Dienstag, 18. September 2012

Demoralisierte Spanier misstrauen jedem und allem

Spanien um Jahrhundertwende: Ein Ministerpräsident, der Arm in Arm mit Bush Jr. und Tony Blair den Irak-Krieg anzettelte. Das Trio von den Azoren. José Maria Aznar hieß damals der Ministerpräsident, der meinte Spanien sei damit wieder endgültig in den Kreis der Großmächte zurückgekehrt. Damit war der Niedergang der einstigen Weltmacht nach seiner Meinung wieder hergestellt, denn seit dem verlorenen Krieg gegen die USA 1898 um Kuba ging es sowohl mit der Macht wie auch der Moral der Spanier bergab.

Der Schriftsteller Juan Goytisolo beschreibt die Gefühle der Aznarschen Epoche: “Vor mehr als einem Jahrzehnt bewunderte die ganze Welt das sogenannte “spanische Wunder”. Unser Ministerpräsident, der Held der Rückeroberung des Petersilien-Inselchens und Mitglied des berühmten Trios von den Azoren, das den noblen und ertragreichen (die Zahlen sprechen!) Kreuzzug zur Befreiung des Irak und Neutralisierung von dessen tödlicher Waffen begann, versicherte wem immer, der es hören wollte, dass Spanien sich von der dunklen Abhängigkeit von Frankreich befreit habe und die verlorene Größe aus der Epoche von Karl V. zurück gewonnen habe. Die Tatsachen, oder besser gesagt die Informationen über die Tatsachen schienen ihnen recht zu geben. Spanien stand an 8. Stelle der Weltwirtschaft und die Märkte bewunderten unseren scheinbar unaufhaltsamen Wachstum und die Marke Spanien setzte sich damals noch aus einem Land zusammen, das entschlossen auf dem richtigen Weg zu Fortschritt und Prosperität war und nicht wie heute nur aus Nadal, Real und Barça besteht. Es war die Zeit der Ziegel-Industrie und des leichten Kredites, der glücklichen Ankunft des Euro, der ruhmreichen Steigerung von einem demokratischen Übergang, der als Modell “urbi et orbi” diente, von Projekten und Prestigebauten und vom Geld, das aus der Tür hinausgeschmissen wurde.” Und weiter: “Die Situation eines reichen Landes, aber armen Volkes ist eine Konstante unserer Geschichte. In der kaiserlichen Epoche, die von José María Aznar heraufbeschworen wurde, gab es das Gold Südamerikas. Offensichtlich ging das Geld, das nicht in Paläste und Kirchen und Luxus investiert wurde, direkt an die Bankiers in Genua und Amsterdam. Im Gegensatz zum protestantischen Pragmatismus steckte der spanische Katholizismus maßlos sein Geld in Landgüter und Immobilien und verweigerte sich aus Adelsdünkel dem Handel und der Herstellung von wertvollen Gütern.”

Goytisolo berichtet, dass bereits 2004 als die Sozialisten um Zapatero die Wahlen gewannen, der zukünftige Industrieminister dieser Regierung vor den Wahlen in einem Interview erklärte: “Es wäre gar nicht so schlecht, wenn wir die Wahlen verlieren würden, denn das was auf Spanien zukommt wird ganz dick… Es gibt eine Immobilienblase und es ist nicht zu vermeiden, dass sie platzen wird. Wenn das passiert, wird alles mitgerissen, eingeschlossen die Banken.” Die Regierung Zapatero war über das kommende Unheil schon im Bilde und traute sich trotzdem nicht das Steuer herumzureißen.

Zu Beginn der großen Krise hofften viele Spanier noch mit der Wahl einer neuen Regierung werde sich alles ändern. Diejenigen, denen sie mit großer Mehrheit ihr Vertrauen schenkten, der Partido Popular (PP) um Mariano Rajoy, beteten in der Opposition große Versprechungen herunter und torpedierte alle Versuche der sozialistischen Regierung, bereits zu einem früheren Zeitpunkt einen verstärkten Sparkurs durchzusetzen. Mit der PP an der Macht mussten die Spanier und Spanierinnen erleben wie die Krise sich stetig verschärfte und die Regierung ein Versprechen nach dem anderen brach. Die Bürger haben von ihren Politikern jetzt genug und damit auch von den traditionellen Parteien, die sie vertreten. Die sozialen Netzwerke sind voll mit Nachrichten über die Privilegien der Politiker und dem Zorn und den Frust über ihre Parteien. Der Boden für populistische Rattenfänger wäre damit geebnet. Dazu noch einmal Goytisolo: “Der allgemeine Widerwille gegen die politische Klasse und die staatlichen Institutionen, einschließlich der Justiz zeigt eine perplexe Bürgerschaft, die überwältigt von der Größe der Probleme, mit denen sie es zu tun hat, nicht unterscheidet zwischen den politischen Parteien, die den Ruin verursacht haben und die ihn versuchen zu vertuschen, sondern sich aus Mangel an Möglichkeiten ihren Zorn herauszuschreien, sich in eine fatalistische Resignation flüchtet.”

Hinzu kommen die Fliehkräfte in den spanischen autonomen Regionen. In Katalonien demonstrierten vor kurzem hunderttausende von Menschen für die Unabhängigkeit. Der König mahnt in einer Botschaft zur “Einheit” angesichts der Krise und benutzt diese gleich, um den Unabhängigkeitsbewegungen eins auszuwischen, indem er ihre Vorstellungen zu Chimären erklärt. Das Staatsoberhaupt hat in letzter Zeit viel Prestige, nicht zuletzt infolge seines Jagdausflugs nach Botswana während der Krise, verloren. Politiker werfen ihm vor, mit dieser Botschaft seine Neutralität verletzt zu haben. Die Madrider Regierung versucht in letzter Zeit wieder unter dem Titel “Strukturreformen” verstärkt an einer zentralistischen Ausrichtung des spanischen Staates zu arbeiten. Das ist bei den sogenannten historischen Autonomien Galizien, Baskenland, Katalonien nicht unerkannt geblieben. Dem König liegt natürlich die nationale Einheit besonders am Herzen, weil sonst auch seine Monarchie im Gefolge der Auflösung des spanischen Staates verschwinden könnte.

Quo vadis, España?

Informationsquelle
Hemos vivido un sueño – El Pais
La desmoralización de España – El Pais