Sonntag, 17. April 2011

Harte Zeiten für Atheisten

Ab Morgen beginnt sie wieder, die Karwoche, in Spanien "Semana Santa" genannt. Die Christen denken an den Leidensweg Christi und feiern diesen vor allem bei den Katholiken mit Prozessionen. Öffentlichen Prozessionen. Gerade in Spanien kann kaum jemand den religiösen Kulten auf öffentlichen Straßen entkommen. Das gefällt einigen nicht, denn eigentlich gibt es ein gewisses Neutralitätsgebot des Staates. Der hält aber seine schützende Hände über die "Nazarenos", die an den Prozessionen teilnehmenden Kapuzenmänner. Schließlich ist die ganze religiöse Folklore auch ein großes Geschäft, das man sich gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten nicht verderben lassen sollte.

Es gibt aber auch Spanier, denen das alles zuviel ist. So wie manche Deutsche in Karnevalszeiten aus den Hochburgen der Narren fliehen, so möchten auch einige Spanier von dem ganzen religiösen Primborium nichts wissen. Stellvertretend hier eine Frusterklärung des Ignacio Irujo im Blog "Por la boca muere el pez":

"Leider müssen wir diese unsere lärmenden Nachbarn, die sich darauf spezialisiert haben an Prozessionen mit sadomachistischen Szenen teilzunehmen, sich als Götzen verkleidend und unsere Straßen füllend, ertragen. Sie belästigen uns derzeit fast jeden Tag und wir ertragen es, weil wir so demokratisch sind und akzeptieren, dass jeder frei ist, Sachen zu feiern, die ihm gefallen. Das stösst uns natürlich auf, denn das wird auch mit unsern Geldern bezahlt oder aus Mitteln, die für andere kulturelle Veranstaltungen nicht zur Verfügung stehen. Und es stösst uns noch mehr auf, weil dies alles früher als Pflicht angesehen und von einem mörderischen und diktatorischen Staat abgesegnet wurde. Und wir dachten mit der Wende zur Demokratie würden die Dinge etwas abgemildert. So ist es leider nicht. Nicht zufrieden damit, wollen sie auch noch Abweichler fertig machen. Alternative Veranstaltungen werden während der Leidenszeit ihres Freundes verboten. Veranstaltungen mit Pilgermotiven, die den Touristen nicht gefallen hätten. Die Ankündigung einiger Nazis, dass sie Hostien an die Scheiss-Atheisten verteilen würden, haben dazu geführt, dass man die Prozession der Atheisten verboten hat. Die Semana Santa sehen sie als immaterielles Erbe an  und wer sich daran vergeht, dem schlagen sie das Gesicht ein. Obwohl entsprechend den Vorschriften eine Genehmigung für dieses Straßenfest am kommenden Donnerstag beantragt wurde, hat sich ein Richter erdreistet auf Veranlassung der Nationalkatholiken ein Strafverfahren gegen die Antragsteller zu eröffnen mit der Begründung eines Deliktes gegen die religiösen Gefühle, Anstachelung zum Hass wegen Glaubensmotiven und unerlaubter Demonstration.

Es reicht. Dieser Angriff von Leuten, die Experten in der Belästigung anderer sind, ist nicht normal. Es ist nicht logisch, dass sie dafür straffrei bleiben. Wir haben hier schon das Recht verteidigt, gegen Gott zu argumentieren, weil die Blasphemie in einer demokratischen Gesellschaft mit freier Meinungsfreiheit kein Delikt sein kann. Es gibt nichts Heiliges, das der Kritik entzogen werden kann."

Der Gesinnungsterror, der von rechtskatholischen Kreisen in Spanien ausgeübt wird, nimmt in der Tat zu. Kein Wunder, dass der tiefe Riss in der spanischen Gesellschaft immer noch sichtbar ist. Das "immaterielle Erbe" der katholischen Könige und des Franquismus lastet noch schwer auf der Gesellschaft und vergiftet das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Gruppen.

Siehe auch Blogbeiträge:
Endlich in Sevilla: Gleichberechtigung unter den Kutten
Massenpanik in Sevilla

Informationsquelle:
Por La Boca Muere El Pez