Sonntag, 1. März 2015

Putins verkehrte Welt: Von Faschisten, die angeben gegen Faschismus zu kämpfen

Wer wundert sich nicht über das Russland's Politik gegenüber der Ukraine der letzten Monate, des letzen Jahres. Mit Schaum vor dem Mund wird beschworen, dass in Kiew die Faschisten die Macht übernommen haben. Die Krim wird mir nichts dir nichts besetzt und zum eigenen Staatsgebiet erklärt. Der Osten der Ukraine wird destabilisiert und mit russisch bezahlten Söldnerhorden zu einer Russland genehmen Separatistenrepublik umgemodelt. Tausende Ukrainer verlieren in brutalen Bombardements ihr Leben. Auch wenn noch ein Restverständnis für die sich von der NATO eingekreist glaubende Putin-Oligarchie vorhanden ist, so fühlt man sich doch immer mehr von den Sprüchen und Kampfparolen aus Moskau abgestoßen. Ganz einfach, weil man ihre Unglaubwürdigkeit gar nicht mehr beweisen muss, sie entlarven sich selbst.

Ein Bewohner der geschundenen Gebiet im Donbass hat jetzt einen Brief geschrieben, der auf der Webseite EMPR (Unabhängige Bürgermedien über die Ukraine) veröffentlicht wrude. Hier ein paar Auszüge aus dem Brief:

Ich stamme aus dem Donbass. Ich bin ethnischer Russe. Ich spreche fließend Russisch und Ukrainisch. Ich denke aber, dass Russisch meine Muttersprache ist. Ich bin kein Ukraine-Hasser. Ich habe neutrale Gefühle gegenüber der Ukraine. Ich habe lange zugesehen wie Putin Russland auf den Abgrund zusteuert und schon seit langem habe ich keine Bindung zu Russland mehr gefühlt.

Ich lege hohen Wert auf Bürgerrechte, die ich als Bürger der Ukraine in all den Jahren genossen habe. Dieselben Bürgerrechte, die es in der russischen Föderation nicht gibt. … Ich habe nie eine besondere Aufregung gespürt, wenn ich die blaugelbe Flagge gesehen haben; ich habe nie einen besonderen Wert auf die Hymne gelegt und ich mochte auch nie die Nationalisten. Aber ich hatte immer ein Interesse an der ukrainischen Kultur und von Anfang an war ich gegen die Idee einer Teilung.

Und dann kam der Frühling 2014. Feindliche und extrem aggressive “Verteidiger des Donbass” erschienen wie aus dem Nichts auf den Straßen. Ihre “Aktivitäten” begannen mit gewalttätigen Attacken auf friedliche Bewohner dieses Donbass. Zuerst waren die “Beschützer” unbewaffnet (zumindest offiziell) aber sie kamen mit pseudo-antifaschistischen Slogans und belästigten und griffen die Menschen, die in friedlichen Demonstrationen die Ukraine unterstützten, an. Ich erinnere mich noch an die Sprüche, die sie online veröffentlichten: “Die Faschisten demonstrieren am 13. März. Komm, lasst uns sie treffen. Bringt Operationsbesteck mit, mit dem wir sie kurieren können”.

Ist das nicht das, was den Faschismus ausmacht? Wir sollten uns daran erinnern, dass an jenem Tag in Donezk tausende Menschen sich versammelten, um für eine einige Ukraine zu demonstrieren. Sie wurde heftig von den “Verteidigern des Donbass” attackiert. Menschen wurden zu Krüppeln zusammengeschlagen und Dmytro Cherniavskyi mit Messerstichen getötet.

Alles wurde auf den Kopf gestellt. Jeder, der sich der Teilung der Ukraine wiedersetzte wurde automatisch als Faschist, als Maidan-Perverser, Bandit, Feind des Volkes und nicht menschliches Wesen bezeichnet. Wenn man sagte, dass man sich als keiner von den Vorgenannten bezeichne, dann wurde erklärt “das gibt’s nicht”. Egal, was man sagte, man war der Feind. Es war besser nicht zu diesem hysterischen Mob zu gehen, der sich vor dem Gebäude der Staatsverwaltung versammelte. Vergiss Ideen wie ein faires Verfahren, Rechtsanwalt einschalten, Strafprozessnormen beachten. Vergiss ganz einfach die Möglichkeit gehört und auch erhört zu werden. Der Ungeist des Mobs regierte und der Mob verlangte eine faschistisches Opfer, das man misshandeln konnte und je schlimmer man es tat umso besser. Alle, die an der Euromaidan-Bewegung teilnahmen (sowohl in Kiew wie auch in Donezk) wurden zu Feinden des Volkes erklärt und auf eine Liste der Gesuchten gesetzt.

Und es waren die Bewohner des Donbass (eingeschlossen ethnischen Russen und die russisch sprechenden Bewohner), denen die Freiheit von diesen “Beschützern” (mit der Einrichtung von Checkpoints) genommen wurde und deren Recht auf Privateigentum verletzt wurde (Wohngebiete wurden durchsucht und Autos wurden beschlagnahmt und an Checkpoints durchsucht). Es waren die Bewohner des Donbass, die zum “Klo” geschleppt wurden, die summarisch hingerichtet und aller ihrer Bürgerrechte beraubt wurden, ohne Ausnahme: Redefreiheit, Gewissens- und Religionsfreiheit (für diese wurde zum Beispiel eine Repressionspolitik gegen Protestanten und die Orthodoxen von Kiew in den Separatistengebieten eingeführt).

Postbüros und Banken sind geschlossen wegen der “Beschützer”. Die “Beschützer” stellen in den Schulen und Gymnasien irgendwelche Dokument statt eines Zeugnisses oder Diplom aus. Und letztendlich gibt es wegen den “Beschützern” keinen gesetzlichen und legalen Schutz der Bürger und Pensionen und Sozialhilfezahlungen werden nicht ausgezahlt. Und um es zu wiederholen, wegen der “Beschützer” sind wir gezwungen in einer von der Welt nicht anerkannten “Donezker Volksrepublik”, die in Wahrheit weder Donezk noch die Menschen repräsentiert geschweige denn eine Republik ist, zu leben.

Ich glaube, ich kenne noch einen anderen Grund weswegen Putin sich nicht entscheiden kann, ob er nun Donezk mit Russland “vereinigen” soll, obwohl alles für ihn in die Richtung zeigt, dass eine Vereinigung sowohl unausweichlich als auch notwendig sein wird. Putin hat Angst, dass, nachdem Donezk befreit ist, große Massen von Menschen auf den Zentralplatz kommen werden und unter einer blauen und gelben Flagge demonstrieren werden, daß sie die grenzenlose Unmenschlickeit von Putin und seiner Schergen überlebt haben. Er hat Angst davor, etwas so Mächtiges zu sehen. Das wird am Ende der letzte Nagel sein, der in den Sarg seiner doppelten Standards, seiner Heuchelei, seiner Betrügereien und seiner Propaganda getrieben wird.

Informationsquelle
A letter from occupied Donetsk: reality Putin does not want to see