Direkt zum Hauptbereich

Ich bin kein Roma!

Offiziell gibt es in Rumänien 535.250 Roma, populär auch Zigeuner (ţiganii) genannt. Aber die Führer der Volksgruppe behaupten, dass die Zahlen wesentlich höher liegen. Für die Differenze sind die "Seiden-Zigeuner" verantwortlich, diejenigen, die die Tatsache, dass sie Roma sind, nicht zugeben. Ein kleines rumänisches Dorf steht stellvertrende für diese Situation: Prislop, im Kreis Hermannstadt / Sibiu, zählt nur 300 Seelen, davon sind 95% Roma, nur 15 Personen sind Rumänen. Aber offiziell haben laut letzter Volkszählung sich die meisten für "Rumänen" erklärt. Die Erklärungen lauteten: "Wir sind keine Roma, nur Seiden-Zigeuner, weil wir die Zigeunersprache nicht sprechen. Wir sind Seiden-Zigeuner, weil wir nur rumänisch sprechen. Deswegen haben wir uns als Rumänen bezeichnet."

Die Roma-Vertreter in Rumänien behaupten, dass ihre Zahlen um das 3 bis 4-fache höher liegen als die offiziellen Zahlen. Damit käme man auf 1,5 bis 2 Millionen Roma in Rumänien. Die Angst, sich als Roma zu bezeichnen, führt dazu, dass europäische Programme zur sozialen Integration der Roma nur unzureichend mit Mitteln ausgestattet werden, weil es offiziell eine erheblich geringere Anzahl an Roma in Rumänien gibt als tatsächlich der Fall ist.

Wie erklären das die Roma-Führer in Rumänien? Florin Cioabă, König der Roma in Rumänien und erster Vizepräsident der Weltorganisation der Roma, erklärt das wie folgt: "Es schmerzt mich, dass viele Menschen nicht zugeben, dass sie Roma sind. Diejenigen, die die ethnische Zugehörigkeit nicht anerkennen, halten sich für etwas besseres und für überlegen. Wenn sie nicht mehr mit dem Zigeunerzelt umherreisen und Häuser gebaut haben, glauben sie, dass sie Seiden-Zigeuner sind, was völlig falsch ist. Wir gehören alle dazu." Cioabă ist der Ansicht, dass andere Gründe dazu geführt haben, dass Roma ihre Zugehörigkeit zur Volksgruppe verleugnet haben.  "Die Alten leiden unter dem Trauma des Holocaust, als sie in die Bug-Region deportiert wurden. Anderen hat man 1995 bis 1996 die Häuser abgebrannnt. Andere wiederum glauben, dass man sie, wenn sie sich als "Nicht-Roma" erklären nicht in einen Topf wirft mit denen, die gegen Gesetze verstossen haben. Das ist eine grosse Dummheit, denn ich glaube, dass man vor so etwas keine Angst haben sollte", gibt Cioabă zu bedenken. Bezüglich der Tatsache, dass viele Roma die Roma-Sprache nicht mehr sprechen, meint Cioabă: "Die meisten Roma wurden vor 500 Jahren versklavt, in diesem Zeitraum haben die Herrscher den Roma verboten in ihrer Muttersprache zu sprechen. Wer erwischt wurde, dem wurde die Zunge abgeschnitten. Nur die traditionell lebenden Roma haben es geschafft, Sprache und Gewohnheiten zu bewahren. Die sesshaft gewordenen Roma haben ihre Sprache verloren, weil sie dazu gezwungen wurden. Das heisst aber nicht, dass sie keine Roma mehr sind". Cioabă ist der Ansicht, dass mindestens 20% der rumänischen Bevölkerung Roma sind. "Wir verstehen es nicht uns zu organisieren und wählen zu gehen. Wir wählen Essen und Getränke. Die Roma sind sich nicht bewusst, was es heisst, einen Repräsentanten in den Kommunen zu haben", erklärt er die politische Misere der Roma.

Der Vertreter der Roma im rumänischen Parlament, Nicolae Păun, ist der Ansicht, dass 25% der Parlamentarier im rumänischen Parlament Roma sind. Viele davon sehen für sich keinen Nutzen, sich als Roma zu erklären. Nach Ansicht von Păun haben die "Roma ein extrem schlechtes Image, mit denen sich die Mehrheit der Mitglieder dieser Ethnie nicht identifizieren wollen. Wer sich dazu bekennt, ist sehr mutig. Ein anderes Motiv ist die turbulente ethnische Vergangenheit dieser Ethnie, die dazu geführt haben, dass viele Roma sich nicht mehr zu ihrer Volksgruppe gehörend erklären.

