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Warum Rumänen plötzlich zur deutschen Minderheit gehören wollen

In Rumänien gibt es eine neue Einschreibungsregelung für die Schulen, der zufolge kein Einstufungstest mehr durchgeführt werden darf, weil unabhängig von der Sprachkenntnis jedem Mitglied der deutschen Minderheit und anderen Minderheiten eine Ausbildung in seiner Muttersprache garantiert wird. Auf Grund dieser neuen Regelung hat sich dieses Jahr bei den Einschreibungen für das deutsche Goethe-Kolleg in Bukarest die Zahl Eltern, die angeben zur deutschen Minderheit zu gehören, fast verzehnfacht. Das Deutsche Goethe-Kolleg ist die Schule der deutschen Minderheit in Bukarest und untersteht dem rumänischen Ministerium für Bildung, Forschung und Jugend. Deutsch ist Unterrichtssprache.

Die neue Einschreibungsregelung scheint sehr interpretationsbedürftig zu sein. Die Journalistin Nina May beschreibt in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) die Situation: “Hier schlug eine offensichtliche Gesetzeslücke zu, nämlich die Frage, wie man die Zugehörigkeit zu dieser Minderheit überhaupt offiziell definiert. Denn derzeit kann jeder rumänische Staatsbürger vor dem Notar auf eigene Verantwortung seine Zugehörigkeit zu einer beliebigen Minderheit erklären. Wer sich als Deutscher, Ungar, Jude oder Roma fühlt, darf dies unbürokratisch und beweislos zu Protokoll geben. Praktizierte Muttersprache, gepflegtes Brauchtum oder nachweisliche deutschstämmige Einwanderer im Familienstammbaum werden nicht hinterfragt, zu sehr würde dies wohl an den unglückseligen Teil der deutschen Geschichte erinnern. Nun aber stellt sich die Frage: Was macht im ethnischen Mischmasch in Rumänien einen „richtigen Deutschen“ aus?”

Einen Grund beschreibt die ADZ: “Denn entsprechende Klagen (vor Gericht) gibt es schon – und es ist sonnenklar, was da geschehen ist: Um ihrem Kind einen Platz an der prestigereichen deutschen Schule zu sichern, verleugneten viele Rumänen ihre ansonst so geliebten dakischen Wurzeln und bekannten sich kurzerhand zur deutschen Minderheit. Tausche Patriotismus gegen gute Ausbildung! Verständlich einerseits, denn die Chance einer zweisprachigen Erziehung von klein auf bietet bessere Perspektiven als nur zwei Wochenstunden Deutsch als Fremdsprache. Krimineller Betrug andererseits, empören sich jene, die ihrem Kind die gleiche Chance einräumen möchten, ohne ihre rumänische Herkunft verleugnen zu müssen.”

Die ADZ vermutet, dass die schwammige Einschreibungsregelung zu einer Klagewelle führt oder führen wird. Die rumänischsprachige Presse berichtet, dass aufgebrachte Eltern, deren Kinder nicht angenommen wurden, den Nationalrat zur Bekämpfung von Diskriminierungen (CNDC) eingeschaltet haben.

Die Regelung für den Zugang zu den Schulen gilt für alle Minderheiten in Rumänien. Die größten sind die ungarische Minderheit und  die Minderheit der Roma. Für Roma sind zum Beispiel 611 Plätze an rumänischen Universitäten reserviert. Um einen dieser Plätze zu bekommen, ist eine Empfehlung seitens einer zivilen, kulturellen oder politischen Organisation der Romas erforderlich, in der die ethnische Zugehörigkeit zu den Romas bestätigt wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Bewerber zu einer dieser Organisationen gehört. Der Präsident des CNDC, Csaba Asztalos, hält eine einfache Erklärung zur Zugehörigkeit zurecht für zweifelhaft, da diese dem Missbrauch Tür und Tor öffne. Er präzisiert: “Zuerst einmal ist eine einfache Erklärung, dass du dich als Deutscher oder Rumäne ansiehst, nicht ausreichend, um die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft herzustellen. So sagt es die Europäische Konvention zum Schutz nationaler Minderheiten, die darauf abstellt, dass man Kenntnisse der Sprache und der Kultur hat”.

Also muss nun doch festgelegt werden, was im ethnischen Mischmasch in Rumänien einen „richtigen Deutschen“ ausmacht. Oder: Wenn der Drang zu deutschsprachigen Schulen so groß ist, warum dann nicht einfach das entsprechende Angebot ausbauen? Auch dieser Frage ist die ADZ nachgegangen: “Interessant ist aber auch die Frage, warum deutsche Schulen hier überhaupt einen so hohen Stellenwert haben? Ist es die Hoffnung auf spätere Jobchancen in Ländern mit besserem Lohnniveau? Lockt die Gratisausbildung des staatlichen Goethe-Kollegs, im Vergleich zu teuren Privatschulen in anderen Sprachen? Oder hat Deutsch tatsächlich, wie PDL-Abgeordneter William Brânza in der „Evenimentul Zilei“ äußert, einen hohen Stellenwert im Lebenslauf, weil „Englisch bei der Einstellung kein Atout mehr darstellt“? Vielleicht ist es aber auch die Sehnsucht nach den gesellschaftlichen Werten, die man in Rumänien dem deutschen Kulturkreis so gerne zuschreibt – Ehrlichkeit, Fleiß, Zivilisiertheit. Ein verzweifelter Versuch also, wenigstens die nächste Generation aus dem rumänischen Chaos zu befreien? Dann allerdings ist „Ethnienbetrug“ der völlig falsche Ansatz!”

Informationsquelle
Die wundersame Vermehrung der deutschen Minderheit – ADZ
Scandalul înscrierilor la Colegiul Goethe, ajuns şi la Consiliul Naţional de Combatere a Discriminării. Cum se dovedeşte etnia unei persoane? – Adevarul

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