Direkt zum Hauptbereich

Eine Kirche, die keine Barmherzigkeit kennt

Spanien wird geschichtsbewusst. War der Bürgerkrieg der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts dem Erklärungsmonopol der siegreichen Militärs und Faschisten unterworfen, wächst jetzt der Widerstand gegen diese Form der Geschichtsklitterung. Während in Südamerika, Südafrika und auch in den ehemaligen Ländern des Ostblocks Wahrheitskommissionen und Organisationen zur Aufarbeitung der Vergangenheit eingesetzt wurden, wurde in Spanien die dunkle Geschichte des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur unter Verschluss gehalten. Dies war der Preis dafür, dass die Militärs, die sich mit den entsprechenden Gesetzen die Strafverfolgung vom Leibe hielten, beim Übergang von der Diktatur in die Demokratie mitspielten.
 
Dass es in Spanien besonders lange dauert mit der Aufarbeitung der Geschichte, ist auch der katholischen Kirche zu verdanken. Schließlich war der Diktator ein superfrommer Betbruder, der meinte Gott auf seiner Seite zu wissen. Die Kirche sammelte ihre Privilegien gestützt auf die Gewehre der Militärs. Eine Aufarbeitung der spanischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts muss aus ihrer Sicht auf jeden Fall verhindert werden. Im Gegenteil: Die Kirche hat gar nichts begriffen, denn morgen sollen in Tarragona 522 “Märtyrer des Glaubens”, Priester und Nonnen, die im Bürgerkrieg per Hand der Republikaner umgekommen sein sollen, selig gesprochen werden. Organisatorin ist die spanische Bischofskonferenz, die bereits angekündigt hat, dass sie bei der Veranstaltung weder Fahnen noch Plakate dulden wird, denn es handle sich nur um einen religiösen Akt.
 
Die Plattform für eine Wahrheitskommission über die Verbrechen der Franco-Diktatur (Plataforma por una Comisión de la Verdad) hat deswegen an den Papst appelliert, er möge sich “für die Unterstützung, die die katholische Kirche dem Militärputsch und der Diktatur” gewährt habe, entschuldigen. Er solle sich dafür einsetzen, dass Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung für die Opfer gesucht werde. Die Opfer der Diktatur würden die Seligsprechung unter dem Deckmantel einer religiösen Veranstaltung als ein Versuch der Kirchenhierarchie ansehen, in einem politischen Akt die franquistischen Taten zu rechtfertigen, indem einige Opfer mit Seligsprechung in Massen geehrt werden, während diejenigen, die der Diktatur zum Opfer gefallen waren, eingeschlossen Mitglieder der Kirche, der Vergessenheit anheim gegeben werden. Die Plattform führt im Brief an den Papst aus: “Sie müssten wissen, dass die katholische Kirche den Militärputsch gegen die spanische Republik 1936 unterstützte, dass sie den Bürgerkrieg als einen Kreuzzug ansah und die Putschgeneräle damit förderte, die faschistische Diktatur und die blutige Unterdrückung legitimierte”.
 
Die spanische Kirche ist in viele Skandale verwickelt, die aus der Franco-Diktatur herrühren. Bisher hat sie es nicht für nötig gehalten sich für irgendetwas zu entschuldigen. Der Kardinal-Erzbischof von Barcelona, Lluis Martinez Sistach, versucht die Seligsprechung in seiner Sonntagsbotschaft damit zu erklären, dass diese “Märtyrer Beispiele des Glaubens, der Liebe und des Verzeihens sind”. Er fährt weiter: “Die Bischöfe wünschen dass diese Veranstaltung in Tarragona, im Jahr des Glaubens, eine Gelegenheit der Gnade sei, des Segens und des Friedens für die Kirche und die Gesellschaft”. Diese Kirchenoberen haben keine Einsicht, mit mystischem Gebrabbel glauben sie ihre dunkle Vergangenheit unter dem Deckel halten zu können.
 
