Direkt zum Hauptbereich

Die Brexit-Anhänger kennen weder die Geschichte noch ahnen sie die Zukunft

In Großbritannien gewinnt die Diskussion über das Referendum zum Austritt aus der Europäischen Union (EU) immer mehr an Fahrt. Vermutet wird, dass die Regierung das Referendum noch in diesem Jahr abhalten wird. Befürworter und Gegner des BREXIT formieren sich. Die Argumente gehen hin und her und der Ausgang steht auf des Messers Schneide. Die Umfragen zeigen mal ein Ergebnis dafür und mal dagegen. Es wird auf jeden Fall eng. Inzwischen hat Premierminister Cameron einen Ministern sogar freigestellt, ob sie für oder gegen einen Brexit kämpfen werden.

Auf jeden Fall ist der BREXIT nach einer sehr kurzsichtige Lösung aus. Er beinhaltet erhebliche Risiken für die EU, aber auch für das Vereinigte Königreich selbst. In diesem Zusammenhang ist es gut, einen Fachmann zu Wort kommen zu lassen. Harold James ist Professor für Geschichte an der Universität Princeton und am europäischen Universitätsinstitut in Florenz. Er hat ein paar interessante Gedanken zur Problematik gemacht, die ich hier gekürzt wiedergebe:

Die Stärkung des Anti-EU-Lagers ist sehr gefährlich, nicht nur für die EU. Wenn die britischen Wähler darin übereinstimmen, dass die EU-Strukturen so fehlerhaft sind, dass sie nicht mehr deren Teil sein wollen, dann schwächen sie damit ihre eigene Union, die sich Vereinigtes Königreich nennt und die auch eine Fiskalunion beinhaltet, allerdings eine sehr problematische.

In der Tat ist das Vereinigte Königreich weit davon entfernt als gutes Beispiel für einen Nationen-Staat, den viele Europhoben als die wünschenswerte Form einer politischen Organisation halten, zu gelten. Es ähnelt eher dem Zustand einer “zusammengesetzten Monarchie”, die nach dem Historiker John Elliott die vorherrschende Regierungsform im 16. Jahrhundert war, als unterschiedliche Einheiten wie Aragon und Kastilien so zusammen gehalten wurden.

2014 hat die Schottische Nationalpartei (SNP) fast die Volksabstimmung über die Unabhängigkeit gewonnen. Brexit könnte dieses Verlangen noch mehr stärken und vielleicht ähnliche Wünsche in Wales und Nordirland wecken. Sogar in Nordengland werden viele Wähler von Schottlands Politik mit dem Schwerpunkt auf soziale Wohlfahrt angezogen. Diese räumlichen Trennungen stimmen nicht mit den traditionellen Grenzen überein. Die Trennung liegt zwischen der glitzernden Supermetropole London und dem Rest des Lands. Da immer mehr Einwanderer in das Vereinigte Königreich kommen, wird dieser Graben immer offensichtlicher. Da wo eine globale Stadt offen zur Welt sein muss – und dazu Fachleute, Touristen, Dienstleister und vielleicht auch ohne Absicht Kriminelle und sogar Terroristen anzieht – da würde der Rest des Landes es vorziehen sich einzuigeln. Was die Briten miteinander teilen ist im Moment eine steigender Desillusionierung über das, was die EU wirtschaftlich und anderweitig zu bieten hat. Aber das führt noch lange nicht zu einer eigenen gemeinsamen Identität. Wie die EU leidet das Vereinigte Königreich selbst an Mangel einer verbindenden Identität oder Geschichte. Alles, was als britisch beschrieben wird, gehört zu England und nicht zu diesem zusammengesetzten Gebilde.

So nennt sich die Staatskirche "Kirche von England". Sie wurde vor 500 Jahren gegründet, weil König Heinrich VIII entschieden hatte, dass der katholische Papst sich nicht in seine Heiratsangelegenheiten einzumischen habe. Eine Institution namens “English Heritage” kümmert sich um die Vergangenheit, von den prähistorischen Monumenten von Stonehenge bis zu alten Landhäusern, die so gerne bei Kostümdramen gezeigt werden. Das Geld wird von der Bank von England kontrolliert, Schottland und Nordirland dürfen zwar eigene Banknoten drucken, die aber oft in englischen Geschäften nicht akzeptiert werden.

