Mittwoch, 7. Dezember 2016

Zerrissenes Brasilien: Wir werden nie wieder dieselben sein

Brasilien hat mit dem Impeachment der Präsidentin Rousseff einen parlamentarischen Putsch erlebt, mit dem die reaktionären Kräfte sich der Schaltstellen der Macht zurückeroberten. Gleichzeitig kocht die brasilianische Justiz ihr eigenes Süppchen, wer hier mit wem und gegen wen integriert ist kaum mehr auszumachen. Sie entwickelt sich in einen Staat im Staat.  Menschen werden in Vorbeugehaft genommen und wenn ihre Unschuld nach mehreren Monaten Haft festgestellt wird sind sie materiell und psychisch ruiniert. Die Putschisten-Regierung sieht ihr Glück in einem scharfen Austeritätskurs. Alles, was bisher der armen Bevölkerung eine Verbesserung der Lebensverhältnisse gebracht hat, wird abgeschafft oder eingeschränkt. Das wirtschaftliche Wunder, das sich die Putschisten erhofft hatten, blieb bisher aus und die sozialen Konflikte verschärfen sich im ganzen Land.

Die “Comissão Pastoral da Terra”, eine eine einflussreiche Organisation der katholischen Kirche Brasiliens, die sich für die Rechte der Landbevölkerung einsetzt, steht diesem Kurs sehr kritisch gegenüber. Einer ihrer Vertreter, Roberto Malvezzi, schildert auf der Webseite “Correio de la Cidadania” unter dem Titel “Wir werden nie wieder dieselben sein” wie er Brasiliens derzeitige Verfassung sieht:

Ich schreibe hier für mich und einige Millionen andere, die zur Zeit mit mir dieselbe Ohnmacht angesichts des Putsches in Brasilien und seiner Folgen teilen.

Wir haben keine Möglichkeit uns zu verteidigen. Ich spreche von den 54 Millionen Brasilianern, denen ihre Stimmen durch etwa 300 charakterlose Gesellen im Abgeordnetenhaus und danach von weiteren 60 Senatoren gestohlen wurde. Seither  gehen alle verfassungsrechtlichen Änderungen, die sie vorhaben, zu Lasten des Volkes.

Es geht nicht darum die Fehler und Verbrechen der PT oder Petisten zu verteidigen. Aber es geht auch nicht darum, die Augen vor der fantastischen nationalen Heuchelei zu verschließen, wie sie ganz klar durch die Fortsetzung von Untersuchungen und Verfolgungen anderer Parteien zur Schau gestellt wird.

Jetzt fragt man sich, was der Putsch gebracht hat. Die wirtschaftliche Rezession in der Regierung Dilma Rousseff war mit 3,5% des BIP beziffert worden. Mit Temer wird sie auf 7% geschätzt. Die Industrieproduktion ging zurück, ebenfalls die Ergebnisse der Agrarindustrie und die Arbeitslosigkeit sprang von 10 Millionen unter Dilma auf 12 Millionen bei Temer. Somit hat sich jenes magische Versprechen, die der Putsch versprach, nicht realisiert. Jetzt spricht sogar Fernando Henrique (Cardoso) von Wahlen, um demjenigen etwas mehr Glaubwürdigkeit zu vermitteln, der uns vor dem Abgrund, an den sie uns geworfen haben, bewahren soll.

Die soziale Spaltung Brasiliens hat sich in die Seelen eingegraben und wird viele Generationen andauern. Wir werden fortfahren uns gegenseitig anzuspucken, gegeneinander in Straßendemonstrationen antreten, in Restaurants, uns gegenseitig in den sozialen Netzwerken beleidigen, indem wird die ethnischen, sexistischen, regionalen Diskriminierung, die Klassengesellschaft und alle anderen Parteilichkeiten pflegen, Vielleicht waren wir nie eine Nation, sondern nur eine Zusammenwürfelung von Personen, die dasselbe Territorium bewohnen.

Wer Hunger und Durst nach Gerechtigkeit hat, kann keine fiskalische und wirtschaftliche Sparmaßnahme, die zu Lasten des Entzugs von Rechten und des Elends des Volkes gehen, akzeptieren. Die wirkliche Versöhnung geht nur über eine tatsächliche Gerechtigkeit und über einen Schritt mehr hin zum “Mitleiden”, was aus dem Begriff Gerechtigkeit hergeleitet werden kann. Der Putsch vertieft alle historischen Ungerechtigkeiten dieses Landes. Der Putsch ist nicht nur unpopulär, wie ihn die großen Medien beschreiben, sondern unmenschlich.

Es geht nicht darum, dass wir uns mit noch mehr Hass aufladen. Dieser lähmt und tötet. Aber es wird weiterhin die Empörung über strukturellen Ungerechtigkeiten geben, die seit Urzeiten den Opfern unserer Geschichte auferlegt werden. Der Unterschied zwischen Hass und Empörung ist nur eine Augenblinzeln auseinander.

Wir werden nie wieder dieselben sein. Diesen Satz habe ich am häufigsten in letzter Zeit gehört, von ganz verschiedenen Personen, die sich nicht einmal kennen. Entweder wird versöhnen uns im Namen der Gerechtigkeit oder wir werden uns nie wieder in die Augen sehen.


Informationsquelle
Jamais seremos os mesmos