Mehr Mut zeigt da die Theologin und Benediktinerin Teresa Forcades: Sie verlangt von der katholischen Kirche, dass sie sich für ihre Unterstützung der Franco-Diktatur entschuldigt und dass sie auf die Privilegien, die sie auf Grund der Zusammenarbeit mit dem Diktator erhalten hat, verzichtet. Sie ist auch der Ansicht, dass es eine Beleidigung sei, dass die Kirche den Opfern des Diktators keine öffentliche Ehrung zukommen lasse. Für sie ist klar: “Ich sehe es nicht kritisch, wenn man jemanden selig spricht, der ermordet wurde, weil er seinen Glauben verteidigt hat, aber die Seligsprechung morgen hat wie jede andere Handlung eine politische Dimension und ich vermute, dass diese Dimension von den kirchlichen Fürsprechern nicht gewünscht wird. Die Ermordung der Priester und Ordensangehörigen erfolgte in einem politischen Konflikt, ein Konflikt, der mit der Franco-Diktatur endete. Gegenüber dieser Diktatur verhielt sich die Kirche nicht neutral, sondern unterstützte das Franco-Regime”.
 
Der Papst scheint inzwischen eher auf der Linie von Teresa Forcades zu liegen, wie wird er reagieren?
 
Siehe auch:
Der lange Arm der katholischen Kirche und die spanische Bildungspolitik
Der Vatikan, die spanische Regierung und die spanischen Bischöfe
Botschaft an die spanische Jugend: Glaubt an Christus und alles wird gut!
 
Informationsquelle
Reclaman al Papa que suspenda la beatificación de 522 mártires de la Guerra Civil
Cardenal Sistach: "Los mártires son modelos de fe, amor y perdón"
La Iglesia sin perdón

Beliebte Beiträge

Wale an Menschen: Lasst uns in Ruhe!

Vor allem an der französischen Mittelmeerküste hat der Kommerz ein neues Vermarktungspotential entdeckt. Mit Delfinen oder Walen schwimmen. Das läuft so ab: Ein Flugzeug sucht im Tieflug die Tiere und danach werden entsprechende Interessenten an den Ort gebracht, um mit den Tieren schwimmen zu können. Hört sich schrecklich tierlieb an, ist aber nur wieder einmal eine der schrecklichen Geschmacksverirrungen, zu denen der Mensch in der Lage ist.
Die französische Umweltorganisation "France Nature Environment " beschreibt die Folgen:
Die Meeressäugetiere, insbesondere die Wale, sind es nicht gewöhnt in der Nähe von Menschen zu sein.  Die Tatsache, direkt mit der Anwesenheit des Menschen konfrontiert zu werden führt zu einer nicht widerrufbaren Änderung im Verhalten der Tiere. Die Delfine und Wale werden durch die Anwesenheit von Menschen verwirrt und gestresst.  Wenn Sie mit dem Flugzeug verfolgt werden,  erschöpfen sie sich. Sie werden von ihren normalen Aktivitäten abgehalten …

"Die Faschisten von Soros wollten mich lynchen"

Gabriela Firea ist Oberbürgermeisterin von Bukarest. Sie ist 43 Jahre alt und von Beruf Journalistin. 2012 wechselte sie in die Politik und wurde für die Partidul Social Democrat (PSD) in den rumänischen Senat gewählt. Im Juni 2016 wurde sie zur Oberbürgermeisterin von Bukarest gewählt. Inzwischen hat sie einen sehr hohen Beliebtheitsgrad in Rumänien und nach einer neueren Umfrage würden sie bei Präsidentschaftswahlen meht Stimmen bekommen als der derzeitige Amtsinhaber Iohannis.

Etwas rätselhaft ist diese Intention der Bevölkerung, denn in Bukarest ist Frau Firea nicht unbedingt beliebt. Sie hat bei den Wahlen viel versprochen und bisher wenig gehalten. Ein empörter Bukarester Bürger beschreibt die bisherige Erfolgbilanz von Frau Firea so: "Sie hat bisher nichts getan. Sie soll zurücktreten. Es gibt keine Parkplätze, der öffentliche Nachverkehr ist genauso schlecht wie bisher. Sie hat nichts von dem gehalten, was sie versprochen hat wie zum Beispiel Klimaanlagen in den öffentlic…

Wenn in Spanien ein Ministerpräsident vor Gericht erscheinen muss

Mariano Rajoy, derzeitiger Ministerpräsident Spaniens, musste jetzt im Korruptionsskandal "Gürtel" vor Gericht als Zeuge aussagen. Die Vorwürfe gegen ihn sind umfangreich, aber bisher ist es ihm immer wieder gelungen, den naiven Unschuldigungen zu geben. Seltsam, was alles ohne sein Wissen bei der illegalen Finanzierung seiner Partei, der Partido Popular (PP) so gelaufen ist.

