Montag, 7. Juli 2014

Warum braucht Brasilien ein Gesetz für alte Menschen?

2003 verabschiedete das brasilianische Parlament das Gesetz "Statut der alten Menschen" (Estatuto dos Idosos). Das Statut regelt die Rechte für Menschen mit 60 Jahren oder mehr Jahren. In Artikel 2 führt das Gesetz aus: "Der alte Mensch nimmt teil an allen Gundrechten, die einer menschlichen Person zugehören, ohne Beeinträchtigung des vollständigen Schutzes, von dem dieses Gesetz handelt, indem es ihm durch Gesetz und andere Maßnahmen alle Gelegenheiten und Möglichkeiten zur Wahrung seiner physischen und geistigen Gesundheit und seine Verbesserung in moralischer, intellektueller, spiritueller und sozialer Hinsicht in Freiheit und Würde zusichert." Und Artikel 3 verfügt: "Es ist die Pflicht der Familie, der Gemeinschaft, der Gesellschaft und der öffentlichen Verwaltung, dem alten Menschen mit absoluter Priorität die Ausübung des Rechts auf Leben, auf Gesundheit, Ernährung, Bildung, Kultur, Sport, Freizeit, Arbeit, Bürgerschaft, Freiheit, Würde, Respekt und familiäres und gemeinschaftliches Zusammenleben zu gewährleisten".

"Wer alte Menschen im Krankenhaus, ambulanten Kliniken, Einheiten längerer Verweildauer oder ähnlichem aussetzt oder nichts für ihre grundlegenden Bedürfnisse tut, für die er per Gesetz oder Urteil verpflichtet ist, der wird mit Gefängnis von 6 Monaten bis 3 Jahre bestraft oder zu einer Geldstrafe", verfügt das Gesetz weiterhin. Es handelt sich um ein Gesetz mit guten Absichten und abschreckenden Strafen. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?

In Brasilien gibt es immer noch erschreckend viel Armut. Viele Menschen werden vom Gesundheits- und Sozialsystem überhaupt noch nicht wahrgenommen. Die alten Menschen gehören zum schwächeren Teil der Gesellschaft und insofern ist es gut, wenn man per Gesetz auf ihre Rechte hinweist. Damit ist ihnen aber oft nur ideell geholfen. In der Realität sieht es so aus: Im geriatrischen Krankenhaus Eduardo Rebello in Rio de Janeiro gibt es einen Anteil von 7% der Patienten, die zwar entlassen werden könnten, aber nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Das Gesundheitsministerium des Staates São Paulo listet 700 Personen in Gesundheitseinrichtungen auf, deren Identität unbekannt ist und die auf Abholung durch einen Familienangehörigen warten.

Der Direktor des geriatrischen Krankenhauses Eduardo Rebello schildert wie so etwas abläuft: "In einigen Fällen wurden die Patienten von ihren Familienangehörigen hierher gebracht. Sie hinterlegten eine Telefonnummer oder Adresse, die aber nicht stimmen. Diese Personen können wir dann nicht finden, wenn der alte Mensch entlassen werden kann. Ich glauben, dass diese Art des Aussetzens sich auch in anderen geriatrischen Einheiten wiederholt." Für eine Dozentin für Geriatrie passiert dieses Aussetzen "nicht von heute auf morgen, sondern es entwickelt sich in vielen Jahren der Schwierigkeiten und Verschlechterung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich dann zuspitzen bis zum Punkt, dass der alte Mensch auf die Familie rechnen muss, aber diese nichts mehr mit ihm zu tun haben will".

Hier zeichnet sich ein gravierendes Problem für das Land ab. Das brasilianische statistische Institut IBGE rechnet damit, dass bereits 2030 die Zahl der Menschen, die älter als 60 Jahre sind, den Anteil der Jugendlichen und Kinder bis 14 Jahre übertreffen wird. Im Jahre 2055 werden bereits mehr Alte prognostiziert wie junge Menschen bis 29 Jahre.


Informationsquelle
Os esquecidos - RBA