Montag, 10. August 2009

Rio de Janeiro's Tunnelwelt

Rio ist eine Stadt, eingebettet in eine Hügelwelt, in der es zum Teil sehr steil auf und abwärts geht. Die Stadtteile liegen in den diversen Buchten und wollen miteinander verbunden werden. Was liegt näher wie diese Verbindung per Tunnel herzustellen. Deshalb gibt es in Rio eine Unmenge Tunnels, die man per Auto, aber auch zu Fuss durchqueren kann.

Viel Spass macht das wohl nicht. Das kann man wenigstens aus einer Reportage des "Jornal do Brasil" entnehmen. "Dreckig, dunkel, nicht durch die Polizei überwacht und voll mit Obdachlosen (sem-teto) bilden die Tunnels richtige Fallen" ist die zusammenfassende Bewertung.

Das Passieren eines Autotunnels auch zu Fuss ist schon von den Luftverhältnissen her eine Zumutung. Aber die Tunnels sind auch für Autos stets eine Überraschung wert. Schlecht beleuchtet und schmutzig und von der Polizei im Stich gelassen, sind Überfälle an der Tagesordnung. So gibt es im Stadtviertel Copacabana häufig Überfälle auf Fussgänger, die die Tunnels passieren. Hinzu kommen die Drogenkonsumenten und die Obdachlosen, die auf den Gehwegen schlafen.

Der 80-jährige João de Almeida durchquert deshalb die Tunnels nur mit seinem Rottweiler. Damit hatte er bereits Überfälle im Ansatz ersticken können.

Der Kassierer einer Mautstelle am Ende des Tunnels in der Avenida Princeza Isabel, erzählt, dass er bis zu drei Überfälle pro Tag beobachten konnte. Seiner Ansicht nach haben die Kriminellen ein Versteck in der Nähe des Tunnels, wo sie die geraubten Produkte aufbewahren. Gleichzeitig ist dieses Versteck auch das Lager der Obdachlosen für ihre Matratzen, Tücher und Kleider.

Weitere Tunnels, wie der von Sá Freire Alvim, am Fuss des Morro Pavão-Pavãozinho, und im Túnel Velho, in der Nähe von Ladeira dos Tabajaras, sind problematisch wegen der Drogenkonsumenten, die sich rund um die Uhr dort aufhalten. Zudem zeichnen sie sich durch einen unwiderstehlichen Gestank aus. "Der Geruch ist nicht zu ertragen, seit Urzeiten reinigt niemand mehr diese Tunnels", berichtet die Hausfrau Shirley Silva. Diese Tunnels bilden die Bedürfnisanstalten der Stadt und verbreiten einen unerträglichen Fäkal- und Uringeruch.

Ein grosses Problem sind die Obdachlosen, die bei der Kälte des Winters nur in den Tunnels einigermassen geschützt übernachten können. Zu dieser Jahreszeit schlafen sie nicht nur dort, sondern kochen auch. Autofahrer können sie dabei sogar auf dem Mittelstreifen bei dieser Tätigkeit beobachten. "Es ist sehr traurig, soviele Leute zu sehen, die nicht wissen, wo sie wohnen können", bemerkt die Übersetzerin Carolina de Paiva.

Aus dem Auto kann man das Elend sehen, aber man ist auch nicht sicher. Ständig gibt es Überfälle auf Autos in den Tunnels von Rebouças und Santa Bárbara. Der schlimmste Tunnel ist aber der Noel Rosa, der den Stadtteil Vila Isabel mit Sampaio im Norden verbindet. Der Tunnel liegt unter dem Hügel "Morro dos Macacos", der von Drogenbanden und Polizei heftig umkämpft ist. Durch diese Tunnels führt eine der wenigen Buslinien Rio's, die die Tunnels benutzen. Wenn es hier eine der häufigen Schiessereien gibt, werfen die Buspassagiere auf den Boden. "Ich als Schaffnerin und der Busfahrer, wir können das nicht machen", berichtet eine Schaffnerin, "da hilft nur noch beten".

Die Polizei lässt sich in diesen Tunnels selten blicken, obwohl sie das Gegenteil behauptet. Die Stadtreinigung sollte von der städtischen Reinigungsgesellschaft "Comlurb" durchgeführt werden. Sie ist der festen Ansicht, dass sie alles tut, was ihr von der Stadtverwaltung vorgegeben wird. Es gibt aber auch noch andere Institutionen, die mit der Reinigung beauftragt sind, wie RioLuz und SMO. Vielleicht gibt es da Abstimmungsprobleme. Für die Reinigung der Tunnels hat Comlurb spezielle Spritzenwagen. Die "garis" (Müllmänner oder Stadtreiniger) sind nach Comlurb bestens ausgerüstet: Maske, Schürze, Handschuhe, wasserfester Overall, Helm, Brille mit erweiterter Sicht und Gummistiefel. 5 "garis" haben die schlechtesten Karten, sie müssen ohne Fahrzeuge in die Tunnels rein, um sie zu säubern. Zur Sicherheit müssen sie alle halbe Stunde Meldung nach aussen machen.

Etwas soll demnächst besser werden in den Tunnels: Das Licht. Es ist geplant die gesamte Tunnelbeleuchtung durch LED-Leuchten zu ersetzen. Sie sind heller und verbrauchen wesentlich weniger Energie. Frage ist nur, wie lange diese in den Tunnels hängen werden. Der Elektrizitätsgesellschaft wurden dieses Jahr schon über 54 Kilometer elektrische Kabel gestohlen, das meiste davon in den Tunnels.

Informationsquelle: Jornal do Brasil,
Um túnel no fim da luz
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