Freitag, 14. Juni 2013

Wenn Agrarbetriebe zu Lasten der Gesundheit wirtschaften

Am 13. Juni hat der Europäische Gerichtshof festgestellt, dass Frankreich seit Jahren gegen die Gemeinschaftsregelungen bezüglich der Reinhaltung des Wassers verstößt. Die Europäische Kommission hatte Frankreich im Jahr 2012 deswegen verklagt. Die bisherige Taktiererei der französischen Regierung und der große Druck der Agrarlobby haben aber verhindert, dass eine gute Trinkwasserqualität Vorrang vor den Interessen der Agrarbetriebe hat. Das endgültige Urteil des Europäischen Gerichtshofs könnte für Frankreich teuer werden.

Die europäische Richtlinie, die diese Materie regelt, stammt aus dem Jahre 1991. Mit ihr sollten vor allem die empfindlichen Zonen der Trinkwassereinzugsgebiete geschützt werden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass sauberes Trinkwasser absoluter Vorrang hat. Aber auch hier sind Profitinteressen wichtiger wie die Gesundheit der Menschen. Der französische Staat war bisher nicht in der Lage den Schutz der Wassereinzugsgebiete, in denen die Nitratbelastung 50 Milligramm pro Liter überschreitet, sicherzustellen. Ein zu hoher Eintrag an organischem und mineralischem Stickstoff sorgt für das Umkippen von Flüssen und die in letzter Zeit in Frankreich häufiger aufgetretenen Grünalgen-Pest. Eigentlich Grund zum handeln, aber der Berufsverband der Landwirtschaft FNSEA bestreitet, dass es soviel geschädigte Wassereinzugsgebiete gibt und verwickelt die Regierung in Gerichtsprozesse, um Zeit zu gewinnen.

Umweltministerin Delphine Batho schätzt die einstweilige Anordnung des Gerichtshofs richtig als eine Strafe für jahrelange Verzögerungen ein. Eine Kennzeichnung der schützenswerten Trinkwasserzonen hätte bereits seit 2011 erfolgen müssen. “Ich habe die Absicht mich zügig nach Brüssel zu begeben, um unser Aktionsprogramm vorzustellen. Wir müssen den noch bestehenden guten Willen für die Überzeugungsarbeit nutzen, um so eine hohe Strafe für die ständigen Verzögerungen zu vermeiden”, erklärt Ministerin Batho.

Ein anderes Problem sind die in der Landwirtschaft verwendeten Pestizide. Frankreichs Landwirte gehen mit diesen besonders sorglos um. Am 29. April berichtet France Info unter der Schlagzeile “Frankreich, Champion der Pestizide” und unter Berufung auf eine Studie des Nationalen Instituts zu Gesundheitsüberwachung (INVS), dass die Franzosen stärker von Pestiziden verseucht sind wie die Deutschen, Amerikaner oder Kanadier. 90% der Pestizide werden in der Landwirtschaft genutzt. Mehrere Studien der letzten Zeit haben auf die Risiken für Landwirte und Weinbauern hingewiesen, die diesen Pestiziden direkt ausgesetzt sind. Mitte März haben 85 Ärzte aus der Region Limoges einen Appell gegen die Verwendung von Pestiziden veröffentlicht. In dieser Region gibt es große Obstanbaugebiete und die Obstbauern sind eifrige Anwender von Pestiziden, die sie bis zur 40-mal im Jahr ausbringen. Die Ärzte schreiben: “Die Signale stehen auf Rot: Krebs, Parkinson, Probleme mit der Fruchtbarkeit… Es ist sehr schwierig bei Beeinträchtigung der Gesundheit durch die Umwelt zu sagen, dass der oder jener Krebs mit jenem Pestizid verbunden ist. Aber heute gibt es Studien, bei deren Lektüre es einem kalt den Rücken herunter läuft. Soll man noch 400 weitere Studien abwarten bevor endlich gehandelt wird? Wir glauben, dass es höchste Zeit ist, etwas zu tun.”

Informationsquelle
L'Europe condamne la France pour ses eaux polluées aux nitrates – Le Monde
La France championne des pesticides – France Info
Alerte aux pesticides lancée par des médecins limousins – France Info