Samstag, 29. August 2015

Wann werden die Massaker in Brasilien ein Ende haben?

"Eldorado dos Carajás massacre" by Carlos Latuff.
Carlos Alberto Libânio Christo oder eher unter seinem Rufnamen Frei Betto bekannt, geboren 1944, ist Schriftsteller und Dominikaner-Mönch. Er ist Anhänger der Theologie der Befreiung und war 2003 bis 2004 Berater des damaligen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.

Er hat sich auf dem Internet-Portal “Correia da Cidadania” unter dem Titel “Massaker in Serie. Bis wann noch?” mit den nicht endend wollenden Gemetzel an vor allem jungen und schwarzen Menschen in Brasiliens Landregionen und Städten beschäftigt. Ich gebe seine Ausführungen hiermit übersetzt wieder:

“Vom 17 bis 19 Juli wurden in Manaus 37 Menschen ermordet. Die Exekutionen begannen nach dem Tod eines Sergeanten der Militärpolizei als dieser eine Bank verließ. Komischerweise ließ sich die Polizei viel Zeit, um an die Tatorte zu kommen….. Bis heute wurde keiner der Kriminellen gefasst.

Am 13. August – ein schicksalhaftes Datum für die Abergläubischen – wurden 18 Personen in Barueri und Osasco im Großraum São Paulo ermordet und sieben verletzt.

Wenn unser Fernsehen Exekutionen durch den “Islamischen Staat” zeigt, sind wir empört und fordern, dass die Truppen von Onkel Sam die Terroristen-Banden so schnell als möglich besiegen.

Dabei sollten wir auf uns selbst schauen. In Brasilien werden gezielt und landesweit Menschen getötet. Das Gesetz der Vergeltung wird zum äußersten getrieben: Für einen toten Polizisten werden nach dem Zufallsprinzip 10 oder mehr Unschuldige aus Rache umgebracht. Dies entspricht der Methode, die die Nazis angewandt haben. Für jeden geflüchteten Gefangenen im Konzentrationslager wurden 10 andere per Los ausgewählt, um umgebracht zu werden.
……
Wenn es einen Mord in einem vornehmen Viertel einer brasilianischen Großstadt gibt, ist die Nation empört. Über die Auswahl der “Sühne”-Opfer an der Peripherie der Großstädte, wen kümmert’s? Mit der Arroganz eines Riesen der auf weichen Polstern liegt, sammeln wir als Trophäen höchster Kriminalität die Massaker von Carandiru (1992), Vigario Geral (1993), Ianomâmis (1993), Candelária (1993), Corumbiara (1995) und Eldorado dos Carajás (1996). So viele Tote, so wenige Angeklagte, so wenige Angezeigte.

Die 50.000 Mordfälle, die man jährlich in Brasilien registriert (mehr als die Zahl der Toten in den Kriegen in Syrien, Irak und Afghanistan zusammen) macht uns nach Statistiken der UNO zu traurigen Weltmeistern des Verbrechens. Von 100 Ermordeten in der Welt kommen 13 aus Brasilien, gefolgt von Indien, Mexico, Kolumbine, Russland, Südafrika, Venezuela und USA.

Wie bildet man einen Polizisten richtig aus? Zeigt man ihm, was Menschenrechte sind oder lehren die Veteranen den Berufsanfänger nach der Methode “der beste Bandit ist ein toter Bandit”? Lernt er die Bevölkerung zu verteidigen und das Bürgerrecht jeder Person zu respektieren oder wird er nur in eine Uniform steckt und  man drückt ihm eine Waffe in die Hand, damit er Jugendliche und Schwarze demütigt? Bekommt er Unterrichtsstunden in Ethik oder reicht es, wenn er weiß, wie man Händler erpresst?  Beendet er seine Ausbildung in dem Bewusstsein, dass es wichtig ist, korrupte und mörderische Kollegen anzuzeigen oder glaubt er, dass seine Gilde über Gut und Böse steht?

Zahlen wir Steuern, um eine Polizei zu unterhalten, die unfähig ist 50.000 Tote im Jahr zu verhindern? Und wir selbst, wann werden wir nachdenken, bevor wir Behördenleiter wählen, die Komplizen sind und nichts tun? Wir sollten dafür sorgen, dass die Alarmglocken für die Opfer der Massaker in den Gebieten unseres Landes, in denen die Armut herrscht und der Staat teilnahmslos zuschaut, noch stärker läuten.”


Siehe auch:
Brasilianer trauen ihrer Polizei nicht
Rio’s Mörder-Miliz treibt Abgeordneten ins Ausland
Todesschwadrone in Brasilien - esquadrões da morte

Informationsquelle
Chacinas em série. Até quando?