Der Sprecher der "Zivilen Alllianz" (Alianţa Civice) der Roma in Rumänien, David Mark sieht den Sachverhalt so: "Das Stigma, Rom zu sein, ist das hauptsächliche Motiv, dass sich viele Roma nicht zu ihrer Ethnie bekennen. Nach einigen Umfragen ist es bewiesen, dass Roma, die sich zu ihrer Ethnie bekennen, in der Regel ihren Arbeitsplatz verlieren. Die 50 Jahre Kommunismus mit erzwungener Assimilierung haben zum Verlust der Sprache, der Kultur und der Tradtionen geführt. Die Ziffern der Volkszählung sind auch von den Befragern gesteuert worden, die viele Roma gezwungen haben, dass sie sich nicht als Roma erklären".

Alle Führer der Roma, sowohl die politischen wie auch die von Nichtregierungsorganisationen, drängen ihre Volksangehörigen dazu, bei der nächsten Volkszählungen Farbe zu bekennen.

Siehe auch Blogbeitrag: "Rassistische und diskriminierende Kommentare sind nicht erlaubt und werden gelöscht" und Europas Zigeuner als Sündenböcke

Informationsquellen: Romania Libera, Cum au pierdut ţiganii de mătase banii de integrare und "Antiziganismus", Roma in Rumänien

Beliebte Beiträge

Gibraltar, Ostereier und des britischen Patrioten kriegerischer Abgang aus Europa

Scheinbar hat die britische Regierung bei ihrem nun formell erklärten Abgang aus der EU Gibraltar vergessen, genauso wie sie sich bisher wenig Gedanken um Nordirland und Schottland gemacht hat. Gibraltar, der kleine Felsen in Südspanien, der stolz für die kümmerlichen Reste des britischen Reiches steht. Richard Murphy, anerkannter Finanzfachmann, schreibt auf seinem Blog “Tax Research UK”, was er von dieser seltsamen Kolonie hält:

“Gibralter ist ein Außenposten einer Zeit, die immer noch in Köpfen ähnlich denen von William Hague existiert. Es ist ein Überbleibsel aus der Zeit des Empire und des Kolonialismus, das keinen Platz in einem modernen Europa hat, in welchem das Vereinigte Königreich (UK) offensichtlich nicht Teil sein will. Es wurde geschaffen als Steueroase und ist ein Zentrum für Offshore-Wettbüros. Das Erste ist ein Versuch zur Unterminierung der globalen Wirtschaft und der legitimen Steuereinkommen demokratisch gewählter Regierungen. Das Zweite ist verbunden m…

Eine Autobahn durch die Karpaten, das wünschen sich viele

Rumänien hat eine neue Regierung und wieder einmal verspricht diese der Bevölkerung endlich die seit langem gewünschten Autobahnen zu bauen. Unter anderem steht die Karpatenquerung zwischen Kronstadt / Brasov über Comarnic nach Bukarest an oberster Stelle der Prioritätenliste. Comarnic ist eine Kleinstadt am Südrand der Karpaten, während Kronstadt in Siebenbürgen am nördlichen Karpatenrand liegt.

Wer gerne wissen möchte, wie zur Zeit die Situation auf einer der wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen Siebenbürgen und dem südlichen Rumänien aussieht, dem sei der nachstehende Artikel in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien empfohlen:

Das Programm der Sozialdemokratischen Partei (PSD), die in Allianz mit ALDE die neue Regierung stellt, nachdem sie vom Parlament und Staatspräsident Klaus Johannis eingesetzt wurde, sieht die Gründung eines eigenstaatlichen Fonds für Investitionen und Entwicklung (Fondul Suveran de Investiţii şi Dezvoltare) in Höhe von zehn Milliarden Euro für d…

Brasilianer erfahren, dass ihnen Gammelfleisch serviert wird

Gestern hat die brasilianische Bundespolizei unter dem  Decknamen “Operation schwaches Fleisch” (Operação Carne Fraca) eine Razzia in mehreren Bundesstaaten gestartet. Ziele waren die Fleischfabriken von JBS (Friboi), BRF (Sadia/Perdigão) und Seara. JBS gehört zu den weltweit größten Lebensmittelkonzernen, BRF wird zu den 50 wertvollsten Unternehmen Brasiliens gezählt und Seara war einer der offiziellen Sponsoren der Fußball-WM 2014.

