Direkt zum Hauptbereich

Frankophonie oder der schwere Abschied vom Kolonialismus

Frankreich möchte gerne seinen politischen und kulturellen Einfluss in den ehemaligen Kolonien und befreundeten Staaten, die sich in der Vergangenheit als besonders der französischen Kultur – insbesondere der Sprache – zugeneigt hatten, pflegen und erhalten. So treffen sich die Staaten der Frankophonie regelmäßig zu Gipfeltreffen, bei denen sich in der Regel die Politiker gegenseitig feiern und Sonntagsreden gehalten werden.

Das 16. Gipfeltreffen hat vor kurzem in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, stattgefunden. An und für sich war es eine müde Veranstaltung. Gebetsmühlenartig wird wiederholt, dass man die Partnerschaft verstärken, sich mobilisieren wolle, dass Jugendliche und Frauen mehr Beschäftigungsmöglichkeiten bekommen. Ein Großteil der Staatschefs fehlten, so Kabila aus dem Kongo oder der marokkanische König. Was hält eine solches Staatenbündnis zusammen, mit derart vielen Ländern mit völlig unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und sehr großen kulturellen Unterschieden? Ist es wirklich nur die französische Sprache, der verzweifelte Versuch einer ehemaligen Kolonialmacht, über die Sprache ihren Einfluss auf die ehemaligen Kolonien zu sichern?

Staatspräsident Hollande hat im April dieses Jahres in einem Pressegespräch im koptischen Museum von Kairo das Ziel so definiert: “Die Frankophonie ist nicht einfach ein Geschenk, von denen, die französisch sprechen. Die Frankophonie ist ein Kampf, ein Kampf für Werte, ein Kampf für die Kultur, ein Kampf für die Diversität. Wir wollen damit hier, aus Anlass dieses Staatsbesuches, die Frankophonie voranbringen.”

Das Magazin “OrientXXI” nennt das einen kolonialen Bekehrungseifer und führt dazu aus:
Die vom Präsidenten benutzten Worte kann man nicht ohne Bezug auf die Rhetorik sehen, die die französischen Eliten den 19. Jahrhunderts verwendeten, um die Kolonisierung zu rechtfertigen. Die französische Sprache, die Sprache einer zivilisierten Nation, diente dazu, die Kolonisierten von ihrer primitiven Barbarei zu befreien. Dafür gab es die französische Sprache als ein “humanitäres und zivilisatorisches Geschenk”, um hier die Formulierung von Jules Ferry zu übernehmen. Die Frankophonie als Geschenk, eine Litanei, die aus der kolonialen Epoche stammt.

Die französische Sprache als ein “Geschenk” zu bezeichnen, vertuscht erneut die Art und Weise wie sie in einer großen Anzahl dieser Territorien, die man “fancophones” nennt, eingeführt wurde. Damit verbiegt man ihre Geschichte und Rolle im Kolonialisierungsprozess. Nehmen wir das Beispiel Algeriens, wo die französische Sprache keine unschuldige Sprache ist: “Französisch ist die mit einem Blutbad auf dem Gebiet unser Vorfahren installierte Sprache!” schreibt Assia Djebar in ihrem Buch “L’Amour, la fantasia”. Die Geschichte der französischen Sprache in Algerien beginnt mit der Landung der französischen Flotten am 14. Juni 1830 in Sidi-Ferruch, wo 130 Jahre der französischen Kolonisierung begannen. Die algerische Schriftstellerin, die französisch schreibt, erinnert daran, dass es nicht die Werke eines Pierre Ronsard oder von Jean Racine waren, mit der die Algerier mit der französischen Sprache konfrontiert wurden, es war die französische Sprache, die Algerien mit Gewalt aufgezwungen wurde.

Die französische Sprache wurde als die “zivilisierende” Sprache präsentiert, wo sie in Wirklichkeit die “kolonialisierende Sprache” war. In den Schulen war es ein entfremdende Sprache, denn in der Schule bekamen die Kolonisierten mit Sicherheit nichts über ihre Geschichte und Kultur zu hören. Die Kolonialschule diente dazu, den Einheimischen den Ruhm und das Prestige Frankreichs, der Mutter aller Vaterländer, nahezubringen. Es war die Sprache der kolonialen und rassistischen Werte. Den kleinen Algeriern wurde beigebracht, dass René intelligent und Ali dumm wie ein Esel ist.

Wenn jetzt François Hollande sagt: “Wir wollen nun hier aus Anlass dieses Staatsbesuches die Francophonie voranbringen”, dann zeigt er, dass die französische Sprache das Privileg des Politischen und nicht nur des Kulturellen ist. Die französische Sprache wird weiterhin zu einer festen Einrichtung gemacht und instrumentalisiert, auch wenn das koloniale Reich nicht mehr existiert, bleibt sie ein politisches Instrument.  Es ist diese französische Eigenart, eine Sprache und ihre Verbreitung politisch zu verwalten. Die Verbreitung der französischen Sprache wird mit dem Schutz der Interessen Frankreichs im Ausland vermischt. Es ist sicher kein Zufall, wenn Algerien, eine ehemalige französische Kolonie, nicht der internationalen Organisation der Frankophonie (OIF) angehört, obwohl es die zweitgrößte frankofone Gemeinschaft nach der Demokratischen Republik Kongo ist. 

