Sonntag, 15. November 2009

Liberté, Egalité, Fraternité: Franzosen suchen ihre Identität

Frankreich steht zur Zeit im Banne der eigenen Identitätsfindung. Angestossen vom Minister Eric Besson werden auf der Internet-Seite "Grande débat sur l'identité nationale (Grosse Debatte über die nationale Identität)" die Aussagen der Franzosen zu diesem Thema notiert.

Eric Besson, der Minister für Einwanderung, Integration, der nationalen Identität und solidarischen Entwicklung in der französischen Regierung, hat die Diskussion wohl angestossen, damit er endlich weiss, für was er eigentlich zuständig ist. Ziel der Debatte, schreibt er, ist, die Diskussion über die nationale Identität anzustossen und zu konkreten Vorschlägen zu kommen, die es erlauben den nationalen Zusammenhalt zu stärken und wieder zum Stolz zu stehen, Franzose zu sein.

Viele Stellungnahmen sind auf der Webseite bereits verzeichnet. Für Alain Bentolila, ein Linguistik-Professor ist es wichtig, wachsam gegenüber der perversen Benutzung der Sprache zu sein und bereit zu sein, seine eigenen Reden und Texte frei zu äussern. Dies mache die nationale Identität aus, das was aus den Franzosen eine laizistische und bürgerliche Republik mache. Hervé Morin, Verteidigungsminister, meint: "Die Debatte ist interessant, aber sie muss dynamisch geführt werden, damit es keine nostalgische Debatte wird oder ihr der Geruch des Vergangenen anhängt".

Im Grossen und Ganzen geht es bei der Diskussion um die Frage der Integration der eingewanderten Franzosen. Und viele Antworten zielen darauf ab, dass der Alt-Franzose durch die Einwanderer seine Identität in Gefahr sieht. Das bisherige Bild, das die Franzosen von sich haben, ist in den letzten Jahren sehr ins Wanken geraten. Der Schriftsteller Fawzia Zouari weist auf den wunden Punkt hin, wenn er bemerkt: "Die französische Identität, die ich meinen Sohn lehren werde, ist eine Identität, die an der Zukunft der Menschheit teilnimmt. Keine exklusive Identität, aber eine inklusive. Frankreich ist ein Land, das du in deinem Herzen tragen musst, ein Land dessen Interessen du verteidigen musst. Und es ist dabei egal, ob du eine Schirmmütze trägst oder eine Baskenmütze, den Davidstern oder das Zeichen der Fatima".

Die französischen Linken haben mehr Probleme mit dem Begriff der nationalen Identität: Claude Bartolone, ehemaliger Minister der sozialistischen Partei ist überzeugt: "Die nationale Identität und der Stolz, Franzose zu sein, sind nur Schlagwörter. Ich spreche lieber von der republikanischen Bürgerschaft. Sie basiert auf 2 Säulen: Der Republik, die dir alle Chancen gibt, dich zu entwickeln und die Laizität, die jedem Bürger erlaubt ohne Rücksicht auf religiöse Bedenken, ein Bürger der Republik zu sein."

Vermutlich wird sich die von oben verordnete Diskussion im Kreise drehen. Pap Ndiaye, Geschichtswissenschaftler bringt es auf den Punkt: "Es gibt so viele Möglichkeiten, Franzose zu sein, dass es traurig ist, dass die Regierung uns diktiert, was ein Franzose ist. Der Autoritarismus, der sich hinter dieser Debatte versteckt, enttäuscht mich".