Donnerstag, 18. August 2011

Rio de Janeiro im Griff der Milizen

Zwar hat Rio de Janeiro im Kampf gegen die Bandenkriminalität Fortschritte gemacht, aber eine andere kriminelle Gruppierung, die aus den Kreisen der Polizei kommt, hat die Stadt weiterhin bestens im Griff. Es sind die Milizen, die zu großen Teilen aus Polizisten oder Ex-Polizisten bestehen. Man schätzt, dass noch ungefähr 130 Stadtbezirke von Rio durch die Milizen kontrolliert werden. Sie sind im Drogenhandel tätig und terrorisieren in ähnlichem Stil wie die Drogenbanden die Bevölkerung.

Am vergangenen Freitag wurde in Rio die Richterin Patricia Acioli erschossen. Sie war 47 Jahre alt und bekannt für ihre harte Linie gegenüber kriminellen Polizisten und wurde deshalb auch der “schwere Hammer” genannt. Sie wurde mit 21 Schüssen umgebracht als sie ihr Haus in Niterói betrat. Die Munition, mit der sie erschossen wurde, waren Kaliber 45 und 40. Diese Art von Munition wird exklusiv von der Armee und der Polizei in Brasilien benutzt. “Die Nutzung dieses Kalibers ist so etwas wie eine Unterschrift. Die Mörder wollten uns damit sagen, dass das Verbrechen von den Milizen begangen wurden. Sie wollten eine Warnung hinterlassen”, schätzt ein Polizist, der nicht genannt werden will, die Sachlage ein.

Patrícia Acioli arbeitet seit 1999 im 4. Strafgerichtshof von São Gonçalo, einer der gewalttätigsten Gemeinden der Metropolregion von Rio. Ihr Schwerpunkt war Bekämpfung der Milizen und der Todeskommandos sowie der illegalen Ausbeutung von Passagiertransporten. Es ist bekannt, dass diese Bereiche überwiegend von Polizisten und Ex-Polizisten betrieben wurde. Die Richterin interessierte sich vor allem auch für Fälle, in denen sich Polizisten bei Verhaftungen wegen Widerstandes auf Notwehr beriefen, um so ihre Gegner leichter exekutieren zu können. In diesem Zusammenhang verurteilte sie mindestens 60 Polizisten in den letzten 10 Jahren.

Der geplante Anschlag auf die Richterin war der Polizei bekannt. Es waren Telefongespräche abgehört worden, in der die “Mafia de Vans” (Mafia der Kleinbusse), die den illegalen Personentransport in São Gonçalo beherrschte, den Mordplan ausheckte. Die Chefs dieser Mafia saßen alle in Untersuchungshaft und trotz der Drohungen gab sie einem Antrag auf Freilassung nicht statt. Eigentlich hatte sie eine Leibgarde von 6 Sicherheitsbeamten, die aber zum Tatzeitpunkt seltsamerweise nicht anwesend waren.

Die Untersuchungen haben inzwischen ergeben, dass man mit ziemlicher Sicherheit das Verbrechen den Milizionären zuschreiben kann. Der Präsident der Richtervereinigung von Rio bestätigte, dass mindestens 12 Personen an dem Verbrechen teilgenommen hatten. Er fügte hinzu: “Die Richterin wurde ein Opfer von kriminellen Organisationen und eines Strafprozess-Systems, bei dem die Verbrechen abgeurteilt werden und durch die Vordertür hinausgehen, zusammen mit der Familie der Opfer”.

Für Kenner ist die Situation in Rio besorgniserregend. Besonders besorgniserregend, weil die Kriminellen von Politikern im Rahmen von “Schutz-Geschäften” gedeckt werden. So befinden sich in Rio zur Zeit Politiker wie der Ex-Abgeordnete Natalino José Guimarães  und sein Bruder, sowie der Stadtabgeordnete Jerônimo Guimarães Filho,  Jerominho genannt, in Haft. Sie wurden festgenommen, weil sie Mitglieder der Miliz “Liga da Justiça” (Liga der Justiz), die ihr Tätigkeitsfeld im Westen von Rio hatte, waren.

Siehe auch:
Nach der Schlacht ist vor der Schlacht
Saubere Beschützer oder rettet mich vor der Bürgerwehr!
Informationsquelle:
Assassinato de juíza expõe desafio das milícias do Rio à autoridade do Estado