Nach Mitteilung der Bundespolizei haben lokale Aufsichtsbehörden des Ministeriums für Fischerei und Landwirtschaft die Unternehmen bevorteilt zu Lasten des öffentlichen Interesses. Die beschuldigten Beamten und Politiker hätten ihre Ämter genutzt, um gegen Bestechung falsch deklarierte Lebensmittel mittels der Herausgabe von Unbedenklichkeitszertifikaten zu ermöglichen, ohne dass die Qualität der Produkte tatsächlich überprüft wurde. Mit diesen gefälschten Zertifikaten verkauften laut Bundespolizei die genannten Unternehmen Fleisch, dessen G…

Rumänien und die Europäische Union

Rumänien ist jetzt seit 10 Jahren Mitglied der Europäischen Union. Der Journalist und Politikwissenschaftler Cristian Preda hat auf der Webseite der Zeitung "Adevarul" unter dem Titel "Rumänien in der EU: Ein Jahrzehnt, drei Herausforderungen" eine Zusammenfassung des bisher Erreichten geschrieben, die ich anliegend in Auszügen wiedergebe:

Wir sind jetzt schon 10 Jahre in der Europäischen Union. Die wirtschaftliche Bilanz ist positiv: Das Bruttosozialprodukt hat sich verdoppelt, der Durchschnittslohn ist um 66% gestiegen, wir haben etwa 25 Milliarden Euro an Hilfen erhalten. Politisch stehen wir nicht so gut da. 

Ich gehe hier auf 3 Punkte ein.

Der erste Punkt ist der "Mechanismus der  Zusammenarbeit und Verifizierung" (MCV). Er wurde als Kompromiss eingerichtet, damit wir am 1. Januar 2007 der EU beitreten konnten. Bei diesem Mechanismus MCV ging es um das Funktionieren der Justiz. Im Lauf der 10 Jahre haben nur wenige geglaubt, dass die Reform dieses Bere…

Kälte und Angst lassen Frankreich zittern

Derzeit herrschen grausame Minus-Temperaturen in Frankreich, die Bevölkerung dreht die beliebten elektrischen Heizungen auf Hochtouren und verursacht damit auch noch die Angst, dass plötzlich das ganze Stromnetz kollabieren könnte. Diese Woche wird das Thermometer in Frankreich nicht über 0 Grad klettern. Das für die Stromnetze verantwortliche Unternehmen RTE gibt bekannt, dass man sich einem historischen Höchststand beim Elektrizitätsverbrauch nähere. Und das zu einer Zeit, in der 5 Atomkraftwerke wegen Sicherheitsmängel abgeschaltet sind. RTE bezeichnet die Situation als fragil, rechnet aber nicht mit Zusammenbrüchen im Stromnetz. Man werde Strom aus den Nachbarländern importieren, vorsorglich die Versorgung von 21 Industrieanlagen mit extrem hohen Stromverbrauch abschalten und die Spannung im Netz verringern.

Ein wichtiger Grund für den Notstand sind die vielen stromfressenden Elektroheizungen in Frankreich. In den glorreichen Zeiten der Atomenergie, in denen man in…

Rumäniens erfinderische Polit-Gauner

Rumäniens sozialdemokratische Partei (PSD), Wahlsiegerin bei den letzten Wahlen, testet einen neuen Holzweg. Da einige ihre Mitglieder keine saubere Westen haben und in Korruptionsverfahren stecken oder schon verurteilt sind, haben sie darüber nachgedacht wie man den lästigen Korruptionsparagraphen im Strafgesetzbuch die Schärfe nehmen könnte. Der neue Ministerpräsident hat deshalb in einer Notverordnung (!) festgelegt, dass eine Bestechung bis zur Höhe von 45.000 Euro nur noch als Ordnungswidrigkeit behandelt werden soll. Die Notverordnung muss noch im Gesetzblatt veröffentlicht werden.

Das war vielen Rumänen nun doch ein Stück zu dick. Die Straßenproteste, an denen sich Staatspräsident Johannis beteiligte, nehmen zu und es zeichnet sich ab, dass die Notverordnung nicht so einfach durchkommen wird. Inzwischen hat auch die EU aufgemerkt, denn Rumänien steht immer noch in einem Monitoring-Verfahren bezüglich des Kampfes gegen die Korruption. Die Demonstranten haben also …