Freitag, 7. Juni 2013

Wie der wilde Westen Brasiliens mit lästigen Eingeborenen umgeht

Im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul herrscht das Gesetz des Stärkeren. Die Stärkeren, das sind in der Regel Großgrundbesitzer, aber auch ausbeuterische Industrieunternehmen insbesondere der Agrarindustrie. Die vor allem darunter leiden sind die indigenen Völker, die seit Urzeiten in dieser Region des Amazonas gewohnt haben. Ich habe bereits mehrfach darüber berichtet, in welcher Form sie trotz nationaler und internationaler Proteste drangsaliert werden. Ihr Leben ist kaum etwas wert und arrogante Fazendeiros machen sich nichts daraus, aufmüpfige Indios einfach zu erschießen. Schließlich bleibt das weitgehend straffrei in dieser Region Brasiliens.
 
Auslöser sind immer wieder Kämpfe der Indios um ihre angestammten Gebiete, die sich die weißen Siedler mit der bereits geschilderten Selbstverständlichkeit aneignen. Brasilien hatte den indigenen Völkern per Verfassung versprochen, dass ihre Territorien festgelegt und markiert werden, so dass sie ein für alle mal dem Zugriff anderer entzogen werden und die Indios sich auch gegen Verstösse wehren können. Das Gebiet um die Fazenda Buriti in der Gemeinde Sidrolandia wird vom Volk der Terena als ihr historisches Land angesehen. 2010 wurde dieser Anspruch vom brasilianischen Justizministerium anerkannt. Das Gebiet von 17.200 Hektar wurde vermessen und im brasilianischen Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Allerdings hat das Präsidialbüro bis heute der Gebietsbestimmung zu keiner Gesetzeskraft verholfen.
 
Dass dieser Schwebezustand Quelle ständiger Streitigkeiten ist, ist leicht zu begreifen. Am 30. Mai versuchte die Bundes- und Militärpolizei das von den Terena besetzte Gebiet um Buriti zu stürmen. "Die Polizei kam und es gab einen richtigen Krieg. Sie begannen mit viel Tränengas zu schießen und gingen mit Gewalt gegen uns vor. Es gab keinen Versuch eines Dialogs, sie sprachen nicht einmal mit uns", erklärte einer der Häuptlinge. Am Tag darauf herrschte eine sehr angespannte Atmosphäre in Sidrolandia. Flugzeuge überflogen ständig das Gebiet und es wurde gedroht, dass die Polizei zurückkommen werde. Auf dem Gebiet wohnen ungefähr 3.800 Menschen des Volkes der Terena. Einen Tag nach dem Konflikt beschlossen sie auf ihr Gebiet zurückzukehren und für ihre Rechte zu kämpfen und dies vor allem, weil ein 35-jähriger Terena ermordet worden war. Er bekam einen Schuss in den Bauch. Dabei wurden 28 weitere Personen verletzt. Die Ermordung passierte nicht einmal auf dem besetzten Gelände, sondern außerhalb in einem bereits den Terena zugesprochenen Gebiet. 
 
Am 22. Mai 2013 haben die sozialen Bewegungen von Mato Grosso do Sul zusammen mit dem indigenen Volk Terena, vom Land Indigena Buriti, in der Gemeinde Sidrolandia ein feierliches Manifest veröffentlicht, mit dem sie auf folgendes aufmerksam machen: "Jede Verschärfung der Situation, die die Menschenrechte des Volks der Terena, der Kinder, der Alten, der Jugend und der Menschen, die an dieser Aktion teilnehmen missachtet, liegt ausschließlich in der Zuständigkeit der staatlichen Stellen, die in der brasilianischen Verfassung ein umfassendes Werkzeug haben, das allein den indigenen Völkern von Mato Grosso eine Friedenslösung bringen kann. Wir wollen die Erfüllung der Verfassungsregeln und verlangen die Anerkennung und Festlegung der indigenen Territorien." Acht Tage nach Veröffentlichung des Manifests zeigte sich die vorgeschilderte hässliche Fratze der Gewalt in Mato Grosso. Die sozialen Bewegungen verurteilen die Ermordung und verlangen "die sofortige Freilassung von 18 Indigenen, die von der Bundespolizei festgenommen worden waren" und sie erklären: "Wir rufen die Arbeiter in der Landwirtschaft und in der Stadt, die Landbevölkerung, die Indigenen und die Quilombolas auf, sich in den bevorstehenden Tagen im Kampfe zu vereinen. Gegen die Gewalt, für die Verteidigung des Lebens, für die Festlegung der Territorien der Indigenen und Quilombolas, die Durchführung der Agrarreform in Mato Grosso, um den Großgrundbesitz und die Agrarindustrie in ihre Schranken zu weisen, für den Kampf gegen das Agrokapital und aktiven Eintritt in Verteidigung der Volkssouveränität."
 
Das brasilianische Justizministerium hat jetzt reagiert. Der Justizminister José Eduardo Campo kündigte an, dass ein Forum eingerichtet werde, auf dem für die von den Indigenen besetzten Gebiete in Mato Grosso do Sul besetzten Gebiete zu verhandeln. Im Forum sollen Vertreter der Indigenen, der Landgutbesitzer und der Regierung versuchen ein Abkommen zu erreichen, um die Sackgasse in Buriti auflösen zu können. Die Bundesregierung soll dabei sein. In der Zwischenzeit werden Truppen der Força Nacional im umstrittenen Gebiet zur Befriedung stationiert.
 
Siehe auch:
Angekündigter Völkermord an den Guarani-Kaiowá
Kaiowá und Guarani haben die Nase voll
 
Informationsquelle
Manifesto de organizações e movimentos sociais do MS perante a repressão e morte na Terra indígena Buriti – CPT
Índios Terena relatam terrorismo em conflito da Terra Indígena Buriti (MS) – Revista Forum
Governo vai criar fórum para resolver conflito entre índios e fazendeiros em Sidrolândia