Freitag, 15. Juli 2011

Entsetzen in Frankreich: Nationalfeiertag ohne Militärparade

Dieses Entsetzen verursachte die vor kurzem zur Präsidentschaftskandidatin der französischen Grünen nominierte Eva Joly. Sie erklärte am gestrigen Nationalfeiertag beim Vorbeimarsch einer Kolonne von Militärfahrzeugen auf der Place de la Bastille: “Ich habe davon geträumt, dass man diesen militärischen Vorbeimarsch durch ein Défilé der Bürgerschaft ersetzen könnten, wo man Schulkinder, wo man Studenten, wo wir auch unsere älteren Bürger zusammen erleben könnten in einer Atmosphäre des Zusammenseins, bei dem wir die Werte feiern, die uns vereinen.” Für sie gibt es einen Widerspruche zwischen der Militärparade und den Reden, die die ehemaligen Widerstandskämpfer auf dem Platz gehalten haben. “Dies ist ein Symbol Frankreichs als Kolonialmacht. Es scheint mir an der Zeit zu sagen, dass die Militärparade keinen Platz mehr hat bei den Symbolen des 14. Juli. Ich glaube, dass die Armee ihren Platz haben soll, aber nicht beim 14. Juli auftreten sollte.” Sie verweist auf die Nationalfeiertage vieler anderer Nationen, wo der “lächerliche” Protz militärischer Machtdemonstrationen keinen Platz hat. Dagegen seien solche Paraden bei den Diktaturen durchaus beliebt.

Wenn es ein heilige Kuh in Frankreich gibt, dann ist es die Armee. Von ihr hängt Frankreichs Ruhm ab. Zumindest hat man das schon seit Urzeiten in die Köpfe der Franzosen gehämmert. Das Ergebnis des  2. Weltkrieges verstärkte diesen Drang nach der totalen Priorität alles Militärischen in Frankreich. Im zerfallenden Kolonialreich spielte die Armee eine wenig rühmliche Rolle, aber das wurde bisher immer gekonnt unter den Tisch gekehrt.

Und nun wagt es eine Frau, an diesem Tabu zu kratzen. Und diese Frau ist auch keine astreine Französin, sondern sie hat auch die norwegische Staatsangehörigkeit. Die Machthabenden, die “aufrechten” Franzosen, fühlen sich dadurch äußerst provoziert und reagieren in einer Art maßlos, die erstaunen lässt. Mit ihrer doppelten Staatsangehörigkeit glaubt man sie als eine Staatsbürgerin abtun zu können, an deren Loyalität man seine Zweifel haben darf. Originalton des Ministerpräsidenten Fillon: “Ich denke, dass die Dame nicht über die uralte Kultur der französischen Traditionen, französische Werte und französische Geschichte verfügt. Wenn wir jedes Jahr unsere Streifkräfte am Nationalfeiertag ehren, dann deshalb, weil wir einer Institution unsere Hochachtung erweisen, die die Werte der französischen Republik, der Freiheit, der Brüderlichkeit und der Gleichheit verteidigt. Ich denke, dass nur wenige Franzosen die Meinung von Frau Joly teilen”. Ein Abgeordneter der Regierungspartei UMP sieht das Problem im Pazifismus von Frau Joly: “Das sind Ideen, die 60 Jahre zu spät kommen. Joly gibt sich als glückselige Pazifistin.” Ein anderer Abgeordneter unterstellt Joly einen “Antimilitarismus, den man zusammen mit den letzten Hippie-Wohngemeinschaften verschwunden glaubte”. Für andere wieder beschimpft sie damit alle diejenigen, die für dieses Land gestorben sind. “Sie träumt wie viele ihrer Parteifreunde, von einer aseptischen Welt, wo es keinen Krieg gibt. Das ist total unverantwortlich”, meint der Sonderberater des Staatspräsidenten Sarkozy, Henri Guaino.

Rechtsauslegerin Marine Le Pen fragt sich ohnehin, warum Joly eigentlich für das Amt der Staatspräsidentin kandidieren darf, da sie doch Ausländerin sei. Sie sei nicht in Frankreich geboren und habe kein “fixes” Vaterland. Aus der rechten Ecke wird verlangt, dass Joly nach Norwegen zurückkehren solle.

Zu dem Kübel an Dreck, der jetzt über sie ausgeschüttet wird, erklärte Eva Joly heute Nachmittag: “Ich steige nicht aus meinem Wikingerboot. Ich lebe nun seit 50 Jahren in Frankreich. Man greift mich nicht an, weil ich ein Thema aufgreife, sondern man diskreditiert mich weil ich nicht genug französisch bin. Ich habe bereits länger in Frankreich gelebt als Fillon (Eva Joly ist 67 Jahre alt, Fillon 10 Jahre jünger).”

Hoppla, könnte man sagen, geht es hier um die Abschaffung der französischen Armee? Mitnichten, es geht um ein kleines Details des militärischen Auftretens in der Öffentlichkeit, der diese schäumende Wut produziert. Dahinter steckt aber eine brüchige Fassade, hinter der man die Ehre der französischen Armee verstecken will. Dabei hat auch sie, zusammen mit den mit ihr zusammenkungelnden Politikern noch genug Aufklärungsarbeit für ihre Tätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten zu leisten. Und das scheinen die französischen Eliten zu fürchten, dass durch solche Meinungsäußerungen eine Diskussion in  Gang kommt, der ihnen nicht gefallen kann. Zitieren wir den Kommentar eines Franzosen in der Zeitung Libération: “Bravo Eva, du bist die einzige, die es wagt das zu sagen, was Millionen von Franzosen denken. Es ist komisch zu sehen, wie die ganze Bagage vor Wut aufheult”.

Informationsquelle:
Eva Joly propose de supprimer le défilé militaire du 14-Juillet – Libération