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Der Dschungel von Calais und die europäischen Werte

In ganz Europa ist er inzwischen bekannt: Der Dschungel von Calais. Hier stranden tausende von Flüchtlinge, die nach Großbritannien wollen. Die Großbritannien aber nicht haben will und mit allen Mitteln versucht, deren Invasion zu verhindern. Frankreich scheint sich aber auch nicht für die Flüchtlinge verantwortlich zu fühlen. Diese stehen in einem Niemandsland und die Politik tut so als ob sie nicht existieren würden. Existieren heißt ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und eine Gesundheitsvorsorge zu haben. Armes Europas, das so etwas nicht mehr hinbekommt oder hinbekommen will.

In der Zeitung “Le Monde” ist dieser Tage eine Bericht von 4 Ärzten erschienen, die auf Bitten der Organisation “Médecins du monde (MDM)” (Ärzte der Welt) in den Dschungel von Calais gegangen sind, um den Menschen dort zu helfen. Sie waren schockiert. Hier ein Auszug aus dem Artikel:

Das was man in der Regel als “Dschungel “ bezeichnet ist nicht anderes als ein Slum für 3.000 Menschen, das auf einem Stück windgepeitschten öffentlichen Grund entstanden ist und das man deswegen auch “industrielle Zone der Dünen” nennt. Man glaubt nicht mehr in Frankreich zu sein, sondern in einem armen Land. Oder im Krieg. Oder bei Opfern einer Katastrophe. Einer von uns war in Albanien, nahe an der Grenze zum Kosovo im Jahr 1999: Das Flüchtlingscamp war besser eingerichtet, alle waren untergebracht. Hier in Calais, auf einem weit außerhalb der Stadt gelegenen Grundstück gibt es nur einige Wasserstellen, einige Toiletten, einige Duschen: Nichts was den sanitären Ansprüchen in Frankreich und auch nicht in einem Flüchtlingslager entspricht. Nichtregierungsorganisationen haben einige Hütten aufgestellt, andere verteilen Essen. MDM bietet ärztliche Untersuchungen und Krankenpflege.

Seit einigen Monaten gibt es das Freizeitzentrum Jules-Ferry, das beschlagnahmt wurde um über 3.000 Personen, überwiegend nur Frauen und Kinder, unterbringen zu können. Die anderen suchen Schutz in den von den Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellten Hütten oder Zelten. Wieder andere schlafen im Freien. Im Zentrum wird einmal am Tag eine Mahlzeit verteilt und man kann duschen. Medizinisch gesehen ist dieses Slum nicht akzeptabel. Es gibt eine schreckliche Krätze-Epidemie. Die Krätze, die juckt vor allem in der Nacht, wenn man anfängt zu schlafen. Die jungen Flüchtlinge haben zerschnittene und zerkratze Hände und Beine vom Stacheldrahtzaun, der den Eurotunnel absichert. Diese Zaun zerreißt die Haut überall und es ist schwierig zu den Uferböschungen zu kommen, um diese Wunden zu säubern und zu nähen. Die sehr schlechten hygienischen Bedingungen fördern dann Infektionen. Wir haben auch viele Brüche des Fersenbeins gesehen wegen der Sprünge von mehr als 4 Metern Höhe. Nicht behandelt können die Folgen eine dauernde Behinderung bedeuten.

Wir haben Kinder gesehen, die sich selbst überlassen sind ohne dazu gehörende Erwachsene. Alleinstehende Frauen, die herum irrten. Wie jene Eritreerin von 25 Jahren, die eine tiefe Narbe über dem linken Ohr hatte, die an chronischen Kopfschmerzen und Hörproblemen litt, Folgen eine Aggression, die sie vor ein paar Monaten in Libyen erlebt hatte. Sie hatte die Nacht im Freien verbracht und geriet in Panik bei der Vorstellung noch eine zweite Nacht im Freien zu verbringen, weil die Männer sie mit Gewalt in ihr Zelt schleppen wollten. Wir haben beim Zentrum angerufen. Man hat sie mit der Nummer 56 auf die Warteliste gesetzt.  Wir haben ihr einen Schlafsack gegeben und einen Platz im Zelt einer anderen Eritreerin gefunden. Am nächsten Morgen fanden wir sie in Tränen aufgelöst vor. Wir konnten nur erfahren, dass der Ehemann der anderen Frau in der Nacht betrunken zurück gekommen ist. Genauere Einzelheiten behielt sie für sich. Uns blieb nur die Scham, sie nicht richtig untergebracht zu haben.

Jeden Tag haben wir Kinder, Frauen, Männer angetroffen, die müde, abgemagert, erschöpft von einer schrecklichen Reise waren. Ihr Blutdruck war sehr niedrig. Wir haben den BMI gemessen.  Er lag oft bei 19 und bei einigen darunter: Das ist das, was man als Unterernährung bezeichnet. Im Frankreich des Jahres 2015 bietet man diesen unterernährten Menschen eine Mahlzeit pro Tag an, wenn sie wenigstens 3 Stunden dafür anstehen. In Frankreich? Während wir in Frankeich gewöhnt sind bei Epidemien und Gefahren die staatlichen Einrichtungen rufen zu können, gibt es in diesem Slum nichts dergleichen. Die Gesundheitsbehörden existieren hier nicht. Selbst die Feuerwehrleute – in der Regel unsere besten Verbündeten, wenn keiner mehr kommen will – auch sie weigern sich hierher zu kommen.

Was ist noch akzeptabel, was nicht? Muss man sagen: Sie haben schon Glück, dass man eine Radiosendung für sie macht? Die Krätze, das ist doch nicht so schlimm? Sie hätten doch nicht zu kommen brauchen? Haben Sie nicht schon das Schlimmste hinter sich gebracht als sie das Mittelmeer überquerten? Eine Mahlzeit am Tag, das ist doch nicht schlecht? Nein, wenn wir uns nicht in Acht nehmen, dann werden wir unsere Werte, unsere Menschlichkeit verlieren.


Der französische Ombudsman für Menschenrechte, Jacques Tourbon, hat auch vor kurzem einen Bericht über die Flüchtlingssituation in Calais veröffentlicht, in dem er die Politik heftig kritisiert. Die Situation existiere schon seit 20 Jahren und habe sich verstetigt. Es gebe eine dringende Notwendigkeit neue Antworten zu finden, um diese Menschen, diese Frauen und diese Kinder mit dem Respekt, den die fundamentalen Menschenrechte Frankreichs ihnen zuerkennt, zu empfangen. Er unterstreicht, dass es ein unabdingbares Recht auf Unterbringung gebe. Tourbon kritisiert auch den immer wieder vorgebrachten “Anziehungseffekt”, mit dem man begründet, dass man keine “attraktiven” Lebensbedingungen schaffen solle, die noch mehr Flüchtlinge anziehen werde. “Es ist Aufgabe der Staates für die physische Integrität der Flüchtlinge zu sorgen”, schreibt er. Dafür sollen materielle und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Er verlangt des weiteren die zeitweise Suspendierung des Dublin III-Abkommens, das festlegt, dass Flüchtlinge in dem Land ihre Asyl-Anträge einreichen müssen, wo sie eingereist sind.

Siehe auch
 Madame Le Pen denkt, dass das funktioniert


Informationsquelle
Dans la « jungle » de Calais : « Médicalement, ce que nous avons vu est inacceptable »
«Jungle» de Calais : le défenseur des droits étrille les pouvoirs publics

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