Freitag, 21. August 2009

Spanische Flugsicherheit: Abwarten und Tee trinken, das war einmal

Gestern gedachte Spanien der 154 Toten Fluges der Spanair JK5022, der vor einem Jahr auf dem Flughafengelände von Madrid abstürzte. Auf allen spanischen Flughäfen wurde eine Schweigeminute eingelegt.

Die Untersuchung des Absturzes hatte bedenkliche Mängel in der Arbeit der Behörden für Flugsicherheit offenbart, für die in Spanien die "Comisión de Investigación de Accidentes e Incidentes de Aviación Civil (CIAIAC)" (Komission für die Untersuchung von Unfällen und Zwischenfällen im zivilen Flugverkehr) zuständig ist. So wurde jetzt bekannt, das die Ursache für den Absturz - die Landeklappe auf der hinteren Seite der Tragflächen waren nicht ausgefahren und der Alarm, der die Piloten im Cockpit in einem solchen Fall warnen soll, hat nicht funktioniert - ein bekanntes Problem des Flugzeugtyps MD-82 war. Bereits 1987 war der Defekt bei einem Flugzeugabsturz in Detroit die Absturzursache.

Am 5. Juni 2007 passierte derselbe Fehler beim Start einer MD-83 der österreichischen Fluggesellschaft Mapjet von Madrid nach Lanzarote. Auch hier wurden die Piloten nicht über einen Alarm gewarnt, hatten aber auch zuvor nicht die Checkliste vorschriftsgemäss abgearbeitet. Sonst hätten sie merken müssen, dass der Alarm nicht funktionierte. Wie sich später herausstellte, fehlte eine wichtige Sicherung in der Bordarmatur. Beim Start zeigten 4 Kontrollinstrumente Unregelmässigkeiten an. Der Ko-Pilot versuchte, den Fehler ohne Erfolg zu beheben. Die Piloten starteten trotzdem und da die Motoren nicht automatisch beschleunigten, beschleunigten sie diese manuell. Damit konnten sie starten und in Lanzarote landen. Auf der Insel nahmen sie 140 Passagiere für den Flug nach Barcelona an Bord. Die Maschine war mit 74 Tonnen beladen und damit zu 89% ausgelastet. Die Piloten vergassen wieder die Landeklappen und stellten beim Start um 10:42 erneut die 4 Kontrollampen fest, die Unregelmässigkeiten anzeigten. Erneut versuchte der Ko-Pilot diese ohne Erfolg zu korrigieren. Der Ko-Pilot sass am Steuer als sie um 10:45 Uhr starteten. Kein Alarm ging an. Das Flugzeug schwankte um 63 Grad nach rechts und 60 nach links. Es stand kurz vor dem Absturz. 25 Sekunden nach dem Start gelang es, das Fahrgestell einzuziehen und zu steigen. Glück im Unglück: Auf Lanzarote herrschte zu diesem Zeitpunkt ein sehr starker Gegenwind im Gegensatz zum Unglück in Madrid im vergangenen Jahr. Zudem waren die Motoren leistungsstärker. Mit maximaler Kraft stieg die Maschine auf 1.524 Meter. Nachdem der Schock verdaut war, entschieden sich die Piloten, den Flug fortzusetzen wie wenn nichts passiert wäre. Nach der Landung erkundigten sich die Piloten beim Bodenpersonal in Madrid nach der Ursache und erfuhren, dass am Tag zuvor die für den Alarm wichtige Sicherung aus dem Flugzeug entfernt worden war. Es stellte sich heraus, dass das technische Personal täglich diese Sicherungen herauszieht, um zu prüfen, ob bestimmte Aussenlichter funktionieren.

CAIAC zeigte in seinem Untersuchungsbericht auf die Piloten, die das übliche Standardverfahren nicht beachtet hätten. Zudem wären die Piloten nicht ausreichend geschult gewesen. Ein Vorwurf, der an die österreichische Flugsicherheitsbehörde Austrocontrol gerichtet wurde, da diese ihre Überwachungspflichten nicht nachgekommen sei. Verwarnungen sollten Mapjet, die für eine bessere Ausildung der Piloten und Funktionieren der Flotte sorgen sollten, Austrocontrol, damit diese die Kontrolle über die Charterflotten verschärfen solle und die Europäische Agentur für Flugsicherheit, damit diese Austrocontrol besser überwache, erhalten. Das Tolle daran ist: Dieser Bericht existiert nur als Entwurf (borrador)! Er hat also nie das offizielle Licht der Welt erblickt und damit bezüglich der Sicherheitsproblematik kein geschärftes Gefahrenbewusstsein gebracht.

Kein Wort über den fehlenden Alarm, keine Empfehlung für ein System, das nicht abgestellt werden kann. Keine Warnung an Spanair wegen deren MD-Flugzeuge. Im Bericht über den Unfall Madrid wurde dieser schwerwiegende Zwischenfall in Lanzarote verschwiegen.

Kein Wunder, dass die spanische Öffentlichkeit ihr Augenmerk auf die CAIAC legt. Die Angehörigen der abgestürzten Spanair sind sich sicher: "Das Unglück hätte nie passieren dürfen". Sie geben der Schlamperei der CAIAC die Schuld. Als erste Massnahme hat die spanische Regierung beschlossen, dass die Mitglieder der Komission durch das Parlament gewählt werden sollen. Das bringe aber nicht viel, meinen die Medien, solange die Komission nicht die für die Untersuchungen nötigen Mittel bekomme und gezwungen werde, die internationalen Vorschriften anzuwenden. Zur Zeit würde von der CAIAC die internationale Empfehlung, Untersuchungsberichte innerhalb eines Jahres abzuschliessen oder zumindest einen internen Bericht über den Sachstand zu veröffentlichen, missachtet.

Infomationsquelle: El Pais, "Aprender de los errores" und "Despegó sin 'slats' y con los 'flaps' a 0 grados. La alarma estaba inactiva"
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