Dienstag, 15. Oktober 2013

Rio und São Paulo, was kümmert uns der Rest Brasiliens

Ein Großteil der brasilianischen Bevölkerung lebt in den Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro. Im Dunstkreis dieser Großstädte bekommt man den Eindruck, dass es ein Brasilien außerhalb ihrer Regionen nicht gibt. Bundesstaaten wie Ceará oder Bahia im Nordosten sind für die Bewohner São Paulo’s und Rio’s gefühlt soweit entfernt und unbekannt wie für uns Kirgisien oder Kasachstan.

Einen kräftigen Beitrag, dass sich daran nichts ändert, erbringen die brasilianischen Medien, die überwiegend in São Paulo und Rio angesiedelt sind und aus der Bauchnabelschau dieser Regionen berichten. Der Regierung in Brasilia war und ist diese einseitige Berichterstattung bekannt. Deshalb wurde bei der Ausarbeitung der Verfassung von 1988 auch festgelegt, dass bei der Produktion der Programme von Radio und Fernsehen das Prinzip der Regionalisierung des kulturellen, künstlerischen und journalistischen Schaffens entsprechend den in einem Gesetz festzulegenden Prozentanteilen berücksichtigt werden sollte.

Das Abgeordnetenhaus und der brasilianische Senat nahmen den Auftrag nicht so ernst. 12 Jahre schmorte ein Gesetzentwurf im Senat, der keine Lust zeigte diesen weiter zu bearbeiten. Der Gesetzentwurf hätte zur Folge gehabt, dass 40% der Fernsehproduktion, die zur Zeit vollständig in der Achse São Paulo – Rio erfolgt, regionalisiert hätte werden müssen. Dies hätte bedeutet, dass Produktionsaufträge im Bereich Unterhaltung, Dokumentationen und TV-Serien an unabhängige Produzenten landesweit hätten vergeben werden müssen. Damit sollte eine neue Generation von Medienschaffenden über das ganze Land verteilt eine Chance haben an den Produktionen beteiligt zu werden. Daraus erhoffte man sich – abgesehen davon, dass man andere Regionen besser kennenlernen würde – mehr Mut zu Experimenten, die dem niveaulosen brasilianischen Fernsehen neues Leben einhauchen sollten.

So sollten nach dem Gesetzentwurf zwischen 17 Uhr und Mitternacht im Radio und Fernsehen regional produzierte Sendungen gezeigt werden. Mindestens 10 und maximal 22 Stunden in der Woche sollten sich die Programme mit regionalen Themen befassen. Dieser Anteil sollte innerhalb der nächsten Jahre auf maximal 32 Stunden gesteigert werden. Im Senat wurde jetzt der Gesetzentwurf bis zu Unkenntlichkeit verwässert. Vorgeschriebene Verlautbarungen der Bundes- und Landesregierungen in den Medien sowie Fußballspiele und religiöse Veranstaltung werden als “lokale Produktion” angesehen. Es gibt keine vorgeschriebene Sendezeit, so dass man solche Produktionen auch am frühen Morgen bringen kann. Was Wunder, dass eine grundlegende Änderung gescheitert ist: 25% der abstimmenden Senatoren sind Inhaber von TV-Konzessionen, deren Profitinteressen durch eine regionale Verlagerung der Produktion beschädigt würden.

Es bleibt also bei dem Zustand, den die Internet-Zeitung BrasilAtual so beschreibt: “Es ist nicht begreiflich, dass ein Land mit den Dimensionen und der kulturellen Vielfalt Brasiliens zum Beispiel jeden Tag im Fernsehen über die Staus auf den Straßen von São Paulo berichtet. Was interessiert das den Fernsehzuschauer in Acre oder Rio Grande do Sul? Gleichzeitig fallen lokale Ereignisse völlig unter den Tisch. Die von den Parlamentariern gefundene Lösung für diese Schieflage hat sich deshalb nur auf billigen Opportunismus reduziert.”

Siehe auch:
"Globo" überall

Informationsquelle
A TV brasileira não reflete, esconde o Brasil