Direkt zum Hauptbereich

Ein rumänischer Don Quijote mischt Spanien auf

Lagarder Danciu beschreibt sich auf Twitter als Schwuler, Rumäne, Zigeuner, Atheist, Vagabund, Hausbesetzer, als einen, der ohne Ziel unterwegs ist. Von seiner Herkunft her ist der 36-Jährige ein rumänisches Waisenkind. Er schildert seine Herkunft so: “Ich bin in Slatina geboren, in der Nähe des Wohnhauses von Ceausescu. Meine Familie ließ mich bereits im Krankenhaus im Stich, so dass ich ein Kind mehr war in den gigantischen Waisenhäusern, die das Regime unterhielt”. Dank einer verständigen Lehrerin, die ihn förderte, schaffte er es dem Elend der Waisenhäuser mit einem gestärkten Selbstbewusstsein zu entkommen.

Er flüchtete vor 13 Jahren angesichts des Homosexuellen-Hasses in Rumänien auf die iberische Halbinsel und kam über Portugal nach Spanien, wo er sich in Andalusien niederließ. 2007 kam er nach Sevilla und arbeitete als Sozialarbeiter und als Dolmetscher für die Polizei. 2015 entschied er sich, auf der Straße zu leben und politisch für die vielen Obdachlosen in Sevilla zu kämpfen. Als obdachloser Aktivist in Verteidigung der Menschenrechte.

Spanienweit wurde er bekannt als er beim Wahlkampfauftakt der Regierungspartei PP im Jahre 2016 mit einem Megaphon in die Versammlung stürzte und in Anwesenheit des Ministerpräsidenten ausrief “PP ihr sei die Mafia” und “5.000 Obdachlose”. Er stellte sich auch unerschrocken einem Marsch spanischer Neonazis mit einem Plakat “Nazis raus” entgegen. Lagarder schreckt vor keiner Aktion zurück, um auf Missstände und Armut hinzuweisen. Er geht keinem politischen Happening aus dem Weg, um für seine Sache zu kämpfen. Gleichzeitig versteht er es bestens, seine Aktionen mit Berichten und Bildern in den sozialen Medien zu verbinden.

Die Zeitung “El Periódico” beschreibt ihn unter dem Titel “Der rumänische Quijote” so:
Daran gewöhnt, dass er nicht zur Kenntnis genommen wird, so als sei er ein Mensch ohne Papiere, verdunkeln sich dieselben Gesichter des Desinteresses, wenn sie entdecken, dass der Verursacher dieser Aktionen akademische Ausbildung in den Fächern Soziologie und Sozialarbeit sowie 3 Master nachweisen kann, 3 Sprachen spricht und er während 7 Jahren als Übersetzer in der Polizei und 3 Jahre als Erzieher in marginalisierten Schulen in Andalusien gearbeitet hat.
Sicher ist, dass Lagarder Danciu trotz so vieler Provokationen, wenig Wert auf sich selbst legt. Für ihn sind sein Körper und seine Stimme – und die sozialen Netzwerke, in denen er täglich von seinen Kämpfen erzählt – nur dazu da, um die Aufmerksamkeit auf seine Forderungen zu richten. Forderungen, die oft auf verfassungsrechtlichen Texten und internationalen Verträgen beruhen. “Ich verlange nur, dass es Gerechtigkeit gibt und die Korruption verschwindet, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf haben und niemand vor Hunger stirbt. Ich spreche von Menschenrechten. Ist es zu viel von der Welt zu verlangen, dass sie die Chancengleichheit ernst nimmt?”
Er lebt jetzt mit den Obdachlosen. Seit einiger Zeit reist er durch Spanien, um auf die Situation derjenigen aufmerksam zu machen, die auf der Straße leben, in Kürze wird er auch nach Barcelona kommen, um sich mit den Bettlern, den Bewohnern und den Sozialarbeitern auseinanderzusetzen. “Da wo die Wahrheit ist. Es gibt mehr Würde auf den Bänken auf der Straße als in den Büros”, erklärt Danciu.

