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Die Leiden und Erfolge der Ziganen in Europa

Wie soll man sie nun nennen? Die Ziganen? Genauso wie es einen Ziganismus gibt gibt es auch einen Antiziganismus. Die Antiziganismus-Webseite schreibt, dass Sinti und Roma, die landläufig und in der Regel diskriminierend als "Zigeuner" und von den Behörden vorurteilsvoll mit dem alten Nazibegriff als "Landfahrer" bezeichnet werden, bereits im 15. Jahrhundert nach Deutschland eingereist sind. Und weiter: “Die Sinti und Roma lehnen die pejorativ verwendete Fremdbezeichnung "Zigeuner" größtenteils ab, weil sie alle Stereotype und Klischees in sich birgt und transportiert, mit denen die jahrhundertelange Verfolgung bis hin zum Völkermord gerechtfertigt wurde.”

Während in unserem Sprachgebrauch sich immer mehr die Verwendung Roma durchsetzt, sieht das in Rumänien und Spanien anders aus. Hier verwendet man immer noch mit Vorliebe den Begriff “ţigăn” (rumänisch, ausgesprochen “Zigan”) und in Spanien das Wort “gitano”, auch wenn hier unter der Druck der EU auch immer mehr der Begriff “Roma” insbesondere in der offiziellen Sprache verwandt wird.  Die Welt der Sinti und Roma ist uns immer noch sehr fremd. Der Normalbürger ist nicht in der Lage zwischen einem Sinti und Roma zu unterscheiden und die beiden Völker beherrschen bei uns bestenfalls mit negativem Beigeschmack die Nachrichten. Dabei wäre es doch interessant, zwei Völker etwas genauer kennen zu lernen, mit denen wir schon hunderte Jahre zusammenleben.

Unter diesem Aspekt bin ich jeweils auf eine Geschichte aus Rumänien und Spanien gestoßen, die sich mit den Erfolgen und Nöten der Roma in diesen Ländern befassen. In Rumänien ist es die Geschichte von Anca Mezei, von der die Zeitung “Adevarul” unter dem Titel “Der Kampf einer jungen Zigeunerin, die zur Traumfrau der Roma geworden ist” berichtet. Anca stammt aus Purcareni, einem Dorf im siebenbürgischen Karpatenbogen bei Kronstadt / Brasov. Anca hat einen Universitätsabschluss und ist zur Zeit Direktorin der Stiftung FAST (Stiftung für Sozialhilfe und Jugend). Sie ist in einer Roma-Familie mit 4 Kindern aufgewachsen. “Ihre Kindheit und Jugend waren ein einziger Kampf gegen das Monster der Diskriminierung und der Armut in ihrer Umgebung. Sie hat Erfolg gehabt, weil sie den eisernen Willen hatte diese Situation zu überwinden und den Angehörigen ihres Volkes zu helfen.”

Im Ort Fuencarral im Norden von Madrid im Viertel “Tres Olivos”, spielt sich ein Drama vor einer Grundschule ab. Vertreter des Schulamtes erklären den Eltern, dass ihre Schule wegen Schülermangel geschlossen werden wird. Eine wütende Mutter erklärt den Journalisten der Zeitung El Pais, dass die “Krawattenheinis” vom Schulamt in eleganten Anzügen erschienen waren und ihnen den Schließungsbeschluss bekannt gegeben haben. “Ihr ruiniert uns alle”, werfen die Eltern den Vertretern des Schulamtes entgegen und eine Frau meint “für meine Kinder bringe ich mich um”. Die Stimmung ist äußerst gereizt. Im Viertel leben viele Menschen, die zur Zeit auf die Straße gesetzt werden, weil sie die Hypotheken für ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können. Einige Schüler haben kein Geld mehr für Schulmaterial, das Schulessen bekommen sie nur noch, weil es anonyme Spender gibt.

Anca Mezei in Purcareni hat sich entgegen dem Brauch in ihrem Volk gegen eine frühe Heirat und stattdessen für ihre persönliche Entwicklung entschieden. Als Jugendliche hatte sie in der Schule als Roma mit vielen Diskriminierungen zu kämpfen. Das Geld, das ihr die Eltern für Essen gaben, hat sie benutzt, um Bücher, Kleider und Schuhe zu kaufen, damit sie mit ihren anderen Schulkollegen mithalten konnte. Sie hat Feldarbeit übernommen, um mit dem verdienten Geld das Nötige für ihre Schulausbidlung kaufen zu können. Kein einziges Mal kam ihr der Gedanke, die Schule zu verlassen, so wie es ihre Brüder getan hatten. Sie wollte weiter als das Normalmass kommen.

