Mittwoch, 7. November 2012

Der Glasgow-Effekt ist ein unerklärbares Mysterium

Die Schotten gehören nicht zu den gesündesten Bewohnern Europas. Ihre Lebenserwartung ist die niedrigste unter den EU-Ländern. Es gibt aber diesbezüglich noch gravierende Unterschiede innerhalb Schottlands. Am schlimmsten sieht es nämlich in der größten Stadt des Landes, in Glasgow, aus. Wissenschaftler erklären das mit “sozio-ökonomischen” Situation der Region und sprechen von einem “Glasgow-Effekt”.

Bei den Männern hebt sich Glasgow vom Rest Schottlands durch Dauererkrankungen, akute Erkrankungen und ein Potential für psychische Erkrankungen ab. Die Männer neigen zu exzessiven Alkoholkonsum und dabei zu häufigem Komasaufen. Die Krebsrate, insbesondere Lungenkrebs, liegt über dem üblichen Durchschnitt. Dazu kommen chronischen Leberleiden und häufige geistige Erkrankungen, die hauptsächlich auf Drogenkonsum zurückgeführt werden. Dazu kommt, dass sich die Glasgower wenig gesund ernähren. Frisches Gemüse kommt auf ihrem Speiseplan selten vor.

Frauen sind nicht so alkoholabhängig, leiden aber oft an psychischen Erkrankungen. Auch sie essen ungesund und vermeiden den Genuss von Gemüse. Die geringe Lebenserwartung bei ihnen wird auch auf die armseligen Lebensumstände zurückgeführt. Im allgemeinen sind die Gesundheitsprobleme und geringe Lebenserwartung bei beschäftigungslosen Männern zwischen 45 und 64 Jahre zu finden und bei Frauen der untersten sozialen Schicht, die entweder in Rente oder beschäftigungslos sind und über keine berufliche Qualifikation verfügen.

Der Alkohol und die Neigung vor allem der Männer zu exzessiven Trinkgelagen ist ursächlich für die gehäuft auftretenden chronischen Lebererkrankungen. Auch die hohe Anfälligkeit für psychische Erkrankungen sowohl bei Frauen und Männer gibt zu denken. Es gibt eine klare Schlussfolgerung der Gesundheitsfachleute: Die eigentlich Ursache ist die Deprivation und die Armut. Diese gilt es zu bekämpfen, wenn man den Bewohnern Glasgows helfen will.

Die Zeitung The Guardian zitiert einen Arzt in Glasgow mit den Worten: “Man braucht kein Arzt zu sein, um zu sehen wie ungesund die Leute in den Außenbezirken sind”. Nach dem Eindruck des Journalisten ist das nicht übertrieben und er beschreibt als Beispiel eine Gruppe bleicher Männer, die vor einer fensterlosen Pub stehen und Zigaretten qualmen. Trotzdem man einige Ursachen kennt, hat sich bei der Fachwelt der Begriff “Glasgow-Effekt” eingebürgert. Denn in anderen Städten, auch in England, gibt es derartige Armutszonen und trotzdem ist die Lebenserwartung dort höher. Auch trinken die Glasgower im allgemeinen nicht mehr und nicht weniger wie ihre vergleichbaren englischen Landsleute in Liverpool und Manchester. Der Anteil der Messerstecher, Mörder und Selbstmörder liegt aber in Glasgow signifikant höher. Aber man rätselt warum. Das führt zu einer Menge Vermutungen: Z.B. das Glasgower Wetter mit dem Ausbleiben von Vitamin D. Andere finden, dass die erhobenen Daten falsch sind. Viele geben den Glasgowern schuld, sie wären Genussmenschen, sektiererisch und neigten zu Eigenbrödelei. Was wohl noch am wahrscheinlichsten ist: Es gibt viele Ursachen, die in einer Kombination den Glasgow-Effekt bewirken.

Siehe auch:
Schottland: Der Kampf gegen Alkoholismus schädigt die Whisky-Industrie

Informationsquelle
Understanding the "Glasgow Effect"
Mystery of Glasgow's health problems