Er war in Barcelona und berichtet jetzt darüber unter dem Titel “Barcelona, die Stadt mit den 3.000 Obdachlosen”:
Als obdachloser Aktivist bin ich jetzt durch die großen Städte dieses Landes gereist und in Barcelona habe ich mich mit vielen obdachlosen Menschen getroffen, die von der öffentlichen Verwaltung, die ihre Verantwortlichkeit an ein Privatunternehmen delegiert hat und das seine Gewinne mit der Armut machen will, der Vergessenheit anheim gegeben werden.
Als ich mich durch die Straßen Barcelonas bewegte, habe ich obdachlose alte Menschen mit Krebs im letzen Stadium getroffen, den Tod auf der Straße erwartend. Frauen und Jugendliche ohne Arbeit, die im Müll suchten. In der Stadt gibt es mehr als 3.000 Menschen ohne Dach über dem Kopf ohne irgendwelche Rechte, weitere 2.000 Personen sammeln Müll, alle diese sind die armen Reichen, die täglich der Verfolgung durch die Gemeindepolizei ausgesetzt sind. Über die Gemeindepolizei wird die Armut kriminalisiert mit der  klaren Absicht, die Armut an die Peripherie der Stadt abzuschieben, damit die mehr als 8 Millionen Touristen, die die Stadt besuchen, sich nicht belästigt fühlen.

Lagarder schildert dann, dass die Stadt zwar über privat betriebene Obdachlosenunterkünfte verfüge, die sich in der Regel am Rand der Stadt befänden, aber völlig überbelegt seien. In der Regel reiche es dafür, dass ein Obdachloser an 3 bis 5 Tagen im Monat eine Unterkunft bekomme.

Lagarder Danciu wird weiter kämpfen für die sozial Benachteiligten in Spanien. Er wird weiterhin vor keiner Provokation zurückschrecken, auch wenn manche glauben, er kämpft wie Don Quijote gegen die Windmühlen.


Informationsquelle
El Quijote rumano
BARCELONA LA CIUDAD DE LOS 3.000 SIN TECHO
VISIBILIZAR LA POBREZA ES UN DEBER DE TODOS/AS

Beliebte Beiträge

Gibraltar, Ostereier und des britischen Patrioten kriegerischer Abgang aus Europa

Scheinbar hat die britische Regierung bei ihrem nun formell erklärten Abgang aus der EU Gibraltar vergessen, genauso wie sie sich bisher wenig Gedanken um Nordirland und Schottland gemacht hat. Gibraltar, der kleine Felsen in Südspanien, der stolz für die kümmerlichen Reste des britischen Reiches steht. Richard Murphy, anerkannter Finanzfachmann, schreibt auf seinem Blog “Tax Research UK”, was er von dieser seltsamen Kolonie hält:

“Gibralter ist ein Außenposten einer Zeit, die immer noch in Köpfen ähnlich denen von William Hague existiert. Es ist ein Überbleibsel aus der Zeit des Empire und des Kolonialismus, das keinen Platz in einem modernen Europa hat, in welchem das Vereinigte Königreich (UK) offensichtlich nicht Teil sein will. Es wurde geschaffen als Steueroase und ist ein Zentrum für Offshore-Wettbüros. Das Erste ist ein Versuch zur Unterminierung der globalen Wirtschaft und der legitimen Steuereinkommen demokratisch gewählter Regierungen. Das Zweite ist verbunden m…

Eine Autobahn durch die Karpaten, das wünschen sich viele

Rumänien hat eine neue Regierung und wieder einmal verspricht diese der Bevölkerung endlich die seit langem gewünschten Autobahnen zu bauen. Unter anderem steht die Karpatenquerung zwischen Kronstadt / Brasov über Comarnic nach Bukarest an oberster Stelle der Prioritätenliste. Comarnic ist eine Kleinstadt am Südrand der Karpaten, während Kronstadt in Siebenbürgen am nördlichen Karpatenrand liegt.

Wer gerne wissen möchte, wie zur Zeit die Situation auf einer der wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen Siebenbürgen und dem südlichen Rumänien aussieht, dem sei der nachstehende Artikel in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien empfohlen:

Das Programm der Sozialdemokratischen Partei (PSD), die in Allianz mit ALDE die neue Regierung stellt, nachdem sie vom Parlament und Staatspräsident Klaus Johannis eingesetzt wurde, sieht die Gründung eines eigenstaatlichen Fonds für Investitionen und Entwicklung (Fondul Suveran de Investiţii şi Dezvoltare) in Höhe von zehn Milliarden Euro für d…

Brasilianer erfahren, dass ihnen Gammelfleisch serviert wird

Gestern hat die brasilianische Bundespolizei unter dem  Decknamen “Operation schwaches Fleisch” (Operação Carne Fraca) eine Razzia in mehreren Bundesstaaten gestartet. Ziele waren die Fleischfabriken von JBS (Friboi), BRF (Sadia/Perdigão) und Seara. JBS gehört zu den weltweit größten Lebensmittelkonzernen, BRF wird zu den 50 wertvollsten Unternehmen Brasiliens gezählt und Seara war einer der offiziellen Sponsoren der Fußball-WM 2014.

