Sonntag, 13. März 2011

Fukushima zeigt der Atomindustrie ihr fehlendes Verantwortungsgefühl

Die Erdbebenkatastrophe in Japan und die noch nicht absehenden Folgen einer möglichen Nuklearkatastrophe hat die Welt erschüttert. Wieder einmal sind die Beschwichtigungsparolen der Atomenergie-Lobby innerhalb kürzester Zeit als "Parolen" entlarvt worden. War die Unfallhäufigkeit in früheren Zeiten noch mit  Sprüchen der Atomstatistiker wie "ein GAU passiert nur in ein paar millionen Jahren" zur Fast-Unmöglichkeit degradiert worden, so zeigen die Geschehnisse innerhalb kurzer Zeit, dass die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigt haben, entweder zu dumm oder gekauft waren. Der Preis des Nachdenkens wird immer höher werden. Erneut soll wieder geprüft werden. Es wäre aber schön, wenn jetzt endlich einmal die Verantwortung übernommen wird, die die Befürwortung der Atomenergie erforderlich macht.

Was meint man anderswo, angesichts dieser sich abzeichnenenden Katastrophe. Spanien steht auf Druck der Atomindustrie ebenfalls vor einer positiven Entscheidung zur Laufzeitverlängerung der alten Atommeiler. Ein Kommentator der Zeitung El Pais schreiben heute: "Die (japanischen) Behörden versichern auf jeden Fall, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Explosion den Reaktor zerstört habe und dass es eine Tragödie wie in Terschnobyl geben werden. Aber "unwahrscheinlich" ist ein Adjektiv, das eher dazu gedacht ist, die öffentliche Meinung zu beruhigen, und doch hat man den Nuklearalarm ausgelöst. Die Katastrophe hat sich auf jeden Fall bereits in ein mächtiges Argument für diejenigen, die sich dieser Art von Energie entgegensetzen, verwandelt. Und das ist wichtig für Spanien, wo man deren Zukunft diskutiert."

Rumänien, dem in nächster Zeit auch wieder einmal ein starkes Erdbeben droht, weiß was die Katastrophe in Japan bedeutet. Der Kommentator der Zeitung Adevarul ist aus diesem Grund völlig außer sich, wenn er fragt: "Können sie sich vorstellen, was passiert wäre, wenn dieselbe Katastrophe Rumänien getroffen hätte? Wieviele Gebäude würden hier einem Erbeben von 9 Grad stand halten. Können sie sich Politiker vorstellen, die sich die Hände halten, Bürgermeister, die mit ihrem Auto durch die Stadt fahren und den Leuten zeigen, unter welche Unterstand sie gehen können? Eine Bevölkerung und Behörden, die übermenschliches tun, um zuerst einmal Leben zu retten und anschließend nicht ruhen bis der letzte Ziegel wieder auf dem andern liegt? Wir sollten uns vorstellen, wie Rumänien nach so etwas aussieht. Heute schließen wir Krankenhäuser und bringen unsere Ärzte dazu, ins Ausland zu gehen. Die Rechnung dafür wird früher oder später kommen und viel schmerzhafter sein." Also wenig Vertrauen zur Beherrschung einer solchen Katastrophe weder in die eigenen Politiker noch in die eigene Bevölkerung. Im übrigen wird in den Medien bereits Panik geschürt: Für die Tage vom 19. bis 24. März wird für Bukarest ein Erdbeben mittlerer Stärke, 5,35 Grad auf der Richterskala, vorhergesagt. Ganz vergessen werden Rumäniens AKW im Donauknie von Cernavoda. Bei der landesüblichen Schlamperei müssten einem eigentlich vor Angst alle Haare zu Berge stehen, wenn man an dieses AKW (2 Blöcke, ein 3. im Bau) denkt, die in Luftlinie bestenfalls 100 km von dem unruhigen Vrancea-Graben entfernt liegen. Der Vrancea-Graben ist der Hauptverursacher schwerer Erdbeben in Rumänien. Cernavoda liegt an der Donau und nicht weit vom Biosphärenreservat Donaudelta entfernt. Haben wir noch soviel zu verschenken auf dieser Erde??