Vor diesem Hintergrund findet also das Gipfeltreffen statt. Wenn neue Länder in die Frankophonie aufgenommen werden sind das die herausragenden Ergebnisse der Veranstaltung. Dieses Jahr war es Neukaledonien, eigentlich noch eine französische Kolonie. Als assoziiertes Mitglied wurde Argentinien aufgenommen. Zähneklappern verursachte ein Aufnahmeantrag von Saudi-Arabien: Dem Antrag wurde nicht entsprochen. Das nächste Gipfeltreffen findet im übrigen in Armenien statt. Unklar ist, ob die im Steigen begriffene fremdenfeindliche und nationalistische Einstellung in Frankreich der Solidarität der Frankophonen dienlich ist. Le Pen und Konsorten werden sicher eher die kolonialen Seiten der Frankophonie fördern.

Aber macht es überhaupt noch Sinn die französische Sprache mit derart hohem Aufwand zu unterstützen? Nein, mein die französische Ausgabe der Financial Times und behauptet, dass Französisch eine nutzlose Sprache sei. Nutzlos in dem Sinn, dass das Erlernen dieser Sprache höchstens noch als Hobby sinnvoll sei. Die dominierende Sprache sei und bleibe die englische Sprache, daran gäbe es keine Zweifel.
Die Wahrheit ist, dass, nachdem alle imperialen Mächte rund um die Welt ihre Fahnen eingezogen haben, Frankreich im Gegensatz dazu nie entkolonialisiert hat. Die Förderung des Französischen und seiner unterstellten Werte ist nur eine andere Art des Imperialismus.
Soweit die Meinung der Financial Times.

Informationsquelle
L’héritage colonial de la francophonie
Le Sommet - Organisation internationale de la Francophonie
"Non, le français n’est pas une langue d’avenir"

Beliebte Beiträge

7 Gründe warum man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte

Journalistin Laura Stefanut von der Webseite “Romania Curata” hat 7 Gründe dafür gefunden, dass man nicht nach Rumänien auswandern oder fliehen sollte. Sie spricht zwar von Einwanderern, aber tatsächlich geht es um Flüchtlinge. Die Situation sieht für diese so aus:

Rumänien ist ein Land, aus dem Millionen Auswanderer nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind. Es ist aber kein Land, in das man auswandert. Gegenwärtig gibt es etwa 60.000 Einwanderer von außerhalb der EU im Land. Forscher der Sozialwissenschaften warnen, dass Rumänien auf eine schnelle demographischen Überalterung zusteuert, das viele Vorteile aus der Integration von Einwanderern ziehen könnte. Aber trotz aller Warnungen und Forschungen hat der Staat wenig sinnvolles in diese Richtung getan. Vor kurzem gab es Nachrichten über 2 Flüchtlinge, die aus Versehen in Rumänien gelandet waren und anfingen zu weinen als sie merkten, wo sie waren. Leider, das bestätigen die Forschungen, ist Rumänien kein gutes Z…

In Treue fest zum Atom

Der spanische Industrieminister macht es sich leicht. Ein paar Tage vor dem Unglück von Fukushima erklärte er: "Sich vor der Nuklearenergie fürchten ist wie vor der Sonnenfinsternis Angst haben".

María Teresa Domínguez, Sprecherin der Forums der spanischen Atomernergie erzählt 2009 in einem Interview: "Spanien hat 8 Atomkraftwerke, die auf höchstem Weltniveau bezüglich Verfügbarkeit und Betriebsbedingungen operieren." Keine Rede davon, dass die AKW Vandellos und Ascó schon Störfälle auf höchstem Niveau hatten. Frau Domínguez bedauert, dass die Nuklearenergie nur zu 8% zur Energieversorgung Spaniens beiträgt. Deshalb will sie daraufhin arbeiten, dass der spanische Strommix für die Zukunft einen Anteil von 30% an der Landesversorgung bekommt. Keine Angst wegen den Risiken? "Nein, die Risiken sind kontrollierbar. Ich sage das, weil ich Technikerin bin und auf dem Gebiet der Sicherheit der Atomkraftwerke arbeite. Aber das sage nicht nur ich, sondern das ist auch …

Die Betontürme von Barcelona: Auch Betonschrott macht anhänglich

Wer von den höheren Positionen der Collserola auf Barcelona hinunterblickt, dessen Blick bleibt bald an 3 Türmen im Nordosten von Barcelona hängen. Diese drei Türme, die an der Mündung des Flusses Besós ins Meer liegen, gehörten zu einem konventionellen thermischen Kraftwerk, das in den 70er Jahren gebaut worden war. Seit 2011 ist dieses Kraftwerk stillgelegt. Es hatte zuvor kräftig zur Luftverschmutzung in Barcelona beigetragen. Es liegt nicht auf der Gemarkung der Stadt Barcelona, sondern der Vorortgemeinde Sant Adrià.