Nach Mitteilung der Bundespolizei haben lokale Aufsichtsbehörden des Ministeriums für Fischerei und Landwirtschaft die Unternehmen bevorteilt zu Lasten des öffentlichen Interesses. Die beschuldigten Beamten und Politiker hätten ihre Ämter genutzt, um gegen Bestechung falsch deklarierte Lebensmittel mittels der Herausgabe von Unbedenklichkeitszertifikaten zu ermöglichen, ohne dass die Qualität der Produkte tatsächlich überprüft wurde. Mit diesen gefälschten Zertifikaten verkauften laut Bundespolizei die genannten Unternehmen Fleisch, dessen G…

Rumäniens erfinderische Polit-Gauner

Rumäniens sozialdemokratische Partei (PSD), Wahlsiegerin bei den letzten Wahlen, testet einen neuen Holzweg. Da einige ihre Mitglieder keine saubere Westen haben und in Korruptionsverfahren stecken oder schon verurteilt sind, haben sie darüber nachgedacht wie man den lästigen Korruptionsparagraphen im Strafgesetzbuch die Schärfe nehmen könnte. Der neue Ministerpräsident hat deshalb in einer Notverordnung (!) festgelegt, dass eine Bestechung bis zur Höhe von 45.000 Euro nur noch als Ordnungswidrigkeit behandelt werden soll. Die Notverordnung muss noch im Gesetzblatt veröffentlicht werden.

Das war vielen Rumänen nun doch ein Stück zu dick. Die Straßenproteste, an denen sich Staatspräsident Johannis beteiligte, nehmen zu und es zeichnet sich ab, dass die Notverordnung nicht so einfach durchkommen wird. Inzwischen hat auch die EU aufgemerkt, denn Rumänien steht immer noch in einem Monitoring-Verfahren bezüglich des Kampfes gegen die Korruption. Die Demonstranten haben also …

Kälte und Angst lassen Frankreich zittern

Derzeit herrschen grausame Minus-Temperaturen in Frankreich, die Bevölkerung dreht die beliebten elektrischen Heizungen auf Hochtouren und verursacht damit auch noch die Angst, dass plötzlich das ganze Stromnetz kollabieren könnte. Diese Woche wird das Thermometer in Frankreich nicht über 0 Grad klettern. Das für die Stromnetze verantwortliche Unternehmen RTE gibt bekannt, dass man sich einem historischen Höchststand beim Elektrizitätsverbrauch nähere. Und das zu einer Zeit, in der 5 Atomkraftwerke wegen Sicherheitsmängel abgeschaltet sind. RTE bezeichnet die Situation als fragil, rechnet aber nicht mit Zusammenbrüchen im Stromnetz. Man werde Strom aus den Nachbarländern importieren, vorsorglich die Versorgung von 21 Industrieanlagen mit extrem hohen Stromverbrauch abschalten und die Spannung im Netz verringern.

Ein wichtiger Grund für den Notstand sind die vielen stromfressenden Elektroheizungen in Frankreich. In den glorreichen Zeiten der Atomenergie, in denen man in…

WM 2014 im brasilianischen Hinterland: Der Spaß ist vorbei, der Ärger bleibt

Die FIFA WM 2014 ist Sportgeschichte. Was bleibt sind die Trümmer in finanzieller und tatsächlicher Art. Im Februar 2014 hatte ich einen Beitrag über den WM-Ort Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas, geschrieben. Unter anderem habe ich dazu ausgeführt:
Für die 4 Spiele wurde ein neues Stadion gebaut, die Arena Amazonia. Ein bereits existierendes älteres Stadion wurde abgerissen, weil es den Anforderungen der FIFA nicht genügte. Den brasilianischen Staat kostete das 600 Millionen Real (etwa 187 Millionen Euro) und keiner weiß, was man nach den 4 Spielen mit dem Stadion anfangen soll. In diesem Zusammenhang wurde auch der Flughafen ausgebaut, für den eine große unter Naturschutz stehende Fläche entwaldet und ein Fluss unterirdisch verlegt wurde.  Für den Bau des Stadions starben 4 Bauarbeiter. Gegen das ausführende Bauunternehmen läuft seit einiger Zeit ein Schadensersatzprozess. 

Die Sportausgabe der Zeitung “O Estado de São Paulo” (Estadão) hat s…