüttelten Partido Popular. Deshalb genießt sie einige Aufmerksamkeit in den spanischen Medien. Vor kurzem gab  sie der Modebeilage der spanischen Zeitung "El Pais" ein Interview, das für einige Aufregung sorgte. Neben leichtem Gespräch über Mode und ihren schweren Motorradunfall mit Nah-Tod-Erfahrung ging es auch um die Gleichberechtigung der Frauen in Spanien. Dabei äußerte sie sich eher scherzhaft zu dieser Frage, stieß aber damit doch auf Empörung. Wörtlich ging es um folgendes:

El Pais: Zur Zeit sind sie jeden Tag in Versammlungen, in denen viel Macht ausgeübt wird. Ohne Stöc…