Sonntag, 13. September 2009

Salvador Bahia im Belagerungszustand

Die vergangen 6 Tage waren hart für Salvador, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Bahia. 12 angezündete Omnibusse, 9 Überfälle auf Polizeistationen, 6 verletzte Polizisten und eine Panik in der Bevölkerung von Salvador. Es war eine Aktion der Drogenmafia. Der Befehl zum Terror kam aus den Gefängnissen. Er sollte Chaos verursachen und gleichzeitig der Stadt ihre Unfähigkeit zur Sicherung der öffentlichen Ordnung vor Auge führen.

Der Startschuss zum Aufstand kam mit der Verlegung eines Mannes, der zum Chef des Drogenhändlerrings in Salvador gehört, in ein Hochsicherheitgefängnis im Bundesstaat Mato Grosso do Sul (in Südbrasilien). In 4 verschiedenen Vierteln der Stadt wurden die Polizeistationen mit Gewehren beschossen, Busse mit Molotow-Cocktails attackiert.

Ein Polizist schilderte einen Überfall: "Ungefähr 10 bis 11 Typen kamen in 2 Autos an. Jedes Auto kam von einer anderen Seite. Mir gelang es nur den den schwarzen Fiesta zu sehen. Sie hielten kurz vor mir, voll ausgerüstet mit schusssicheren Westen und Maschinengewehren. Dann begannen sie die Polizeistation zu beschiessen. Dann gaben sie das Zeichen, dass die Station gestürmt werden sollte. Dazu kam es aber dann nicht, weil meine Kollegen aus der Station heraus zu schiessen begannen."

Jetzt fragt sich Bahia, wie konnte es zu so etwas kommen? Die Geschichte beginnt am 16. Februar 2004. An diesem Tag wurde “Raimundão”, auch “Ravengar” genannt, an der Nordküste Bahias verhaftet. Er war der grösste Händler für Kokain in Bahia. Die Verhaftung war zwar ein Erfolg, brachte aber die Hierarchie in der Drogenmafia von Salvador durcheinander. Die neuen Herren hatten noch weniger Skrupel und sie zeigten ihre Unverfrorenheit in den letzten Tagen mit aller Deutlichkeit.

Der Drogenhandel in Salvador nahm in den achtziger Jahren seinen Anfang. Die Kinder der gehobenen Gesellschaft wendeten sich nicht nur dem us-amerikanischen Lebensstil zu, sondern auch der Sucht nach Drogen. Der Hafen von Salvador wurde zum Treffen des Jet-Sets und trug zu einer Steigerung des Drogenkonsums bei. Und damit wuchs die Drogenmafia.

Die Brasilianer lieben Spitznamen. Der erste Drogenboss in Salvador hatte den schönen Spitznamen “Zequinha do Pó”. Er war Rudersportler und Schwimmlehrer. Er war der Vorgänger von “Ravengar”. Sein Hauptquartier hatte er im Restaurant "Vermelho e Preto" (Rot und Schwarz). Die Leute kamen und bestellten ein Glas Wasser, das war das Zeichen für den Stoff. Gegessen wurde so gut wie nichts im Restaurant. Der Handel war zur damaligen Zeit noch ruhig. Die Kunden waren auch nur Leute mit Geld. Mit der bahianischen Polizei stellte er sich bestens, sie wurde von ihm zum Essen eingeladen und erhielten auch gelegentlich Umschläge mit Kokain oder Geld. Er hatte also hohe Protektion: Eine vermögende Kundschaft und die Polizei. Schliesslich trat aber die Bundespolizei auf den Plan. Sie hat in Brasilien etwa ähnliche Funktionen wie das FBI in den USA. 1989 erwischten sie “Zequinha do Pó”. Heute lebt er in Salvador in armen Verhältnissen.

Mit seinem Abgang betrat "Raimundão / Ravengar" die Bühne. Er begann als Verkäufer von Losen der brasilianischen Tierlotterie (jogo do bicho), war Taxifahrer und Haschisch (Maconha)-Händler. Zu der Zeit machte er bereits Kokain-Kurierfahrten für "Zequinha". Mit der Verhaftung des Drogenbosses ergriff er die günstige Gelgenheit. In kurzer Zeit hatte er auf Grund seiner Kenntnisse der Kundschaft den ganzen Drogenhandel in Salvador in der Hand. Von der Justiz und er lokalen Polizei wurde er milde behandelt. Wenn er einmal verhaftet wurde, war er auch schnell wieder frei. Oft wurde er aus diesen Kreisen gewarnt, wenn er wieder einmal dingfest gemacht werden sollte. Als er dann doch verhaftet und eingesperrt wurde, entstand im Drogengeschäft eine grosse Lücke. Der Drogenhandel zersplitterte. Zuvor war der Drogenhandel zentralisiert und die Gewalt war nicht so offensichtlich.

Mehrer Banden bemächtigten sich des Drogenhandels und bekämpften sich untereinander, um die besten Umschlagplätze. Hinzu kam jetzt noch eine neue Droge: Crack, ein Unterprodukt des Kokains. Jugendliche Banden finanzierten sich damit und begannen die Stadt zu terrorisieren. Diese "Desperados", auch “soldados do tráfico” (Soldaten des (Drogen-)Handels) genannt, sind inzwischen zu jeder Terroraktion bereit und bis auf die Zähne bewaffnet. Die alten Bosse waren dazu im Vergleich Romantiker.

Heute ist es ruhig in Salvador. Lediglich ein Polizist wurde beschossen. Die Stadt ist jetzt voll mit Polizei. Es herrscht gespannte Ruhe.

Informationsquelle: Correio, Começo: Prisão de Ravengar foi a origem do crime (des)organizado, BA TV, PM reforça segurança após ataques a módulos policiais
Reblog this post [with Zemanta]