Die Grundschule in Fuencarral soll also geschlossen werden. Es gab dort 4 Klassen mit 71 Schülern. Die Schule habe eine Kapazität von 150 Schülern laut den Aussagen des Schulamtes. Da diese Zahl nicht erreicht werden, müsse die Schule mit einer anderen zusammengelegt werden. Dort würde auch ein qualitativ besserer Unterricht geboten. So sehen es die Bürokraten. Die Eltern und Lehrer sagen aber, dass man sich die Realitäten vor Ort mal ansehen solle. Im Wohngebiet “Tres Olivos”, in der die Schule liegt, sind 70 Prozent der Bevölkerung von der “Ethnie der Zigeuner” (etnia gitana). Die Direktorin der Schule sagt dazu: “Es sind sehr spezielle Schüler. Man muss sich sehr um sie kümmern, aber wir haben große Fortschritte gemacht”. Bei der Bevölkerung der Zigeuner ist die Quote der Klassenwiederholer um ein dreifaches höher als in anderen Schulen, ergibt sich aus einer Untersuchung über soziale Inklusion der Zigeunerbevölkerung. Die Zahl der Schulschwänzer ist besonders hoch, aber die Direktorin ist deshalb überzeugt: “Einer der Vorteile von weniger Schülern ist es, ihnen eine besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Ich habe Angst, dass, wenn wir die Schule schließen, sie für das Erziehungssystem verloren sind, denn wir kennen sie hier sehr gut”.

Anca Mezei hat als Lehrerin gearbeitet, bevor sie für die Stiftung FAST arbeitete. Wichtig ist ihr eine gute Schulausbildung für die Roma-Kinder. Dazu gehört, dass sie die Eltern von der Notwendigkeit einer Schulbildung überzeugt. Anca Mezei hat den Eltern erklärt, dass sie sich nicht zu schämen bräuchten, dass sie Roma seien. Die Stiftung betreibt auch das Projekt “Besseres Wohnen”, mit dem die Roma ihre Wohnsituation verbessern sollen, damit auch schon die Kinder gesund in einer sauberen Umgebung aufwachsen. Dazu will sie in die Familien der Roma gehen und den Müttern beibringen wie man eine Wohnung ausstattet und sauber hält. Sie will sich in den Dienst ihrer Gemeinschaft stellen, weil sie die Leute versteht und Lösungen für ihre Probleme finden kann. “Ich danke Gott, dass er sich meiner angenommen hat. Am Anfang erfuhr ich viel Ablehnung, aber es ist mir gelungen Vertrauen zu gewinnen. Für mich ist es nicht normal, dass Roma diskriminiert werden.”

Im Lehrerzimmer in Fuencarral diskutieren die Lehrer. “Die Familien vertrauen uns”, sagt eine Lehrerin. Alle fürchten, dass die Kinder nicht mehr in die Schule gehen, wenn diese schließt. Einige Mütter drohen, die Kinder zu Hause zu behalten, weil sie andern Schulen nicht trauen. Die Nachteile seien viel größer wie der Gewinn, den man durch die Schließung habe. Die Lehrer müssten weiter bezahlt werden, der Unterhalt der Schule sei relativ gering und werde von der Gemeindeverwaltung gezahlt. “Es geht nicht um Ersparnisse oder Reorganisation. Es handelt sich um reine Ideologie”, meint die Gewerkschaftsvertreterin von der Gewerkschaft CC OO. “Ein offenes Schulzentrum zu schließen ist ein sinnloser Akt und diese Schule hier zu schließen, ist eine Missachtung für eine Gesellschaftsgruppe, die im Erziehungsbereich am sehr benachteiligt ist”, fügt sie hinzu.

Siehe auch:
Eine Roma, die nicht in das Weltbild von Populisten passt
Spanien beispielhaft bei der Integration der Gitanos
König Cioabă hält Gericht
Europas Zigeuner als Sündenböcke

Informationsquelle
Lupta unei ţigăncuşe care a devenit zâna romilor – Adevarul
“Mi niño no es un número” –El Pais

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