Drei Türme aus Beton dienten als Kamine über die die Abgase des Kraftwerks abgeleitet wurden. Beim Bau waren sie 90m hoch über den bereits 90m hohen Hochöfen gebaut worden, Es stellte sich heraus, dass in dieser Höhe die Abgase das Stadtklima beeinträchtigten und so wurden sie bis auf 200m erhöht. Sie übertrafen damit die Türme der Kathedrale Sagrada Familia, das Wahrzeichen von Barcelona. Man könnte sich vorstellen, dass ein solches hässliches Bauwerk als Verschande…

Frankreich ekelt sich vor seinen Schlachthöfen und empört sich über Tierquälerei

Massentierhaltung in Frankreich: 83% der Hühner werden in geschlossenen Ställen aufgezogen, 68% der Hennen und 99% der Kaninchen werden in Käfigen gehalten. 95% der Schweine fristen ihr kurzes Leben in geschlossenen Ställen auf Gitterrosten. Die Tiere werden nur als Handelsware gesehen, man verstümmelt sie (Kastration ohne Betäubung, Abschneiden der Schwänze oder der Schnäbel). Ihre Sterblichkeitsrate ist sehr groß, zum Beispiel sterben 20% der Schweine vor ihrer Schlachtung.

Industrielle Massentierhaltung wie in Deutschland auch. Das Tier wird nicht als Lebewesen gesehen, sondern nur als Handelsprodukt. Während in Deutschland die Konsumenten seit einiger Zeit ins Grübeln geraten sind und sich eine Bewegung gegen Massentierhaltung gebildet hat, hat man in Frankreich, das wir als Schlemmerland kennen, bisher beide Augen zugedrückt beziehungsweise die Verbraucher wollten nicht so genau wissen wie das Fleisch auf ihrem Teller gelandet ist. Zwar hat sich seit einiger Zeit ein…

Der Generalkonsul mit Nazi-Vergangenheit, dessen Sohn mit internationalem Haftbefehl gesucht wird

Hans Hoffmann, mit Spitznamen “Juanito” oder “Don Juan”, war Generalkonsul in Málaga. Kein echter Berufskonsul, sondern ehrenhalber. Nicht nur Honorarkonsul, sondern Honorargeneralkonsul, wobei er gegen schwere Bedenken des Auswärtigen Amtes darauf bestand nur “Generalkonsul” genannt zu werden. Ganz früher war er zur Nazizeit an der deutschen Botschaft in Madrid tätig. Er kannte sich bestens im Land des Diktators Franco aus und war mit einigen Größen des Francoregimes befreundet. Spanische Medien haben inzwischen herausgefunden, dass Hoffmann an der Botschaft als Gestapo-Agent tätig war. Er soll auch bei Treffen zwischen Hitler und Franco gedolmetscht haben.Er ist 1998 gestorben.

Nach dem Krieg zog er an die Costa del Sol, wo er deutschen Nazis als Fluchthelfer gedient haben soll. In den 50er Jahren machte er die Bekanntschaft von Franz-Josef Strauß, der in Deutschland eine steile Politikerkarriere hinlegte. Strauß sorgte dafür, dass Hofmann sogenannter Wahlkonsul in Algec…

Frankreich erfindet den Zahnarzt–Aldi

Die Großzügigkeit der französischen Krankenkassen bei Erstattung von Zahnarztkosten hält sich in Grenzen. In der Regel können Versicherte mit etwa 70% erstatteter Kosten rechnen, d.h. 30% muss selbst getragen werden. Die Zahnärzte sind jedoch oft mit den Tarif-Honoraren nicht zufrieden. Sie verlangen Aufschläge, die ebenfalls an den Versicherten hängen bleiben. Gerade dieser Aufschlag scheint in letzter Zeit bei den Zahnärzten in Frankreich sehr beliebt geworden zu sein. In einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit steigt und auch viele Franzosen mit dem wirtschaftlichen Überleben kämpfen, verursacht der Gang zum Zahnarzt wegen Zahnschmerzen den Betroffenen zusätzlich noch Bauchschmerzen wegen der finanziellen Belastung.

Frankreich hat zwar den Lebensmittel-Discounter nicht erfunden, darin sind die Deutschen wohl Weltmeister, aber in anderen Bereichen haben die Franzosen durchaus den Ehrgeiz zur durchgreifenden Rationalisierung, um die Preise zu senken. Besonders offensichtlich ist das…