Mittwoch, 9. Februar 2011

Wie Barcelona dem Erstickungstod entgehen will

Ein metereologisches Hoch schenkt Barcelona in diesen Tagen neben schönem Wetter auch eine Luftverschmutzung in Rekordhöhe. Alle Werte liegen zur Zeit weit über den von der EU vorgegebenen Grenzwerten. Das Hoch wird sicher auch wieder mal verschwinden, doch das grundsätzliche Problem bleibt. Barcelona ist eine hochgradig luftverschmutzte Stadt. Und die Experten sind der Ansicht, dass die lokale Verwaltung unfähig für eine grundlegende Änderung in der Politik zur Reinhaltung der Luft ist. Bestes Beispiel ist die Rücknahme der Geschwindigkeitsbeschränkung von 80 h/km auf allen innerstädtischen Schnellstrassen des Großraums Barcelona. Die neue Landesregierung hat der Autofahrerlobby dieses populistische Geschenk  zu Lasten der Umwelt gemacht. Schliesslich hatte man im Wahlkampf vollmundig gegen die von der Vorgängerregierung eingeführte Regelung gewettert. Und dies, obwohl die Landesregierung (Generalitat) wissenschaftliche Berichte vorliegen, dass die Geschwindigkeitsbeschränkungen zu einer spürbaren Verbesserung der Luftqualität in der Stadt geführt hatten.

Der Normalbürger, der dafür mit Atemwegserkrankungen die Krankenhäuser füllt, hat diese Lobby nicht. Die neue Regierung setzt in ihrer "Weitschtigkeit" noch eins drauf: Der Direktor des katalanischen metereologischen Dienstes wurde entlassen, weil er mit der Aufhebung der Geschwindigkeitsbeschränkung nicht einverstanden war und dies auch öffentlich kundgetan hat.

Diese Kopflosigkeit angesichts der Herausforderungen entsetzt die Fachleute. Nach Ansicht von Professor José María Baldasano von der polytechnischen Universität Kataloniens wird das Fehlen einer energischen Antwort durch die Regierung dazu führen, dass die Politik in nicht allzu weiter Zukunft zu noch viel drastischeren Massnahmen werde greifen müssen als eine einfache Reduzierung der Geschwindigkeit. In den europäischen Kapitalen wie Berlin, London und Stockholm gäbe es bereits Zonen, wo die Durchfahrt für Fahrzeuge verboten sei. Bald müsse sich Barcelona für ähnliche Massnahmen entscheiden."

Die Stadtverwaltung von Barcelona bereitet nun einen ganz neuen Plan vor, mit dem sie für bessere Luft sorgen will. Er nennt sich Plan für Energie, Klimawechsel und Luftqualität 2011-2020 (Plan de Energía, Cambio Climático y Calidad Ambiental 2011-2020). Die neuen Massnahmen sehen wie folgt aus: Es sollen mehr Taxi-Standplätze geschaffen werden, damit die Taxis nicht immer leer auf der Suche nach freien Plätzen in der Stadt herumirren. Im Hafen soll die Schadstoff-Emissionen der Schiffe gesenkt werden. Diese liegen nämlich im Hafen und betreiben während der Liegezeit Generatoren zur Stromerzeugung mit ihrem dreckigen Dieselöl. Fahrzeuge, die Waren in die Stadt bringen, sollen nur noch Elektrofahrzeuge sein.

Kein Wort zur Einschränkung des Strassenverkehrs, des mit Abstand größten Luftverschmutzers. Kein Wort zum innerstädtischen Müllverbrennungsungeheuer am nördlichen Stadtstrand. Diese Müllverbrennungsfabrik ist für das Stadtbild genauso dominierend wie die Katedrale "Sagrada Familia". Und weil das so praktisch ist und man den Müll nicht in Griff bekommt, plant man eine neue Müllverbrennungsanlage im Süden der Stadt, wobei man sich für eine Billigversion entschieden hat. Greenpeace und die spanische Umweltbewegung haben mehrfach auf die hohe toxische Emmission der derzeitigen Anlage hingewiesen.

Ob so Zukunft nachhaltig gestaltet wird?

Siehe auch:
Dicke Luft in Madrid und Barcelona
"Maldita Diagonal!" oder wie macht man Barcelona lebenswerter
Geschwindigkeitsbeschränkung halbiert Zahl der Todesfälle in Barcelona

Contaminación sin freno · ELPAÍS.com