Samstag, 17. September 2016

Ein rumänischer Don Quijote mischt Spanien auf

Lagarder Danciu beschreibt sich auf Twitter als Schwuler, Rumäne, Zigeuner, Atheist, Vagabund, Hausbesetzer, als einen, der ohne Ziel unterwegs ist. Von seiner Herkunft her ist der 36-Jährige ein rumänisches Waisenkind. Er schildert seine Herkunft so: “Ich bin in Slatina geboren, in der Nähe des Wohnhauses von Ceausescu. Meine Familie ließ mich bereits im Krankenhaus im Stich, so dass ich ein Kind mehr war in den gigantischen Waisenhäusern, die das Regime unterhielt”. Dank einer verständigen Lehrerin, die ihn förderte, schaffte er es dem Elend der Waisenhäuser mit einem gestärkten Selbstbewusstsein zu entkommen.

Er flüchtete vor 13 Jahren angesichts des Homosexuellen-Hasses in Rumänien auf die iberische Halbinsel und kam über Portugal nach Spanien, wo er sich in Andalusien niederließ. 2007 kam er nach Sevilla und arbeitete als Sozialarbeiter und als Dolmetscher für die Polizei. 2015 entschied er sich, auf der Straße zu leben und politisch für die vielen Obdachlosen in Sevilla zu kämpfen. Als obdachloser Aktivist in Verteidigung der Menschenrechte.

Spanienweit wurde er bekannt als er beim Wahlkampfauftakt der Regierungspartei PP im Jahre 2016 mit einem Megaphon in die Versammlung stürzte und in Anwesenheit des Ministerpräsidenten ausrief “PP ihr sei die Mafia” und “5.000 Obdachlose”. Er stellte sich auch unerschrocken einem Marsch spanischer Neonazis mit einem Plakat “Nazis raus” entgegen. Lagarder schreckt vor keiner Aktion zurück, um auf Missstände und Armut hinzuweisen. Er geht keinem politischen Happening aus dem Weg, um für seine Sache zu kämpfen. Gleichzeitig versteht er es bestens, seine Aktionen mit Berichten und Bildern in den sozialen Medien zu verbinden.

Die Zeitung “El Periódico” beschreibt ihn unter dem Titel “Der rumänische Quijote” so:
Daran gewöhnt, dass er nicht zur Kenntnis genommen wird, so als sei er ein Mensch ohne Papiere, verdunkeln sich dieselben Gesichter des Desinteresses, wenn sie entdecken, dass der Verursacher dieser Aktionen akademische Ausbildung in den Fächern Soziologie und Sozialarbeit sowie 3 Master nachweisen kann, 3 Sprachen spricht und er während 7 Jahren als Übersetzer in der Polizei und 3 Jahre als Erzieher in marginalisierten Schulen in Andalusien gearbeitet hat.
Sicher ist, dass Lagarder Danciu trotz so vieler Provokationen, wenig Wert auf sich selbst legt. Für ihn sind sein Körper und seine Stimme – und die sozialen Netzwerke, in denen er täglich von seinen Kämpfen erzählt – nur dazu da, um die Aufmerksamkeit auf seine Forderungen zu richten. Forderungen, die oft auf verfassungsrechtlichen Texten und internationalen Verträgen beruhen. “Ich verlange nur, dass es Gerechtigkeit gibt und die Korruption verschwindet, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf haben und niemand vor Hunger stirbt. Ich spreche von Menschenrechten. Ist es zu viel von der Welt zu verlangen, dass sie die Chancengleichheit ernst nimmt?”
Er lebt jetzt mit den Obdachlosen. Seit einiger Zeit reist er durch Spanien, um auf die Situation derjenigen aufmerksam zu machen, die auf der Straße leben, in Kürze wird er auch nach Barcelona kommen, um sich mit den Bettlern, den Bewohnern und den Sozialarbeitern auseinanderzusetzen. “Da wo die Wahrheit ist. Es gibt mehr Würde auf den Bänken auf der Straße als in den Büros”, erklärt Danciu.

Er war in Barcelona und berichtet jetzt darüber unter dem Titel “Barcelona, die Stadt mit den 3.000 Obdachlosen”:
Als obdachloser Aktivist bin ich jetzt durch die großen Städte dieses Landes gereist und in Barcelona habe ich mich mit vielen obdachlosen Menschen getroffen, die von der öffentlichen Verwaltung, die ihre Verantwortlichkeit an ein Privatunternehmen delegiert hat und das seine Gewinne mit der Armut machen will, der Vergessenheit anheim gegeben werden.
Als ich mich durch die Straßen Barcelonas bewegte, habe ich obdachlose alte Menschen mit Krebs im letzen Stadium getroffen, den Tod auf der Straße erwartend. Frauen und Jugendliche ohne Arbeit, die im Müll suchten. In der Stadt gibt es mehr als 3.000 Menschen ohne Dach über dem Kopf ohne irgendwelche Rechte, weitere 2.000 Personen sammeln Müll, alle diese sind die armen Reichen, die täglich der Verfolgung durch die Gemeindepolizei ausgesetzt sind. Über die Gemeindepolizei wird die Armut kriminalisiert mit der  klaren Absicht, die Armut an die Peripherie der Stadt abzuschieben, damit die mehr als 8 Millionen Touristen, die die Stadt besuchen, sich nicht belästigt fühlen.

Lagarder schildert dann, dass die Stadt zwar über privat betriebene Obdachlosenunterkünfte verfüge, die sich in der Regel am Rand der Stadt befänden, aber völlig überbelegt seien. In der Regel reiche es dafür, dass ein Obdachloser an 3 bis 5 Tagen im Monat eine Unterkunft bekomme.

Lagarder Danciu wird weiter kämpfen für die sozial Benachteiligten in Spanien. Er wird weiterhin vor keiner Provokation zurückschrecken, auch wenn manche glauben, er kämpft wie Don Quijote gegen die Windmühlen.


Informationsquelle
El Quijote rumano
BARCELONA LA CIUDAD DE LOS 3.000 SIN TECHO
VISIBILIZAR LA POBREZA ES UN DEBER DE TODOS/AS