Montag, 16. März 2015

Zerrissenes Brasilien: Es ist immer der Gegner, der korrupt ist

Zumindest meint dies José Ribamar Bessa Freire, ein aus Manaus stammender Anthropologe, der an der Bundesuniversität Rio de Janeiro das Programm “Pro-Indio” koordiniert. Er befürchtet, dass Brasilien auf dem besten Wege ist, ein zweites Venezuela zu werden und begründet dies damit, dass die Intoleranz in Brasilien in einer furchterregenden Form zugenommen hat. An diesem Wochenende hätten viele Menschen für die Staatspräsidentin mit dem Slogan “Bleib Dilma!” demonstriert. Er hätte gerne mitdemonstriert, befürchtet aber, dass er von den beiden in einander verbissenen Seiten verprügelt worden wäre.

Dilma Rousseff, die Staatspräsidentin, hat nach Meinung von Ribamar Bessa Freire die letzten Wahlen mit vielen Lügen gewonnen. Die größte Lüge gab es aber nach den Wahlen, als sie Joaquim Levy, Direktor der Bank Bradesco, in Verneigung vor dem Finanzkapital, das sie in ihrem Wahlkampf so kritisiert hatte, zum Finanzminister machte. Zudem habe sie eine Menge umstrittener Personen wie Helder Barbalho, Kátia Abreu, Eduardo Braga, Cid Gomes, Kassab, Eliseu Padilha, den Priester George Hilton, zu Ministern gemacht.
Aber Bessa Freire ist auch der Ansicht, dass beide Seiten irgendwo Recht haben. Wer gegen die Regierung Dilma protestiere, habe jedes Recht seine Empörung zu zeigen, genauso wie derjenige, der sie verteidigt. Die Demonstrationen auf der Straße seien demokratisches Aufbegehren und könnten die Kraft der Demokratie stärken. Nicht akzeptabel seien jedoch persönliche Beleidigungen, die man auf der einen Seite in den sozialen Medien lesen könne und auf der anderen Seiten besonders die Drohungen mit einem Putsch, von denjenigen, die das Wahlresultat nicht akzeptieren wollten.
Er sieht sich einig mit der gescheiterten Präsidentschaftskandidatin Marina Silva, wenn sie sagt: “Die Korruption ist nicht ein Problem von Dilma, von Lula, von Fernando Henrique, noch von Collor, noch von Sarney. Nein, es ist ein Problem unserer Gesellschaft. Solange man glaubt, dass sie nur das Problem der anderen ist, werden wir weiterhin mit diesem Problem leben müssen”.

Zu all dem hat auch die brasilianische Bischofskonferenz (CNBB) ihre Meinung. In einem kürzlich veröffentlichten Schreiben nimmt sie wie folgt zur derzeitigen politischen Situation in Brasilien Stellung:
Angesichts der Korruption in der Verwaltung des öffentlichen Vermögens ist es unsere feste Überzeugung,  dass die Gerechtigkeit und Ethik eine sorgfältige Untersuchung der Fakten und Verantwortlichkeiten entsprechend den Gesetzen zu eventuell Bestochenen und Bestechern verlangen. Solange die öffentliche Moral mit Verachtung beachtet wird oder als ein Hindernis auf dem Weg zur Macht oder zum Geld, werden wir noch von einer Lösung der derzeitigen Krise in Brasilien weit entfernt sein. Die Lösung geht auch über das Ende des politischen Ämterverkaufs, der die unersättliche Geldgier der öffentlich Beschäftigten nährt und mit privaten Interessen vermengt ist.Es wird zudem eine tiefgehende politische Reform benötigt, die das derzeitige politische System bis in sein Innerstes renoviert.
Üblicherweise in Zeiten der Krise sind Demonstrationen eine demokratisches Recht, das durch den Staat geschützt werden muss. Was man allerdings erwarten kann, ist, dass sie friedlich verlaufen. “Nichts rechtfertigt die Gewalt, die Zerstörung des öffentlichen und privaten Vermögens, die Respektlosigkeit gegen Personen und Institutionen, die Einschränkung der Freiheit zu gehen und zu leben, zu denken und verschieden zu handeln, das alles muss mit Entschiedenheit abgelehnt werden. Wenn das passiert, dann werden die den Demonstrationen innewohnenden Werte in den Schmutz gezogen und führen zu ihrer Diskreditierung.
In diesen gefährlichen und fordernden Stunden, ruft die CNBB die Institutionen und die brasilianische Gesellschaft zum Dialog auf. In der freien Meinungsäußerung, im Respekt bezüglich des Pluralismus und die legitimen Unterschiede, kann man in diesem Moment zum sozialen Frieden und zur Stärkung der demokratischen Institutionen beitragen.


Informationsquelle
José Ribamar Bessa Freire: “Fica Dilma ou Dilma Go Home?”
Nota da CNBB sobre a realidade atual do Brasil