Direkt zum Hauptbereich

Demoralisierte Spanier misstrauen jedem und allem

Spanien um Jahrhundertwende: Ein Ministerpräsident, der Arm in Arm mit Bush Jr. und Tony Blair den Irak-Krieg anzettelte. Das Trio von den Azoren. José Maria Aznar hieß damals der Ministerpräsident, der meinte Spanien sei damit wieder endgültig in den Kreis der Großmächte zurückgekehrt. Damit war der Niedergang der einstigen Weltmacht nach seiner Meinung wieder hergestellt, denn seit dem verlorenen Krieg gegen die USA 1898 um Kuba ging es sowohl mit der Macht wie auch der Moral der Spanier bergab.

Der Schriftsteller Juan Goytisolo beschreibt die Gefühle der Aznarschen Epoche: “Vor mehr als einem Jahrzehnt bewunderte die ganze Welt das sogenannte “spanische Wunder”. Unser Ministerpräsident, der Held der Rückeroberung des Petersilien-Inselchens und Mitglied des berühmten Trios von den Azoren, das den noblen und ertragreichen (die Zahlen sprechen!) Kreuzzug zur Befreiung des Irak und Neutralisierung von dessen tödlicher Waffen begann, versicherte wem immer, der es hören wollte, dass Spanien sich von der dunklen Abhängigkeit von Frankreich befreit habe und die verlorene Größe aus der Epoche von Karl V. zurück gewonnen habe. Die Tatsachen, oder besser gesagt die Informationen über die Tatsachen schienen ihnen recht zu geben. Spanien stand an 8. Stelle der Weltwirtschaft und die Märkte bewunderten unseren scheinbar unaufhaltsamen Wachstum und die Marke Spanien setzte sich damals noch aus einem Land zusammen, das entschlossen auf dem richtigen Weg zu Fortschritt und Prosperität war und nicht wie heute nur aus Nadal, Real und Barça besteht. Es war die Zeit der Ziegel-Industrie und des leichten Kredites, der glücklichen Ankunft des Euro, der ruhmreichen Steigerung von einem demokratischen Übergang, der als Modell “urbi et orbi” diente, von Projekten und Prestigebauten und vom Geld, das aus der Tür hinausgeschmissen wurde.” Und weiter: “Die Situation eines reichen Landes, aber armen Volkes ist eine Konstante unserer Geschichte. In der kaiserlichen Epoche, die von José María Aznar heraufbeschworen wurde, gab es das Gold Südamerikas. Offensichtlich ging das Geld, das nicht in Paläste und Kirchen und Luxus investiert wurde, direkt an die Bankiers in Genua und Amsterdam. Im Gegensatz zum protestantischen Pragmatismus steckte der spanische Katholizismus maßlos sein Geld in Landgüter und Immobilien und verweigerte sich aus Adelsdünkel dem Handel und der Herstellung von wertvollen Gütern.”

Goytisolo berichtet, dass bereits 2004 als die Sozialisten um Zapatero die Wahlen gewannen, der zukünftige Industrieminister dieser Regierung vor den Wahlen in einem Interview erklärte: “Es wäre gar nicht so schlecht, wenn wir die Wahlen verlieren würden, denn das was auf Spanien zukommt wird ganz dick… Es gibt eine Immobilienblase und es ist nicht zu vermeiden, dass sie platzen wird. Wenn das passiert, wird alles mitgerissen, eingeschlossen die Banken.” Die Regierung Zapatero war über das kommende Unheil schon im Bilde und traute sich trotzdem nicht das Steuer herumzureißen.

Zu Beginn der großen Krise hofften viele Spanier noch mit der Wahl einer neuen Regierung werde sich alles ändern. Diejenigen, denen sie mit großer Mehrheit ihr Vertrauen schenkten, der Partido Popular (PP) um Mariano Rajoy, beteten in der Opposition große Versprechungen herunter und torpedierte alle Versuche der sozialistischen Regierung, bereits zu einem früheren Zeitpunkt einen verstärkten Sparkurs durchzusetzen. Mit der PP an der Macht mussten die Spanier und Spanierinnen erleben wie die Krise sich stetig verschärfte und die Regierung ein Versprechen nach dem anderen brach. Die Bürger haben von ihren Politikern jetzt genug und damit auch von den traditionellen Parteien, die sie vertreten. Die sozialen Netzwerke sind voll mit Nachrichten über die Privilegien der Politiker und dem Zorn und den Frust über ihre Parteien. Der Boden für populistische Rattenfänger wäre damit geebnet. Dazu noch einmal Goytisolo: “Der allgemeine Widerwille gegen die politische Klasse und die staatlichen Institutionen, einschließlich der Justiz zeigt eine perplexe Bürgerschaft, die überwältigt von der Größe der Probleme, mit denen sie es zu tun hat, nicht unterscheidet zwischen den politischen Parteien, die den Ruin verursacht haben und die ihn versuchen zu vertuschen, sondern sich aus Mangel an Möglichkeiten ihren Zorn herauszuschreien, sich in eine fatalistische Resignation flüchtet.”