Als Heinrich VIII sein Statut gegen den Widerstand Roms mit seiner Erklärung “dieses Königreich von England ist ein Reich” – die erste klare Behauptung der Idee einer nationalen Souveränität – durchsetzte, folgte eine brutale Kampagne zur Auslöschung der alten Religion. Aber die Bemühung eine neue, zusammengesetzte Identität zu schaffen, gelang eindeutig nicht. Dieses lässt das Vereinigte Königreich verwundbar für einen Zusammenbruch sein, eine Gefahr, die vermutlich durch den Brexit noch beschleunigt werden wird.
 
Die schottische Regierung hat in einem Memorandum zum Referendum über die Unabhängigkeit folgendes im Bezug auf die EU festgehalten:
 
“Wir glauben, dass Schottland einen aktiven Part in der EU übernehmen wird, die uns einen ungehinderten Zugang zu einem Markt von 500 Millionen Menschen garantieren. Schottland’s Mitgliedschaft in der EU wird ein Schlüsselelement in den internationalen und auswärtigen Beziehungen und der Sicherheitspolitik eines unabhängigen Schottlands sein. Am wichtigsten ist, dass die Unabhängigkeit einen “Platz am Haupttisch” geben würde, statt, dass es sich auf das Vereinigte Königreich verlassen muss bei Themen wie z.B. die Fischereirechte.”
 
Die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgean warnte im vergangenen Herbst, dass eine neue Abstimmung über die Unabhängigkeit unausweichlich sein werde, wenn sich das Vereinigte Königreich entscheiden würde, die EU zu verlassen.

Siehe auch
EVEL statt klare Verhältnisse oder englischer Murcks gegenüber Schottland 

 
Informationsquelle
Can The UK Survive Brexit?
Scottish Independence

Beliebte Beiträge

7 Gründe warum man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte

Journalistin Laura Stefanut von der Webseite “Romania Curata” hat 7 Gründe dafür gefunden, dass man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte. Sie spricht zwar von Einwanderern, aber tatsächlich geht es um Flüchtlinge. Die Situation sieht für diese so aus:

Rumänien ist ein Land, aus dem Millionen Auswanderer nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind. Es ist aber kein Land, in das man auswandert. Gegenwärtig gibt es etwa 60.000 Einwanderer von außerhalb der EU im Land. Forscher der Sozialwissenschaften warnen, dass Rumänien auf eine schnelle demographischen Überalterung zusteuert, das viele Vorteile aus der Integration von Einwanderern ziehen könnte. Aber trotz aller Warnungen und Forschungen hat der Staat wenig sinnvolles in diese Richtung getan. Vor kurzem gab es Nachrichten über 2 Flüchtlinge, die aus Versehen in Rumänien gelandet waren und anfingen zu weinen als sie merkten, wo sie waren. Leider, das bestätigen die Forschungen, ist Rumänien kein gutes Z…

In Treue fest zum Atom

Der spanische Industrieminister macht es sich leicht. Ein paar Tage vor dem Unglück von Fukushima erklärte er: "Sich vor der Nuklearenergie fürchten ist wie vor der Sonnenfinsternis Angst haben".

María Teresa Domínguez, Sprecherin der Forums der spanischen Atomernergie erzählt 2009 in einem Interview: "Spanien hat 8 Atomkraftwerke, die auf höchstem Weltniveau bezüglich Verfügbarkeit und Betriebsbedingungen operieren." Keine Rede davon, dass die AKW Vandellos und Ascó schon Störfälle auf höchstem Niveau hatten. Frau Domínguez bedauert, dass die Nuklearenergie nur zu 8% zur Energieversorgung Spaniens beiträgt. Deshalb will sie daraufhin arbeiten, dass der spanische Strommix für die Zukunft einen Anteil von 30% an der Landesversorgung bekommt. Keine Angst wegen den Risiken? "Nein, die Risiken sind kontrollierbar. Ich sage das, weil ich Technikerin bin und auf dem Gebiet der Sicherheit der Atomkraftwerke arbeite. Aber das sage nicht nur ich, sondern das ist auch …

Die Betontürme von Barcelona: Auch Betonschrott macht anhänglich

Wer von den höheren Positionen der Collserola auf Barcelona hinunterblickt, dessen Blick bleibt bald an 3 Türmen im Nordosten von Barcelona hängen. Diese drei Türme, die an der Mündung des Flusses Besós ins Meer liegen, gehörten zu einem konventionellen thermischen Kraftwerk, das in den 70er Jahren gebaut worden war. Seit 2011 ist dieses Kraftwerk stillgelegt. Es hatte zuvor kräftig zur Luftverschmutzung in Barcelona beigetragen. Es liegt nicht auf der Gemarkung der Stadt Barcelona, sondern der Vorortgemeinde Sant Adrià.

