Samstag, 2. Juli 2011

Das gefährliche Leben einer Mauteintreiberin in São Paulo

Der brasilianische Bundesstaat São Paulo hat eine neue Einnahmequelle. Es sind dies die Mautgebühren für die Autostraßen. In den letzten Jahren wurden immer mehr mautpflichtige Autostraßen eingerichtet.

Gerade auf Gegenliebe stößt die neue Mautpolitik bei den Bewohnern der Megalopolis São Paulo und ihrem Umland nicht. Gegenüber den Geldeintreibern an den Mautstellen flippen die Fahrer der Öfteren aus. Deshalb ist es nicht gerade ein leichter Job, an den Kassen zu sitzen. Die Arbeiterin Tairini Figueiredo ist zum Beispiel an der Mautstelle Barueri, 20 km vom Zentrum São Paulo’s entfernt, beschäftigt. Hier gibt es 90 Mautkabinen. Manche Arbeiterinnen müssen aber auch auf der Straße arbeiten. Tairini’s bevorzugte Beschäftigung ist aber, den Autofahrern, die an den Kabinen Probleme haben und den fließenden Verkehr behindern, zu helfen. Geschickt schlängelt sie sich durch die nicht ungefährlichen Autokolonnen. Aus der Sicht eines Amateurs besteht die Mautstelle aus einem Meer an Asphalt und Beton. Der Krach ist infernalisch. Trotzdem meint sie: “Ich habe mich daran gewöhnt und bin doppelt vorsichtig”. Ihre Kunden sind dann Fahrer, die die falsche Maut-Kasse angefahren haben oder ganz einfach ihre Kreditkarte zu Hause vergessen haben. In einem solchen Fall geht die Sirene an und Tairini tritt in Aktion. Und das muss schnell gehen, sonst gibt es im Nu einen Mega-Stau. Staus in der Länge bis zu 200 km sind in São Paulo keine Seltenheit.

Ab 1. Juli wurden die Maut-Tarife um satte 10% erhöht. Grund genug für viele Autofahrer, ihre Empörung am Personal auszulassen. Tairini und ihre Kolleginnen und Kollegen sind sich bewusst, dass harte Zeiten auf sie zukommen. Fahrer machen sie an mit dem Vorwurf “manche überfallen mit Waffen, manche ohne”. “Ich antworte dann mit Ruhe, ohne gehässig zu werden”, erklärt eine Angestellte und “wir sind vorbereitet, jede Situation zu bewältigen”. Einige Kassiererinnen besuchen sogar Psychologie-Kurse und so geschult meistern sie “Verhalten schlechter Erziehung mit guter Erziehung und höflichem Benehmen”.

Grundsätzlich regen sich die Autofahrer nicht nur über die Tariferhöhung, sondern über die Maut an sich auf. Oft laden sie aber auch nur ihren persönlichen Frust bei den Mautkassierern ab. Kein Wunder, dass das Personal intensiver Pflege bedarf. Mindestens dreimal in der Woche finden Besprechungen statt, bei denen Aggressionen der Kunden und Unfälle mit den Leitern und Leiterinnen besprochen werden. Tairini erzählt zum Beispiel, dass sie einmal fast von einem wütenden Autofahrer überfahren wurde. Der Vorfall habe sie sehr erschüttert, aber sie habe sich wieder gefangen. “Mit dem Publikum umgehen ist nicht jedermanns Sache”, meint sie und fügt hinzu: “Das hier ist ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Mit unterschiedlichen Menschen umzugehen und nützlich zu sein, gefällt mir.”

Die Kassiererinnen, in der Regel sind es weibliche Beschäftigte, arbeiten 7 Stunden in einer Kabine mit 2 qm. Aine ist eine von Ihnen. Sie berichtet über ihre Kunden und Kundinnen: “Der Hauptteil der Autofahrer sprechen an ihrem Mobiltelefon, wenn sie zur Mautstelle kommen. Ich schätze den Anteil der Ständig-Telefonierer auf 90%. Nur wenn die Polizei mit ihrer Radargeräten präsent ist, reißen sie sich zusammen.Viele Fahrer passen nicht auf. Oft vergessen sie in kürzester Zeit, ob sie bezahlt haben und welches Wechselgeld sie bekommen haben”. Aine hat 12 Sekunden bis 1 Minute, um ein Fahrzeug abzufertigen. Nach ihren Angaben schafft sie ungefähr 390 Autos pro Stunde. Auch Aine hat die Erfahrung, dass man als Mauteintreiberin viel Einfühlungsvermögen haben muss. Manchmal muss sie Fahrer beruhigen, manchmal auch medizinische Notfallhilfe bieten. Manchmal kommen auch Promi’s an ihrem Schalter vorbei: “Wir müssen uns gut erzogen verhalten und alle gleich behandeln, egal, ob der Kunde berühmt ist oder wenn wir sehen, dass seltsames im Wageninnern passiert.” Schlimm findet die angehende Psychologin die Unfälle, die oft von unachtsamen Autofahrern verursacht werden. “Manchmal gibt es nur kleine Auffahrunfälle. Manchmal sind die Fahrer betrunken”, beschreibt sie die Situation.

Erstaunlich, dass Arbeiterinnen wie Tairini und Aine ihre Arbeit bei all dem Lärm und Gestank gut finden. Sie meinen, dass die Arbeit mit unterschiedlichen Menschen interessant ist.

Informationsquelle:
Para cobrar pedágio de motorista irritado, só com bom humor – Brasil Atual