Es war also Zeit, dass er endlich vor einem ernsthaft arbeitenden Gericht mit den harten Fakten konfrontiert wird. Vor der "Audiencia Nacional" (vergleichbar etwa unserem Bundesgerichtshof) genoss er allerdings eine Sonderbehandlung. Der Journalist Ignacio Escolar beschreibt wie das bei Rajoy abgelaufen ist:

Die Zeugen, die vor der Audiencia Nacional aussagen, sitzen normalerweise auf einem Stuhl gegenüber den Richtern und antworten ohne den Beistand von Rechtsanwälten und sind zur Wahrheit verpflichtet. Rajoy war aber kein Zeuge wie sonst. Er sass an einem privilegierten Platz, rechts von der …

So soll Großbritannien vom Joch der EU-Gesetzgebung befreit werden

Die britische Premierministerin Theresa legte vor kurzem dem Parlament das "Great Repeal Bill"  zur Abstimmung vor. Dabei handelt es sich um ein Gesetz, mit dem das EU-Recht im Vereinigten Königreich für ungültig erklärt werden soll. Offiziell nennt sich das Gesetz "European Union (Withdrawal) Bill", also EU-Rücknahme-Gesetz.


Mit dem Gesetz sollen die rechtlichten Wirkungen des Vertrages von 1972 über den Beitritt des UK zu EU aufgehoben werden. Damit würde wieder nur das Recht des Vereinigten Königreichs gelten und die Rechtssprechungsbefugnis des Europäischen Gerichtshofs für Großbritannien beendet. Dazu soll die bisherige in EU-Gesetzgebung in nationales Recht überführt werden, so dass am Tag des erfolgten Austritts aus der EU kein Chaos entsteht.

Alle EU-Regeln sollen in nationales Recht übernommen werden. Anschließend kann das Parlament diese Regeln "ändern, ergänzen oder verbessern". Damit soll die Geschäftswelt und Bürger und Bürgerinnen beruhigt …

Erdogans willige rumänische Helfer

Nalan Oral ist eine türkische Menschenrechtsaktivistin. Sie ist in Belgien seit 2012 als politischer Flüchtling anerkannt. Anfang Juli wollte sie zusammen mit ihrer Familie  über Rumänien nach Bulgarien reisen, um dort Urlaub zu machen. An der rumänisch-ungarischen Grenze wurde sie am 8. Juli auf Grund eines  internationalen Haftbefehls von Interpol festgenommen und ins Gefängnis gesteckt, um sie dann später an die Türkei ausliefern zu können.

Nalan Oral hatte bereits 3 Jahre in der Türkei im Gefängnis gesessen. Ihr wurde Unterstützung des Terrorismus vorgeworfen. Sie ist kurdischer Herkunft und wurde zudem wegen Unterstützung der PKK angeklagt. Sie selbst erklärt, dass sie das Opfer einer Inszenierung war. Während sie im Gefängnis sass, behaupteten die türkischen Behörden in ihrem Haus Waffen gefunden zu haben. Deshalb wurde sie in der Türkei zu weiteren 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Berufungsgericht in Timişoara hat jetzt entschieden, dass Nalan Oral aus der Haft entlassen we…

Die Probleme einer jungen Katalanin mit der Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien

Katalonien strebt ein Unabhängigkeitsreferendum im Herbst dieses Jahres an. Die Zentralregierung schwört, dass sie alles tun werde, um das Referendum zu verhindern. Den veranstaltenden katalanischen Politikern wird mit dem Verfassungsgericht und strafrechtlichen Konsequenzen gedroht. Die Stimmung zwischen den Befürwortern und Gegnern ist aufgeheizt. Dazwischen gibt es aber auch Personen, die sich nicht so richtig entscheiden können. Unter anderem auch eine junge Katalanin, deren Ausführungen ich hier gekürzt wiedergeben möchte:

Ich bin in Katalonien geboren, aufgewachsen und lebe hier. Wie viele andere Menschen ist mein Vater Katalane, aber meine Mutter kommt nicht aus Katalonien, sondern aus Andalusien. Es ist eine altbekannte Tatsache, dass in den 60er-Jahren viele Murcianer, Andalusier und Menschen aus der Extremadura auf der Suche nach Arbeit nach Katalonien gekommen sind. Denn diese prosperierende Region war auch immer eine gastfreundliche Region, die vielen Menschen die Möglichk…