Drei Türme aus Beton dienten als Kamine über die die Abgase des Kraftwerks abgeleitet wurden. Beim Bau waren sie 90m hoch über den bereits 90m hohen Hochöfen gebaut worden, Es stellte sich heraus, dass in dieser Höhe die Abgase das Stadtklima beeinträchtigten und so wurden sie bis auf 200m erhöht. Sie übertrafen damit die Türme der Kathedrale Sagrada Familia, das Wahrzeichen von Barcelona. Man könnte sich vorstellen, dass ein solches hässliches Bauwerk als Verschande…

Frankreich erfindet den Zahnarzt–Aldi

Die Großzügigkeit der französischen Krankenkassen bei Erstattung von Zahnarztkosten hält sich in Grenzen. In der Regel können Versicherte mit etwa 70% erstatteter Kosten rechnen, d.h. 30% muss selbst getragen werden. Die Zahnärzte sind jedoch oft mit den Tarif-Honoraren nicht zufrieden. Sie verlangen Aufschläge, die ebenfalls an den Versicherten hängen bleiben. Gerade dieser Aufschlag scheint in letzter Zeit bei den Zahnärzten in Frankreich sehr beliebt geworden zu sein. In einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit steigt und auch viele Franzosen mit dem wirtschaftlichen Überleben kämpfen, verursacht der Gang zum Zahnarzt wegen Zahnschmerzen den Betroffenen zusätzlich noch Bauchschmerzen wegen der finanziellen Belastung.

Frankreich hat zwar den Lebensmittel-Discounter nicht erfunden, darin sind die Deutschen wohl Weltmeister, aber in anderen Bereichen haben die Franzosen durchaus den Ehrgeiz zur durchgreifenden Rationalisierung, um die Preise zu senken. Besonders offensichtlich ist das…

Frankreich ekelt sich vor seinen Schlachthöfen und empört sich über Tierquälerei

Massentierhaltung in Frankreich: 83% der Hühner werden in geschlossenen Ställen aufgezogen, 68% der Hennen und 99% der Kaninchen werden in Käfigen gehalten. 95% der Schweine fristen ihr kurzes Leben in geschlossenen Ställen auf Gitterrosten. Die Tiere werden nur als Handelsware gesehen, man verstümmelt sie (Kastration ohne Betäubung, Abschneiden der Schwänze oder der Schnäbel). Ihre Sterblichkeitsrate ist sehr groß, zum Beispiel sterben 20% der Schweine vor ihrer Schlachtung.

Industrielle Massentierhaltung wie in Deutschland auch. Das Tier wird nicht als Lebewesen gesehen, sondern nur als Handelsprodukt. Während in Deutschland die Konsumenten seit einiger Zeit ins Grübeln geraten sind und sich eine Bewegung gegen Massentierhaltung gebildet hat, hat man in Frankreich, das wir als Schlemmerland kennen, bisher beide Augen zugedrückt beziehungsweise die Verbraucher wollten nicht so genau wissen wie das Fleisch auf ihrem Teller gelandet ist. Zwar hat sich seit einiger Zeit ein…

"Globo" überall

In Brasilien gibt es einen übermächtigen Medienkonzern, der sich Organizações Globo nennt. Der Schwerpunkt der Organisation liegt beim Fernsehen, wo das Unternehmen mit TV Globo einer der grössten Fernsehsender Amerikas und angeblich den drittgrösste Sender der Welt besitzt. Die Programme des Senders werden von 80 Millionen Personen täglich gesehen. Schwerpunkt sind die Telenovelas.

Der Gründer, der Unternehmer Roberto Marinho, schloss 1967 einen Kooperationsvertrag mit der Time-Life-Gruppe. Bei der damaligen Militärregierung geriet er damit in den Ruch eines Vaterlandverräters. Unternehmerisch war diese Entscheidung ein Volltreffer, denn nun war der Aufstieg von TV Globo nicht mehr aufzuhalten. Der Sender hob sich schon früh durch bessere technische und auch inhaltliche Qualität gegenüber dem ohnehin äusserst niedrigen Niveau der privaten brasilianischen TV-Sender hervor.

Der Sitz der Unternehmensgruppe liegt in Rio de Janeiro. Neben dem Fernsehen gehören auch Radiostationen und viele …