Dienstag, 15. März 2011

Bis dass der GAU uns scheidet

Die Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Japan, die sich immer mehr auch zu einer Nuklearkatastrophe ausweitet, hat eine weltweite Beschwichtungswelle der Kernkraftwerksbetreiber ausgelöst. Überall hört man, wie sicher die eigenen Atomkraftwerke seien, wie man überall vorgesorgt habe und auch ein Beben der Erde genauestens auf seinen Meiler abgestimmt habe, so dass nichts passieren könne. Wenn sich die Natur nun an die Berechnungen unserer Technik-Koryphäen nicht hält, so wie es in Japan passiert ist, dann war das halt Pech. Oder höhere Gewalt oder sonstwas, aber auf keinen Fall Schuld der Verantwortlichen.

Ein ähnliches Beruhigungsszenario versucht zur Zeit der Kernkraftwerksbetreiber Nuclearelectrica im rumänischen Cernavoda aufzuziehen. Er beruhigt die rumänische Bevölkerung derzeit mit der Mitteilung, dass Cernavoda so geplant wurde, dass es einem Erdbeben der Größe von 8 Grad auf der Richter-Skala stand halten könne. In Rumänien gäbe es Erdbeben von höchstens 7 bis 7,5 Grad. Die Sicherheitssysteme, die in Cernavoda installiert seien, beständen aus zwei Spezialsystemen, die unabhängig voneinander arbeiten könnten.

Nuclearelectrica zieht daraus den Schluss, dass der geplante Bau der Blöcke 3 und 4 deshalb ohne Gewissensbisse weitergeführt werden könne.

Das südliche Rumänien ist hochgradig erdbebengefährdet. Das Karpatenknie im Südosten, der Vrancea-Graben, ist ein ständiger Unruheherd. Von ihm ging das zerstörerisches Erdbeben von 1977 aus, das Teile Bukarests zerstörte und 1.500 Menschen das Leben kostete. Das Beben hatte eine Stärke von 7,2 auf der Richterskala und ist damit eines der stärksten aufgetretenen Erdbeben Europas. Cernavoda liegt in Luftlinie nicht viel weiter als Bukarest vom Vrancea-Graben entfernt. Im September 2010 alarmierte ein Bericht des ukrainischen geophysikalischen Institutes in Kiew die rumänische Öffentlichkeit, das davon ausging, dass in allernächster Zeit ein Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala vom Vrancea-Graben ausgehen werde mit verheerenden Folgen auch für die Ukraine und Russland. Die rumänischen Erdbebenspezialisten bestreiten diese Gefahr. Sie verweisen darauf, dass die Erde sich im Vrancea-Graben jeden Tag bewege. Hochgradig besorgt werden die Fachleute, wenn plötzlich Ruhe herrscht. Dann baue sich eine Spannung auf, die über kurz oder lang sich in einem schweren Erdbeben auflöse.

Die ukrainischen Experten hatten zum Zeitpunkt ihrer Prognose noch keine Ahnung, was ein halbes Jahr später in Japan passieren sollte. Wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass ein Erdbeben der Stärke 8 auf der Richterskala sich ereignen wird, so ist es doch nicht unmöglich. Was, wenn wie in Japan 2 Ereignisse zusammenkommen. Z.b. ein Jahrhunderthochwasser an der Donau, an der das AKW liegt, und ein Jahrhundertbeben? Zudem kommt hinzu, dass die Erdbeben der Vrancea-Zone sich nicht immer so kalkulierbar verhalten. "Die mitteltiefen Beben in dieser eng umgrenzten Region sind die Ursache für die mitunter katastrophalen Erdbebenschäden in Bukarest", beschreibt Wikipedia das Problem.

Warum wird also eine hochgradig gefährliche Risikotechnologie nicht auf die letzte Möglichkeit der Gefährdung ausgelegt? Die Antwort ist wohl einfach: Das kostet Geld. Also werden die Augen zugemacht und darauf gehofft, dass schon nichts passieren wird. Und die Politiker und Volksvertreter spielen mit.

Siehe auch:
Drittes rumänisches AKW soll nach Transsilvanien

Informationsquelle:
Centrala de la Cernavodă rezistă la cutremurele care se pot produce în România - Mediafax