Mittwoch, 30. November 2016

Frankophonie oder der schwere Abschied vom Kolonialismus

Frankreich möchte gerne seinen politischen und kulturellen Einfluss in den ehemaligen Kolonien und befreundeten Staaten, die sich in der Vergangenheit als besonders der französischen Kultur – insbesondere der Sprache – zugeneigt hatten, pflegen und erhalten. So treffen sich die Staaten der Frankophonie regelmäßig zu Gipfeltreffen, bei denen sich in der Regel die Politiker gegenseitig feiern und Sonntagsreden gehalten werden.

Das 16. Gipfeltreffen hat vor kurzem in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, stattgefunden. An und für sich war es eine müde Veranstaltung. Gebetsmühlenartig wird wiederholt, dass man die Partnerschaft verstärken, sich mobilisieren wolle, dass Jugendliche und Frauen mehr Beschäftigungsmöglichkeiten bekommen. Ein Großteil der Staatschefs fehlten, so Kabila aus dem Kongo oder der marokkanische König. Was hält eine solches Staatenbündnis zusammen, mit derart vielen Ländern mit völlig unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und sehr großen kulturellen Unterschieden? Ist es wirklich nur die französische Sprache, der verzweifelte Versuch einer ehemaligen Kolonialmacht, über die Sprache ihren Einfluss auf die ehemaligen Kolonien zu sichern?

Staatspräsident Hollande hat im April dieses Jahres in einem Pressegespräch im koptischen Museum von Kairo das Ziel so definiert: “Die Frankophonie ist nicht einfach ein Geschenk, von denen, die französisch sprechen. Die Frankophonie ist ein Kampf, ein Kampf für Werte, ein Kampf für die Kultur, ein Kampf für die Diversität. Wir wollen damit hier, aus Anlass dieses Staatsbesuches, die Frankophonie voranbringen.”

Das Magazin “OrientXXI” nennt das einen kolonialen Bekehrungseifer und führt dazu aus:
Die vom Präsidenten benutzten Worte kann man nicht ohne Bezug auf die Rhetorik sehen, die die französischen Eliten den 19. Jahrhunderts verwendeten, um die Kolonisierung zu rechtfertigen. Die französische Sprache, die Sprache einer zivilisierten Nation, diente dazu, die Kolonisierten von ihrer primitiven Barbarei zu befreien. Dafür gab es die französische Sprache als ein “humanitäres und zivilisatorisches Geschenk”, um hier die Formulierung von Jules Ferry zu übernehmen. Die Frankophonie als Geschenk, eine Litanei, die aus der kolonialen Epoche stammt.

Die französische Sprache als ein “Geschenk” zu bezeichnen, vertuscht erneut die Art und Weise wie sie in einer großen Anzahl dieser Territorien, die man “fancophones” nennt, eingeführt wurde. Damit verbiegt man ihre Geschichte und Rolle im Kolonialisierungsprozess. Nehmen wir das Beispiel Algeriens, wo die französische Sprache keine unschuldige Sprache ist: “Französisch ist die mit einem Blutbad auf dem Gebiet unser Vorfahren installierte Sprache!” schreibt Assia Djebar in ihrem Buch “L’Amour, la fantasia”. Die Geschichte der französischen Sprache in Algerien beginnt mit der Landung der französischen Flotten am 14. Juni 1830 in Sidi-Ferruch, wo 130 Jahre der französischen Kolonisierung begannen. Die algerische Schriftstellerin, die französisch schreibt, erinnert daran, dass es nicht die Werke eines Pierre Ronsard oder von Jean Racine waren, mit der die Algerier mit der französischen Sprache konfrontiert wurden, es war die französische Sprache, die Algerien mit Gewalt aufgezwungen wurde.

Die französische Sprache wurde als die “zivilisierende” Sprache präsentiert, wo sie in Wirklichkeit die “kolonialisierende Sprache” war. In den Schulen war es ein entfremdende Sprache, denn in der Schule bekamen die Kolonisierten mit Sicherheit nichts über ihre Geschichte und Kultur zu hören. Die Kolonialschule diente dazu, den Einheimischen den Ruhm und das Prestige Frankreichs, der Mutter aller Vaterländer, nahezubringen. Es war die Sprache der kolonialen und rassistischen Werte. Den kleinen Algeriern wurde beigebracht, dass René intelligent und Ali dumm wie ein Esel ist.

Wenn jetzt François Hollande sagt: “Wir wollen nun hier aus Anlass dieses Staatsbesuches die Francophonie voranbringen”, dann zeigt er, dass die französische Sprache das Privileg des Politischen und nicht nur des Kulturellen ist. Die französische Sprache wird weiterhin zu einer festen Einrichtung gemacht und instrumentalisiert, auch wenn das koloniale Reich nicht mehr existiert, bleibt sie ein politisches Instrument.  Es ist diese französische Eigenart, eine Sprache und ihre Verbreitung politisch zu verwalten. Die Verbreitung der französischen Sprache wird mit dem Schutz der Interessen Frankreichs im Ausland vermischt. Es ist sicher kein Zufall, wenn Algerien, eine ehemalige französische Kolonie, nicht der internationalen Organisation der Frankophonie (OIF) angehört, obwohl es die zweitgrößte frankofone Gemeinschaft nach der Demokratischen Republik Kongo ist. 

Vor diesem Hintergrund findet also das Gipfeltreffen statt. Wenn neue Länder in die Frankophonie aufgenommen werden sind das die herausragenden Ergebnisse der Veranstaltung. Dieses Jahr war es Neukaledonien, eigentlich noch eine französische Kolonie. Als assoziiertes Mitglied wurde Argentinien aufgenommen. Zähneklappern verursachte ein Aufnahmeantrag von Saudi-Arabien: Dem Antrag wurde nicht entsprochen. Das nächste Gipfeltreffen findet im übrigen in Armenien statt. Unklar ist, ob die im Steigen begriffene fremdenfeindliche und nationalistische Einstellung in Frankreich der Solidarität der Frankophonen dienlich ist. Le Pen und Konsorten werden sicher eher die kolonialen Seiten der Frankophonie fördern.

Aber macht es überhaupt noch Sinn die französische Sprache mit derart hohem Aufwand zu unterstützen? Nein, mein die französische Ausgabe der Financial Times und behauptet, dass Französisch eine nutzlose Sprache sei. Nutzlos in dem Sinn, dass das Erlernen dieser Sprache höchstens noch als Hobby sinnvoll sei. Die dominierende Sprache sei und bleibe die englische Sprache, daran gäbe es keine Zweifel.
Die Wahrheit ist, dass, nachdem alle imperialen Mächte rund um die Welt ihre Fahnen eingezogen haben, Frankreich im Gegensatz dazu nie entkolonialisiert hat. Die Förderung des Französischen und seiner unterstellten Werte ist nur eine andere Art des Imperialismus.
Soweit die Meinung der Financial Times.

Informationsquelle
L’héritage colonial de la francophonie
Le Sommet - Organisation internationale de la Francophonie
"Non, le français n’est pas une langue d’avenir"