Freitag, 15. April 2016

Schottisches Kopfschütteln und klammheimliche Freude über die englischen EU-Feinde

Während in England die Brexit-Debatte heiß läuft und man den Eindruck hat, dass die Engländer insbesondere ein Volk von Kleinkrämern sind, die mit spitzem Griffel meinen die finanziellen Vorteile eines Ausscheidens aus der EU berechnen zu können, bleibt es in Schottland seltsam ruhig. Im Gegenteil, heimlich keimt die Hoffnung auf ein neues Referendum über die Unabhängigkeit nach dem Motto “Schottland bleibt in der EU und das Rest-Großbritannien sucht sein Heil anderswo” auf.

Wirtschaftsfachmann und Vorsitzender der Vereinigung “Business for Scotland”, Gordon MacIntyre-Kemp, hat sich in einem Beitrag der britisch-schottischen Brexit-Situation angenommen. Hier in Auszügen seine Meinung:

Die nächsten wichtigen Wahlen in Schottland werden faszinierend, da die Aussicht auf einen Brexit des Vereinigten Königreichs gegen den Willen des schottischen Volkes immer wahrscheinlicher wird. Glücklicherweise gibt es für die Befürworter eines Verbleibs in der Argumentation des Brexit-Befürworter eine erhebliche Schwäche in der Tatsache, dass die Ziele der Kampagne für mehr Souveränität, Einsparkosten und gedrosselte Einwanderung nicht erreichbar sind. Die Befürworter für den Verbleib favorisieren eine Kampagne des Angstmachens bezüglich Arbeitsplatzverluste und Zugang zum Binnenmarkt, aber bleiben wir realistisch, natürlich wird es danach eine Vereinbarung zur Vermeidung von Zöllen und den Zugang von britischen Unternehmen zum Binnenmarkt geben. Der schlimmste Fall, der passieren kann, ist, dass neue Jobs und das Wirtschaftswachstum sich verlangsamen werden, was zu einem Europa der zwei Geschwindigkeiten führen würde, mit einem Vereinigten Königreich, das es leid werden wird, von den Schotten ständig zu hören “wir haben es euch ja gesagt”.

Während Westminster zu 100% die schottische Souveränität kontrolliert, kontrolliert die EU nur 7% der britischen Souveränität, so dass eine schottische Unabhängigkeit eine 100-prozentige Erhöhung der Souveränität für Schottland bedeuten würde, während ein Brexit dem Vereinigten Königreich nur 7% Zugewinn an Souveränität bringen würde. Um weiter einen Zugang zum europäischen Wirtschaftsraum von außerhalb der EU zu haben, muss so oder so erneut Souveränität geteilt und dieselben EU-Regeln übernommen werden.

MacIntyre beschreibt dann die 3 von den Brexit-Befürwortern favorisierten Modelle zur zukünftigen Zusammenarbeit mit der EU: Das norwegische, Schweizer und kanadische Modell (letzteres im Hinblick auf das Freihandelsabkommen mit der USA) und er erklärt mit überzeugenden Argumenten, dass alle diese Modelle mehr Nachteile für das Vereinigte Königreich hätten als Vorteile.Seine Schlussfolgerung lautet dann so:

Um eine lange Geschichte abzukürzen: All die Motive der Brexit-Befürworter werden dadurch untergraben, dass nach eigenen Vorschlägen Lösungen gefunden werden müssen, um mit der EU weiter Handel treiben zu können. Es wird keine Einsparung geben, die nicht mit extra Kosten gegen gerechnet werden müssen, keine Vorteile bei der Einwanderung bei den möglichen realistischen Optionen und keine eigene Kontrolle über die EU-Regeln und Richtlinien. Wie auch immer, es gibt gute Nachrichten für die (schottischen) Unabhängigkeitsbefürworter: Wenn es einen Brexit gegen Schottlands Wunsch geben wird, könnte Schottland als der Nachfolgestaat angesehen werden und könnte seine EU-Mitgliedschaft mit einer kleinen Unterbrechung beibehalten, wenn das Vereinigte Königreich austritt.

Informationsquelle
Brexit supporters will be disappointed even if they win
Ein Land – zwei Welten: Der „schottische“ Brexit und die Medien