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Wachsende Verzweiflung am Gurugú führte zum Sturm auf Melilla

Samstag um 21 Uhr versuchten sie ihr Glück. Ihr, das sind Afrikaner in der Regel vom Afrika südlich der Sahara stammend, die ihrer Misere entfliehen und in das Paradies der europäischen Länder wollen. 300 von ihnen stürmten die spanische Exklave Melilla in Marokko. Mit Leitern versuchten sie die 6 Meter hohen Zäune, die mit elektrischem Strom gesichert waren, zu überwinden. 60 von ihnen schafften es in die Stadt zu kommen. Am Montag um 5 Uhr in der Frühe versuchte erneut eine Gruppe von 150 illegalen Einwanderern den Zaun zu stürmen. Diesmal waren die spanische und marokkanische Polizei besser vorbereitet. Der Sturm wurde abgewehrt und viele der Illegalen in die Provinzhauptstadt Nador in Marokko abtransportiert. Viele derjenigen, die bei dem Versuch mitmachten, wurden nach Berichten von Anwohnern verletzt.

Die Illegalen sammeln und halten sich in der Region um den Berg Gurugú auf. Die Zeitung “El Pais” schreibt, dass vom Gurugú aus gesehen, die Arbeit der marokkanischen Polizei einer Jagd nach Schwarzen gleiche. Die Polizisten durchkämmten 3 oder 4 mal die Gegend nach den Jugendlichen, die meisten um 20 Jahre alt, einige noch minderjährig. Unterhalb des Berges warten Autobusse. Zwei Offizielle beobachteten mit Ferngläsern die Arbeit der Polizisten von benachbarten Hügeln aus. Die Festgenommenen erzählen, dass die Festnahmen brutal erfolgen und sie von den marokkanischen Polizisten systematisch verprügelt würden. Viele, auch die Verletzten, verstecken sich in den Wäldern um den Berg Grurugú. Auf Grund der Illegalität fürchten sie festgenommen zu werden und vermeiden Kontakte mit den marokkanischen Gesundheitseinrichtungen. Sie warten auf einen günstigen Moment, um Nahrung suchen zu können. Dabei werden sie immer mehr in unwegsames Gelände zurückgedrängt. Von Wasserzufuhr und Nahrungsmitteln abgeschnitten ist für ihr Schicksal das Schlimmste zu befürchten.

Die spanische Regierung schätzt, dass sich an den Grenzen von Melilla etwa eintausend Afrikaner befinden, die nach Melilla wollen. Eine Delegation aus Madrid sollte deshalb jetzt noch einmal die Vollständigkeit und Effektivität der Grenzzäune prüfen. Im Internierungslager von Melilla sollen sich ungefähr 740 Illegale befinden, die auf ihre Abschiebung warten. Generell beobachten die spanischen Sicherheitskräfte, dass der Druck der illegalen Einwanderung in Richtung Melilla wieder zugenommen hat. Und das trotz der Krise, in der sich Spanien befindet, die viele im Land lebenden Ausländer in ihre Heimatländer zurückkehren lässt. Verwundert fragt man sich, ob das eigentlich nicht Abschreckung genug sei. Der 22-jährige Seydou aus Burkina Faso hat da eine klare Antwort: “Spanien befindet sich in einer Krise? Europa hat eine Krise? Afrika ist mehr als in einer Krise: Es ist tot”. Seydou lebt seit 8 Monaten im Ghetto des Gurugú-Berges, aber er sieht keine andere Wahl für sich: “Mein Großvater war arm. Mein Vater war arm. Meine Mutter war arm. Ich bin arm. Ich kann mir nicht vorstellen bei auch noch so vielen Krisen die es gibt, dass es mir in Spanien schlechter gehen könnte wie in meinem Land”.

Wir Europäer können uns in der Tat nicht vorstellen, dass die Verzweiflung so groß sein kann, dass man die schlimmsten Strapazen und Erniedrigungen auf sich nimmt, um an einen Zipfel von Wohlstand zu kommen. In den Augen eines Afrikaners ist die Eurokrise und unser Gejammer darüber lächerlich.

Siehe auch
Der tägliche Wahnsinn in Melilla

Informationsquelle
Maroc - Des centaines de clandestins ont tenté l’assaut sur Melilla la veille de l'Aïd – Solidarité Maroc
La última noche en el gueto – El Pais

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