In Frankreich, wo man anlässlich Tschernobyl von Regierungsseite über die Folgen gelogen hat bis sich die Balken bogen, herrscht diesselbe Abwiegelungstaktik wie eh und jeh. Regierungsamtlich beruhigt man seine Bürger damit, daß der nukleare Fall-out von Fukushima weder das französische Festland noch die Überseegebiete erreichen werde. Zum Vergleich: Beim Tschernobyl-Unfall machten die radioaktiven Wolken nach Aussagen der Regierung an der französischen Grenze halt. Also: Noch keine Ahnung haben wie die Havarien in Fukushima ausgehen, aber bereits hundertprozentig wissen, dass zumindest Frankreich nichts abbekommt. Jetzt lässt sich die Regierung in einer heute veröffentlichten Mitteilung zu folgender Aussage hinreissen: "Frankreich, seit Jahren an der Entwicklung der Nuklearenergie beteiligt, hat den höchsten Sicherheitsanforderungen in der Konstruktion und dem Betrieb der Anlagen Vorrang eingeräumt. Die Regierung wird deshalb aufmerksam die nützlichen Erkenntnisse aus den japanischen Ereignissen ziehen im Bezug auf das eigene Nuklearsystem". An der deutschen Grenze steht der Uralt-Reaktor Fessenheim, der jetzt generalüberholt werden soll und dann soll er vermutlich laufen bis die letzte Röhre korrodiert ist. Die elsässische Journal d'Alsace schreibt: "Das Verwaltungsgericht Straßburg hat vergangenen Mittwoch die Klagen auf Schliessung von Fessenheim wegen Überalterung und Gefährlichkeit verworfen. Hätte das Gericht genauso entschieden, wenn das Urteil nach dem Unfall von Fukushima hätte gefällt werden müssen? Andere Frage: Hätte Fessenheim einem Erdbeben der Stärke 8,9 standgehalten? Fessenheim wurde 1977 in Betrieb genommen. Nach dem, was (der Betreiber) EDF sagt, befindet es sich weit entfernt von den heutigen Normen im Schutz gegen Erdbeben. Fukushima verlangt einer Überprüfung der AKW und ihres Schutzes gegen Erdbeben. Sofort!" EDF hat bereits mehrfach bewiesen, dass ihr jede Vertuschung und Täuschung der Bevölkerung recht ist, um die bisher von Frankreich betriebene Politik der Priorität der Nuklearernergie nicht in Gefahr zu bringen. Inzwischen spricht sich auch in weiten Kreisen der Bevölkerung herum, dass es hierbei um Leute handelt, die einen sehr niedrigen Verantwortungshorizont haben. Deswegen bekommt die Anti-Atomkraftbewegung durch Fukushima neue Fahrt.

Auch in der Schweiz, wo die Bevölkerung von der Atomlobby mit der drohenden Stromlücke terrorisiert wird, kommt angesichts des Desasters in Japan Bewegung in die bisherige Atompolitik. Betroffen sind nicht nur die Schweizer, da man das Risiko auch an die Grenze verlagert hat. Das AKW Leibstadt am Rhein würde bei einem ähnlichen Unfall die 2-3 km entfernt liegende deutsche Kreishauptstadt Waldshut-Tiengen unbewohnbar machen. Wer kann das verantworten? Das AKW in Leibstadt liegt keine 60 Kilometer vom Epizentrum des stärksten Erdbebens entfernt, das sich in historischen Zeiten nördlich der Alpen in Basel ereignet hat. Die Debatte ist hier eröffnet, aber die Naivität mancher Schweizer dank Gehirnwäsche durch die Atomindustrie entwaffnend. Der Tagesanzeiger zitiert eine Leserin mit folgenden Worten: "Ich bin AKW-Befürworterin und werde es bleiben. Wie leben in der Schweiz und nicht in einem erdbebengefährdeten Land."


Más que un tsunami · ELPAÍS.com
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De Fukushima à Fessenheim - Journal d'Alsace
AKW Leibstadt-Verwaltungsrat Rolf Büttiker stellt neue Schweizer AKW in Frage - Aargauer Zeitung