Donnerstag, 10. Juli 2014

Brasilien: Wer hoch hinaus will, der kann auch tief fallen

Die Fußballweltmeisterschaft steht vor der Tür. In der brasilianischen Stadt Recife geht schon Wochen vor dem eigentlichen Stattfinden des Ereignisses die Post ab. Das Volk heizt sich auf, die Medien spielen kräftig wird, die Gewissheit wird immer konkreter: Brasilien wird der nächste Fußball-Weltmeister. Mit Beginn der Weltmeisterschaft ist der Rummel und die Siegestrunkenheit nicht mehr aufzuhalten. Zumal Brasilien die ersten 3 Spiele der Vorrunde haushoch gewinnt. In Recife wird kaum noch gearbeitet. An Spieltagen der brasilianischen Mannschaft steht alles Kopf. Sambakapellen, in der Regel schon stark alkoholisiert, ziehen durch die Straßen. Ein als solcher erkannter Ausländer muss sich einem Unterwerfungsritual unterziehen und jedem Mitglied der Gruppe im Voraus persönlich zum bevorstehenden Gewinn der Weltmeisterschaft gratulieren. Brasilien - das steht in den Köpfen fest - ist das beste, schönste Land der Welt und beim Fußball einfach unschlagbar.

Am 5. Juli geschieht dann das Unfassbare. Das unsterbliche und unbesiegbare Brasilien wird besiegt. Man kann es ahnen, ich spreche vom Jahr 1982, der Weltmeisterschaft in Spanien, und nicht von heute, wo die Weltmeisterschaft in Brasilien stattfindet. Es war mir damals vergönnt den brasilianischen Größenwahn hautnah und als Höhepunkt eines längeren Brasilien-Aufenthaltes zu erleben. Brasilien verlor damals völlig unerwartet gegen Italien. Im Stadion Sarriá von Barcelona fand der Höhenrausch der Selecao sein plötzliches Ende. In den brasilianischen Annalen wird berichtet, dass damals "Brasilien einen zauberhaften und brillanten Fußball mit vielen Aktionen und vielen Toren spielte". Die Italiener wurden so eingestuft: "Italien spielte einen Fußball ohne Reiz, ohne Glanz und ohne Aktion". Nun gegen diese Italiener verloren die Fußballzauberer aus Brasilien, weil die Italiener jedem dieser Zauberer einen ihrer Spieler auf die Füße stellten. Manndeckung waren die Brasilianer nicht gewöhnt. Sie hatten sich somit nicht für das Halbfinale qualifiziert, es war der Tag, an dem das "jogo bonito" (schöne Spiel) zu Grabe getragen wurde.

Recife, 5. Juli 1982, 12:15 Ortszeit. Die Stadt ist gespenstisch leer. Nach dem Spiel liegt eine deprimierende Stille über der sonst so geschäftigen Innenstadt. Langsam kommen missmutige Menschen aus den Häusern, Händler öffnen fluchend die eisernen Rolläden vor ihren Geschäften. Manch einer schmeißt erst einmal noch faules Obst gegen die Wände. Die Stimmung ist mies, der Rausch ist vorbei, der Kater ist da.

Jetzt gibt es die Fußball-WM in Brasilien, im Landes selbst. Die Erwartungen werden wieder ähnlich hoch geschraubt. "A Sexta", der sechste Weltmeisterschaftsgewinn, ist selbstverständlich. Die ersten Spiele laufen nicht wie geschmiert, aber zumindest verliert Brasilien nicht. Trotzdem sind die Spieler dem immensen Druck nicht gewachsen, sie schreien die Nationalhymne nur so heraus, um zu zeigen, was sie für Super-Brasilianer sind. Entschuldigen sich weinerlich beim Volk (o povo), wenn es nicht so gut läuft. Die brasilianische Volksseele macht seine Spieler zu Psycho-Zombies, die bei den erst besten Schwierigkeiten einen Weinkrampf bekommen, weil sie wissen, dass sie nicht versagen dürfen. Verwundert es unter diesen Umständen, dass die Katastrophe kommen musste? Es war die deutsche Mannschaft, die gnadenlos die Kulissen, die man so schön um Neymar & Co aufgestellt hatte, weg zog. Diesmal wurden die brasilianische Mannschaft nicht nur entzaubert, sondern vorgeführt.