Hinzu kommen die Fliehkräfte in den spanischen autonomen Regionen. In Katalonien demonstrierten vor kurzem hunderttausende von Menschen für die Unabhängigkeit. Der König mahnt in einer Botschaft zur “Einheit” angesichts der Krise und benutzt diese gleich, um den Unabhängigkeitsbewegungen eins auszuwischen, indem er ihre Vorstellungen zu Chimären erklärt. Das Staatsoberhaupt hat in letzter Zeit viel Prestige, nicht zuletzt infolge seines Jagdausflugs nach Botswana während der Krise, verloren. Politiker werfen ihm vor, mit dieser Botschaft seine Neutralität verletzt zu haben. Die Madrider Regierung versucht in letzter Zeit wieder unter dem Titel “Strukturreformen” verstärkt an einer zentralistischen Ausrichtung des spanischen Staates zu arbeiten. Das ist bei den sogenannten historischen Autonomien Galizien, Baskenland, Katalonien nicht unerkannt geblieben. Dem König liegt natürlich die nationale Einheit besonders am Herzen, weil sonst auch seine Monarchie im Gefolge der Auflösung des spanischen Staates verschwinden könnte.

Quo vadis, España?

Informationsquelle
Hemos vivido un sueño – El Pais
La desmoralización de España – El Pais

Beliebte Beiträge

7 Gründe warum man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte

Journalistin Laura Stefanut von der Webseite “Romania Curata” hat 7 Gründe dafür gefunden, dass man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte. Sie spricht zwar von Einwanderern, aber tatsächlich geht es um Flüchtlinge. Die Situation sieht für diese so aus:

Rumänien ist ein Land, aus dem Millionen Auswanderer nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind. Es ist aber kein Land, in das man auswandert. Gegenwärtig gibt es etwa 60.000 Einwanderer von außerhalb der EU im Land. Forscher der Sozialwissenschaften warnen, dass Rumänien auf eine schnelle demographischen Überalterung zusteuert, das viele Vorteile aus der Integration von Einwanderern ziehen könnte. Aber trotz aller Warnungen und Forschungen hat der Staat wenig sinnvolles in diese Richtung getan. Vor kurzem gab es Nachrichten über 2 Flüchtlinge, die aus Versehen in Rumänien gelandet waren und anfingen zu weinen als sie merkten, wo sie waren. Leider, das bestätigen die Forschungen, ist Rumänien kein gutes Z…

In Treue fest zum Atom

Der spanische Industrieminister macht es sich leicht. Ein paar Tage vor dem Unglück von Fukushima erklärte er: "Sich vor der Nuklearenergie fürchten ist wie vor der Sonnenfinsternis Angst haben".

María Teresa Domínguez, Sprecherin der Forums der spanischen Atomernergie erzählt 2009 in einem Interview: "Spanien hat 8 Atomkraftwerke, die auf höchstem Weltniveau bezüglich Verfügbarkeit und Betriebsbedingungen operieren." Keine Rede davon, dass die AKW Vandellos und Ascó schon Störfälle auf höchstem Niveau hatten. Frau Domínguez bedauert, dass die Nuklearenergie nur zu 8% zur Energieversorgung Spaniens beiträgt. Deshalb will sie daraufhin arbeiten, dass der spanische Strommix für die Zukunft einen Anteil von 30% an der Landesversorgung bekommt. Keine Angst wegen den Risiken? "Nein, die Risiken sind kontrollierbar. Ich sage das, weil ich Technikerin bin und auf dem Gebiet der Sicherheit der Atomkraftwerke arbeite. Aber das sage nicht nur ich, sondern das ist auch …

Die Betontürme von Barcelona: Auch Betonschrott macht anhänglich

Wer von den höheren Positionen der Collserola auf Barcelona hinunterblickt, dessen Blick bleibt bald an 3 Türmen im Nordosten von Barcelona hängen. Diese drei Türme, die an der Mündung des Flusses Besós ins Meer liegen, gehörten zu einem konventionellen thermischen Kraftwerk, das in den 70er Jahren gebaut worden war. Seit 2011 ist dieses Kraftwerk stillgelegt. Es hatte zuvor kräftig zur Luftverschmutzung in Barcelona beigetragen. Es liegt nicht auf der Gemarkung der Stadt Barcelona, sondern der Vorortgemeinde Sant Adrià.

