Donnerstag, 3. September 2015

Es braucht ein ertrunkenes Kind, um den britischen Premierminister zu verunsichern

“Gehen wir einmal davon aus, wir tun nichts. Dann wird dies passieren. Die Krise wird sich verschlimmern. Der Sturm der Menschlichkeit wird zur Flut. Tausende werden ertrinken. Dann Zehntausende. Dann Hundertrausende. Das Chaos von Calais und Budapest und Kos wird sich ausweiten. Und während das passiert, wollen wir hier stehen, in einer glorreichen Isolation und zusehend wie sich das Chaos entwickelt. Wie wird die Geschichte uns dann beurteilen? Wie wird das Gericht der Geschichte dann David Cameron beurteilen?”
Wer sich das fragt ist Dan Hodges in der Zeitung “The Telegraph”. Ministerpräsident Cameron mit seiner Tory-Regierungstruppe haben in letzter Zeit alles getan, um ihr Finanzzentrum London zu fördern und alles, um ja keine Verantwortung für die Leidgeprüften dieser Welt zu übernehmen. Tatenlos und mit kühlen Sprüchen wurde zugesehen, wie sich die Flüchtlingskrise im Mittelmeer und im Südosten Europas verschärfte. Mit Frankreich wurde die französische Hafenstadt Calais aufgerüstet, damit auch kein Flüchtling über den Eurotunnel auf die glückliche Insel gelange. Tausende Flüchtlinge sind ertrunken oder haben auf andere Weise ihr Leben verloren. Das britische Hauptproblem dabei bleibt die Bekämpfung der Schlepper. Dafür hat man Geld und ist es bereit auszugeben. Erst das Bild eines ertrunkenen syrischen Kindes, ein Bild voller Trostlosigkeit, bringt den ganzen Zynismus  ins Wanken.

“Schande auf unser Land, etwas womit die Deutschen lange gelebt haben. Die Briten erzählen nur edle Geschichten über sich selbst. Jetzt hat uns David Cameron allen Schande gemacht, seine schäbige Partei hat uns in den Ruf der Schäbigkeit gebracht. Es gab Zeiten als unsere Führer das Beste aus unseren Leuten holen mussten und nicht feige am schlechtesten kleben blieben. “Wir haben eine Anzahl übernommen” – er wagte es nicht die Zahl zu nennen: 216. “Einfach immer mehr und mehr Flüchtlinge zu übernehmen” ist keine Antwort, sagte er, ohne rot zu werden. Dann beschämte ein Bild Cameron, der Moment als die von SUN-Kolumnisten als “Kakerlaken” und “Marodeure” auf einer “Flutwelle von Migranten” geschilderten Flüchtlinge in dem Bild eines leblosen Körpers in den Armen eines Soldaten endeten”, schreibt Polly Toynbee im “”Guardian” und fügt hinzu: “Die Schande wird Cameron quer durch Europa verfolgen, wenn er über einen gesichtswahrenden Handel für sein Referendum verhandeln will. Die EU-Führer haben bereits gewarnt, dass seine Weigerung, neu Ankommende von den unter hohem Druck stehenden Ländern Italien und Griechenland aufzunehmen, auf ihn zurückfallen werde.”

Spät,aber vielleicht nicht zu spät, hat Cameron nun auch die Einsicht getroffen. Bei einer Werksbesichtigung erklärte er: “Jeder, der letzte Nacht diese Bilder gesehen hat, kann nichts anderes als bewegt sein und als Vater war ich tief bewegt, als ich diesen kleinen Jungen an einer türkischen Küste sah. Britannien ist eine Nation mit Moral und wir werden unserer moralischen Verantwortung nachkommen. Wir nehmen tausende von Menschen und wir werden tausende von Menschen nehmen”. Detaillierter wollte er nicht werden, aber er will die Sache im Auge behalten. Weitere Cameron’sche Lösungen des Flüchtlingsproblems: “Wir brauchen eine umfassende Lösung, eine neue Regierung in Libyen und wir müssen mit den Problemen in Syrien klar kommen”. Wie wenn das den derzeitigen Flüchtlingen helfen würde.

Vielleicht ist aber diese Andeutung einer neuen britischen Flüchtlingspolitik nicht so sehr der Einsicht geschuldet, sondern der Tatsache, dass die Menschen im eigenen Land, aber auch im Ausland genug vom britischen Zynismus gegenüber den Flüchtlingen haben. Die schottische Premierministerin hatte schon klar gemacht, dass Cameron auf der “falschen Seite” stehe, wenn er sich weiterhin weigere, Flüchtlinge aufzunehmen.

Informationsquelle
David Cameron says UK will fulfil moral responsibility over migration crisis
The UK’s stance on the refugee crisis shames us all Polly Toynbee
Refugee crisis: David Cameron is placing himself on the wrong side of history