Mittwoch, 6. April 2011

Sind die Deutschen Heuchler, wenn es um ihre Stromversorgung geht?

Bernard Laponche, Nuklearphysiker und Experte in Energiepolitik, stand den französischen Lesern der Zeitung Le Monde für Fragen über die Energiepolitik in einem Chat zur Verfügung. Eine der Kernaussagen von Bernard Laponche war, dass bisher in Frankreich alle Vorwände gut waren, um die Entwicklung der erneuerbaren Energien zu begrenzen.

Unter anderem wurde er auch gefragt:

"Deutschland will aus der Atomkraft aussteigen. Es ist stolz auf sein Energiemodell, das auf der Kohle, dem Öl ...... und dem Import französischen Atomstroms beruht! Kann man da nicht von Heuchelei sprechen?" Aus dieser Frage ist zu erkennen, wie wenig viele Franzosen vom Nachbarn auf der andern Rheinseite wissen. Zeit für Bernard Laponche einiges klarzustellen:

"Diese Frage enthält viele Fehler. Zum Ersten, dass Deutschland sich hauptsächlich aus Öl und dem Import von Strom versorgt. Frankreich importiert mehr Strom aus Deutschland als dieses von Frankreich importiert. Insofern haben wir eher ein Heuchelei auf französischer Seite, die Strom aus Quellen importiert, die CO2 verursachen. Zweitens: Bezüglich des Ölverbrauchs pro Bewohner verbraucht Frankreich etwas mehr Öl als Deutschland. Die Kohle wird in Deutschland oft für die Stromproduktion genutzt und erbringt 40% der Energieversorgung. Verglichen mit 80% Atomstrom in Frankreich. Auf der andern Seite gibt es die erneuerbaren Energien. Deren Anteil lag 1991 im Jahr der Wiedervereinigung bei 4% der Elektrizitätsversorgung Deutschlands. Heute liegt ihr Anteil bei 18% und das Ziel bis 2020 ist 35%. Dann liegt der Anteil der Erneuerbaren höher als die Stromversorgung durch die Atomkraftwerke, die bei 30% liegt. Frankreich hatte 1991 einen Anteil der Erneuerbaren von 11 %, zurückzuführen auf die in früheren Zeiten gebauten Wasserkraftwerke. Heute liegt dieser Anteil bei nur 14%. Man sieht also sehr gut, dass sich Deutschland auf die Reise gemacht hat Richtung Vorrang der Energieeffizienz auf der einen Seite und einem noch stärkeren Ausbau der Erneuerbaren auf der anderen Seite."

Und was soll Frankreich tun, um vom Atomstrom los zu kommen. Der Leser Orel fragt dazu: "Welche Glaubwürdigkeit geben sie den Vorschlägen zum Ausstieg Frankreichs aus dem Atomstrom bis 2050 wie er insbesondere von der sozialistischen Partei und der Partei "Europe Ecologie-Les Verts" (Grünen) vertreten wird?"

Die Antwort von Bernard Laponche: "Bezüglich der derzeit vorgeschlagenen Politik bin ich der Meinung, dass sie sich klar ausdrücken muss, d.h. es muss eine Priorität für die Energie- und Elektrizitätswirtschaft erklärt werden. Unter diesen Bedingungen ist es glaubwürdig, dass das Energiesystem tiefgreifend geändert und nach und nach der Anteil des Atomstroms in der Elektrizitätproduktion heruntergefahren werden kann, bis in einigen Jahrzehnte ganz auf ihn verzichtet werden kann und der Hauptteil der Elektrizität aus erneuerbaren Energien stammen wird. Die Glaubwürdigkeit eines solchen Ziels beruht darauf, dass Programme zur energetischen Sanierung von Gebäuden, des öffentlichen Verkehrs, der Züge und bei Geräten und Industriemaschinen gestartet werden."

Aus den vielen Fragen lässt sich erkennen, dass die Franzosen eher Angst haben, dass sie von Photovoltaik-Anlagen erdrückt oder Windrädern erschlagen werden als dass ihnen ein Atomkraftwerk um die Ohren fliegt und ihre Lebensgrundlagen verseucht. Aber man sieht auch ein großes Interesse, durch kompetente Fachleute neue Lösungen zu finden, die nachhaltig für eine Lösung der Energieprobleme der modernen Welt sorgen.

Informationsquelle:
"Tous les prétextes ont été bons pour limiter le développement des énergies renouvelables" - LeMonde.fr