Drei Türme aus Beton dienten als Kamine über die die Abgase des Kraftwerks abgeleitet wurden. Beim Bau waren sie 90m hoch über den bereits 90m hohen Hochöfen gebaut worden, Es stellte sich heraus, dass in dieser Höhe die Abgase das Stadtklima beeinträchtigten und so wurden sie bis auf 200m erhöht. Sie übertrafen damit die Türme der Kathedrale Sagrada Familia, das Wahrzeichen von Barcelona. Man könnte sich vorstellen, dass ein solches hässliches Bauwerk als Verschande…

Rumänische Ex-Ministerin Udrea fleht um Asyl in Costa Rica

Elena Udrea, Ex-Ministerin unter dem ehemaligen Staatspräsidenten Basescu, wurde 2017 wegen Bestechung zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie gingen gegen dieses Urteil in Berufung, vor kurzem bestätigte aber das Berufungsgericht die Haftstrafe. Im Februar 2018 setzte sich Udrea in weiser Voraussicht nach Costa Rica ab. Die rumänische Polizei will sie jetzt mit einem europäischen Haftbefehl suchen und verhaften lassen.

Die costaricanischen Behörden haben bestätigt, dass Udrea im Februar einen Antrag auf Anerkennung als Flüchtling gestellt hat. Nach bisherigem Sachstand ist das Anerkennungsverfahren in Costa Rica immer noch anhängig. Costa Rica und Madagaskar sind die Sehnsuchtsorte rumänischer Flüchtlinge dieser Kategorie, denn mit diesen Ländern hat Rumänien kein Auslieferungsabkommen. Nach Madagaskar hat sich der ehemalige Oberbürgermeister von Konstanza geflüchtet.

Für viele Rumänen sieht das nach einem Luxusurlaub in exotischen Ländern aus. Udrea lamentiert allerdings …

Warum US-Amerikaner nur auf dem Papier reich sind

Blogger Umair Haque beschreibt in einem eindringlichen Blogbeitrag aus den USA die Einkommenssituation durchschnittlicher Amerikaner. Er geht davon aus, dass laut Statistik der durchschnittliche Amerikaner keine 500 US$ in einem Notfall zusammenkratzen kann. Ein Drittel der Amerikaner kann sich keine Lebensmittel, Unterkunft und Gesundheitversorgung leisten. Das jährliche mediane Einkommen in den USA beträgt 60.000 US$, davon muss in der Regel allein für die Gesundheitsversorgung durchschnittlich 28.000 US$ ausgegeben werden.
Davon ausgehend geht Umair Haque davon aus, dass die USA das erste "reiche und  trotzdem arme" Land ist. Er erläutert diese Folgerung so:
Ich meine nicht die absolute Armut. Die Amerikaner leben nicht von ein paar Dollar am Tag  im Vergleich zu Menschen zum Beispiel in Somalia oder Bangladesh. Das mediane Einkommen der Amerikaner ist immer noch das eines reichen Landes, ungefähr 50.000 US$, je nachdem wie man es berechnet. Ich meine auch nicht die relativ…

Frankreich ekelt sich vor seinen Schlachthöfen und empört sich über Tierquälerei

Massentierhaltung in Frankreich: 83% der Hühner werden in geschlossenen Ställen aufgezogen, 68% der Hennen und 99% der Kaninchen werden in Käfigen gehalten. 95% der Schweine fristen ihr kurzes Leben in geschlossenen Ställen auf Gitterrosten. Die Tiere werden nur als Handelsware gesehen, man verstümmelt sie (Kastration ohne Betäubung, Abschneiden der Schwänze oder der Schnäbel). Ihre Sterblichkeitsrate ist sehr groß, zum Beispiel sterben 20% der Schweine vor ihrer Schlachtung.

Industrielle Massentierhaltung wie in Deutschland auch. Das Tier wird nicht als Lebewesen gesehen, sondern nur als Handelsprodukt. Während in Deutschland die Konsumenten seit einiger Zeit ins Grübeln geraten sind und sich eine Bewegung gegen Massentierhaltung gebildet hat, hat man in Frankreich, das wir als Schlemmerland kennen, bisher beide Augen zugedrückt beziehungsweise die Verbraucher wollten nicht so genau wissen wie das Fleisch auf ihrem Teller gelandet ist. Zwar hat sich seit einiger Zeit ein…